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Vor der Premiere im Großen Haus
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Fleisch ans Gerippe werfen: Stephan Suschke inszeniert „Eisenstein“ am Theater Heilbronn

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Eine Lüge in der Nachkriegszeit hat katastrophale Folgen in Christoph Nußbaumeders Familiensaga „Eisenstein“. Im Gespräch erklärt Regisseur Stephan Suschke, was ihn an dem Stück fasziniert, das auch 60 Jahre bundesrepublikanische Geschichte verhandelt.

„Für alles, was nicht aufgeht, bin ich verantwortlich“: Stephan Suschke.
„Für alles, was nicht aufgeht, bin ich verantwortlich“: Stephan Suschke.  Foto: Berger, Mario

Auf dem hohen Ross sitzend, lässt es sich leicht moralisch parlieren, gibt Stephan Suschke zu bedenken. Und nach einer 80-jährigen Friedensperiode können wir uns heute nicht vorstellen, was damals alles passiert ist in der Nachkriegszeit, so der 1958 in Weimar geborene Regisseur. „Da gab es ein wahnsinniges Hauen und Stechen.“

Eine, die in Deutschland im April 1945 um ihr Überleben kämpft, ist Erna Schatzschneider. Ihr Verlobter ist im russischen Winterkrieg gefallen. Aus Böhmen flieht die junge Frau mit ihrem ungeborenen Kind vor der Roten Armee ins bayerische Örtchen Eisenstein, weil ihr Onkel dort auf dem Hof der reichen Familie Hufnagel arbeitet.

„Sie sucht einfach einen Platz, wo sie das Ende des Krieges übersteht und dann vielleicht auch einen Neuanfang wagt“, erklärt Stephan Suschke, „insofern kriegt sie bei mir mildernde Umstände.“ Mildernde Umstände für eine Lüge, die zerstörerische Folgen nach sich zieht in Christoph Nußbaumeders Familiensaga „Eisenstein“. 2010 in Bochum uraufgeführt, bringt Suschke das Schauspiel nun auf die Bühne im Großen Haus des Heilbronner Theaters. Am Freitag, 11. April, ist Premiere, nachdem das Stück bereits in der Saison 2023/24 auf dem Spielplan stand, die Produktion aber krankheitsbedingt verschoben werden musste.

„Wie bei einem Schneeballsystem“: Eine Lüge zieht immer neue Unwahrheiten, Halbwahrheiten und Täuschungen nach sich

Was Erna verschweigt: Das Kind in ihrem Bauch stammt vom entflohenen KZ-Häftling Andreas Küster, mit dem sie auf dem Weg nach Eisenstein eine Nacht verbracht hat. Stattdessen beginnt sie aus Berechnung ein Verhältnis mit Josef Hufnagel und schiebt dem verheirateten Hofbesitzer mit Nazivergangenheit Sohn Georg unter.

„Interessant ist, wie sich aus der einen Lüge wie bei einem Schneeballsystem in der Finanzwelt immer neue Unwahrheiten, Halbwahrheiten, Täuschungen ergeben, die teilweise auch tödlich enden“, umreißt Stephan Suschke grob den weiteren Verlauf von „Eisenstein“, das von drei Generationen erzählt über sechs Zeitsprünge bis ins Jahr 2008.

Dass es sich beim Plot mal mehr, mal weniger offensichtlich um eine Konstruktion handelt, dem würde Suschke gar nicht widersprechen. „Bei Konstruktion denkt man an Gerippe. Unsere Aufgabe im Theater ist es, Fleisch an dieses Gerippe zu werfen und es zum Leben zu erwecken“, sagt der Regisseur und erzählt, wie faszinierend es bei den Proben gewesen sei, die Details der Beziehungen auszuarbeiten. „So richtig glücklich ist da keine Figur.“

Der Roman

Der Stoff von „Eisenstein“ hat Christoph Nußbaumeder so schnell nicht wieder losgelassen. Um eine weitere Generation ergänzt, hat der Autor die Geschichte zu einem gut 670 Seiten starken Roman ausgearbeitet. „Die Unverhofften“ heißt das preisgekrönte Debüt, das 2021 bei Suhrkamp erschienen ist. Am 24. Juni ist Nußbaumeder um 20 Uhr zu Gast bei einer „Autor im Gespräch“-Veranstaltung im Salon3.

Künstlich verrätseln möchte der Theatermacher die ohnehin schon komplexe Geschichte nicht. „Für alles, was nicht aufgeht, bin ich verantwortlich. Die Schauspieler haben ihr Bestes gegeben“, ist Suschke, der Schauspieldirektor am Mainfranken Theater Würzburg und am Landestheater Linz gewesen ist, bei seiner ersten Regiearbeit in Heilbronn auf „ein ungeheuer motiviertes Ensemble“ gestoßen.

„Eisenstein“ funktioniert für Stephan Suschke vor allem über das Thema Familie, zu dem jeder irgendeinen Bezug habe. „Da prallen die Charaktere und einzelnen Geschichten aufeinander“, zählt er Beispiele auf von der antiken Atriden-Tetralogie bis zur US-amerikanischen TV-Sippe „Der Denver-Clan“. Anhand von Familien könnten Konflikte gebündelt und könnte sehr sensibel auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert werden.

Wie das Publikum sich in der komplexen Geschichte zurechtfinden soll

 Als starke ästhetische Setzung von Bühnenbildner Tom Musch bezeichnet der Regisseur das Setting mit einem Grundraum aus drehbaren Säulen und Leuchtstoffröhren. Zeichenhaft werde deutlich gemacht, wo die Handlung gerade spielt: etwa in einem Heustadel, einer bürgerlichen Wohnung, in einem Büro. „Aber ohne das jetzt auszubuchstabieren, das ist kein naturalistisches Bühnenbild.“

Jahreszahlen sollen dem Publikum helfen, sich zeitlich zurechtzufinden. Und Nähe herstellen soll zudem eine Soundcollage aus zeitgenössischen Werbeclips, O-Tönen der Bundeskanzler Adenauer bis Kohl sowie Ausschnitten aus Fußballweltmeisterschaften. „Wembley konnte wir leider nicht mitnehmen, aber das war auch eine schmachvolle Niederlage, beziehungsweise die Engländer haben uns ja den Sieg gestohlen“, verweist Stephan Suschke auf die Partie von 1966.

Eisenstein

Schauspiel von Christoph Nußbaumeder, Premiere: Freitag, 11. April, 19.30 Uhr, Großes Haus des Theaters Heilbronn

Regie: Stephan Suschke

Mit Judith Lilly Raab, Tobias Weber, Romy Klötzel, Sarah Finkel, Felix Lydike, Oliver Firit und anderen.

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