Das jährliche Finale Regionale, die jurierte Ausstellung der Künstlermitglieder des Kunstvereins sowie des Künstlerbundes Heilbronn, bietet einen Überblick zum regionalen Kunstgeschehen. Der Eintritt ist frei, bis 18. Januar, Dienstag bis Sonntag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag 11 bis 19 Uhr. Der Kunstverein bleibt am 24., 25. und 31. Dezember geschlossen.Das Ausstellungsthema „Rouge et Noir“ erinnert an Stendhals 1830 erschienenen Roman, die Frage nach Glück und Zufall, die Farben im Roulette und politische Koordinaten.
Es gibt weder Gewinner noch Verlierer
Die Ausstellung „Rouge et Noir“ und Finale Regionale beim Kunstverein Heilbronn präsentiert die Bandbreite regionaler Kunstschaffender. Warum sich ein Besuch lohnt.

Der Titel ist bezeichnend: Finale Regionale. Seit Jahren verwandelt sich zum Ende eines Jahres der Kunstverein Heilbronn in das Schaufenster regionaler Kunst. Keine Gastkünstler, sondern Mitglieder von Kunstverein und Künstlerbund zeigen aktuelle Arbeiten. Zu einem Thema, das sie gewählt haben. „Rouge et Noir“ in diesem Jahr, den meisten dürfte der gleichnamige Roman von Stendhal in den Kopf kommen.
Oder aber auch Rot und Schwarz als die Farben beim Roulette, hopp oder top, jetzt oder nie. Politische Gesinnungen. Zwei Farben, die allein auf der abstrakten Ebene etwas Pulsierendes, Lebendiges, aber auch Düsteres, Unheimliches provozieren. Leben und Tod, Eros und Thanatos. Seit jeher eignen sich Rot und Schwarz für intensive Farbraum-Erfahrungen.
Kill your darlings
88 Künstler und Künstlerinnen haben 133 Arbeiten eingereicht. 87 Arbeiten von 68 Kunstschaffenden hat die dreiköpfige Jury aus Regine Weimar, Rita E. Täuber und Matthia Löbke schlussendlich ausgewählt. Aller Fülle zum Trotz, die eine Gruppenausstellung nun einmal mit sich bringt, ist eine schlüssige Präsentation gelungen in den beiden Räumen des Kunstvereins im Erdgeschoss der Kunsthalle Vogelmann. Auf einige wenige Arbeiten könnte man wohl verzichten, die Qual der Wahl, das Problem „Kill your darlings“, darf nicht unterschätzt werden.
Die Bandbreite künstlerischer Ausdrucksformen bis auf Video und Performance ist vertreten: Gemalte Bilder, unterschiedliche Drucktechniken, Skulptur, Collage, Assemblage, Installation, Digitalprint, Fotografie, Papierarbeiten. Ohne Frage dominiert Rot die Räume, die Farbe, die Energie spendet, Emotionen weckt, manch eine oder einen zum Handeln motiviert. Anderen als die Farbe der reinen Körperlichkeit gilt.
Das Frühstücksei auf dem Podest
Auf der inhaltlichen wie der formalen Ebene wird dies entsprechend vielseitig verhandelt. „Pretending“ – so tun als ob – nennt Annika Winkelmann ihren Digitalprint: ein Streuer mit rotem Pfeffer, ein Streuer mit schwarzem Salz, eine ästhetisch ansprechende Umkehr. Lola Maria Schmidt stellt ihren „WollEiBecher / RotSchwarz“ aufs Podest unter eine Glasvitrine, augenzwinkernd. Andreas Karl Schulze liebt das Sprachspiel und kommt ohne kräftige Farben klar in seiner kleinformatigen Arbeit aus Tusche und Farbstift auf kariertem Papier: „Roger et Nora“ lesen wir.
Xenia Muscat nimmt Stendhal wörtlicher in einer Mischtechnik aus Aquatintaradierung, Scherenschnitt und Aquarell und titelt „Als er die Treppe hinunterging, sagte er leichthin zu sich: Ich muss dieser Frau sagen, dass ich sie liebe.“ Das Thema Boudoir als elegantes, nicht öffentliches Zimmer greift Norbert Nolte auf: „Rouge et Noir“, ein Mieder als Collage mit Lack. Auch eine Fotografie von Klaus Schaeffer zeigt ein ins Rosé changierendes Mieder als Torso, Jörg Jauß einen Papierschnitt, den Cutout „Nu Feminin Découpé“.
Ein Brettspiel mit Kunststoffschläuchen
„Schwarz trifft Rothko“ ist bei Thomas Hammer ein wirkungsvolles Zitat in Mischtechnik. Das Künstlerkollektiv BMP, Detlef Bräuer, Karl May und Uli Peter, ist mit einer so geistreichen wie humorvollen Installation vertreten: „Brettspiel“ nennen sie den Wust aus signalroten Kunststoffschläuchen, die man auf einem schwarzen Brett umstöpseln darf. Gemäß ihrer Spielphilosophie: „Es gibt weder Gewinner noch Verlierer. Das Spiel endet, wenn beide Partien mit dem Ergebnis zufrieden sind.“
Giuseppe Di Giandomenico zeigt Fotoarbeiten und die Skulptur mit dem verstiegenen Titel „#Gi-III. Von Auf- und Abstieg. Qual und Ekstase“, eine schlicht raffinierte Strukturbildung aus rosafarbenem Marmor. Die Liste interessanter Arbeiten ist lang, alte Bekannte sind dabei, eine Arbeit von Christiane Reyle, die in ihrer pastosen Malerei wie immer aus dem Vollen schöpft. Petra Scheuermann, Nicole Welte, Michael Kilburg, aber auch die, die noch nicht so lange in Künstlerbund und Kunstverein Mitglieder sind.
Worum es in Stendhals 1830 veröffentlichtem Roman „Rouge et Noir“ geht, der die Gesellschaft in Frankreich vor der Julirevolution beschreibt? Ob der Mensch glücklich sein kann in der modernen Welt aus Heuchelei und Zufall. Die Ausstellung bietet eine Fülle an Bezügen.


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