„Es geht nicht nur darum, schöne Lieder zu singen“: Star-Bariton Thomas Hampson vor seinem Auftritt mit den Würth Philharmonikern
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Der US-amerikanische Sänger Thomas Hampson und die Würth Philharmoniker haben ein gemeinsames Album mit Brahms- und Schubert-Liedern aufgenommen. Im Interview spricht der energiegeladene 69-Jährige über frühe Auftritte auf Beerdigungen, die USA unter Trump und seine Begeisterung für die Astrologie.
„Trump und seine Truppe hassen Europa“, sagt Sänger Thomas Hampson.
Foto: Marshall Light Studio
Foto: Marshall Light Studio
Gemeinsam mit dem US-amerikanischen Bariton Thomas Hampson widmen sich die Würth Philharmoniker unter der Leitung von Claudio Vandelli auf ihrem neuen Album den „Vier ernsten Gesängen“ von Brahms und Schubert-Liedern. Am 22. März sind das Orchester und der Stargast damit live im Carmen-Würth-Forum zu erleben. Vorletzte Woche hat sich der vielbeschäftigte Sänger Zeit für ein Videointerview genommen.
Herr Hampson, die „Vier ernsten Gesänge“ von Brahms sind durchdrungen von Verzweiflung, Schmerz und Tod. Wie empfänglich sind Sie für so eine düstere Stimmung?
Thomas Hampson: Diese vier Lieder sprechen mich direkt an. Man muss dafür nicht morbide sein, sondern kann darüber nachdenken, was Leben heißt und was wir einander schenken sollen – Liebe, Toleranz, Verständnis. Brahms hatte eigentlich schon den eigenen Tod vor Augen. Er hat sehr sorgfältig geistige Texte ausgesucht. Ich bin nicht unbedingt ein kirchlicher Mensch, aber spirituell veranlagt.
Dem Tod sind Sie aber schon im Studium begegnet, als Sie auf Beerdigungen gesungen haben.
Hampson: Sehr wenige Leute wissen das (lacht). Das war in den späten 70ern in Los Angeles. Dort gibt es den berühmten Forest Lawn Memorial Park, wo auch alle Hollywoodgiganten begraben sind. Ein enormer Komplex mit sechs, sieben Kapellen. Wenn eine Familie damals etwa Gounods „Ave Maria“ hören wollte, war ich auf der Bariton-Liste. Ich glaube, es gab 35 Dollar pro Dienst. Ich stand mit dem Pianisten oder Organisten hinter einem Vorhang, habe die Leute nie gesehen, aber das Schluchzen gehört.
Lassen Sie uns zu Brahms Vanitas-Liedern zurückkehren, deren Textbasis Bibelverse sind. Er selbst bezeichnete sie als „verflucht ernst und dabei gottlos“. Wie passt das zusammen?
Hampson: Brahms war überhaupt nicht gottlos. Er war äußerst gebildet, kannte die Bibel in- und auswendig. Was er die wahre Botschaft Gottes nannte, hat er sich bewahrt. Auf keinen Fall war er Atheist. Er war Agnostiker und hatte nichts mit der Kirche zu tun. Ich sage das mit so einer Vehemenz, weil mich seine geistige Einstellung immer wieder sehr berührt. Er war gegen jede Form von Dogmatismus.
Sie haben Brahms’ letzten Liederzyklus in der Bearbeitung von Detlev Glanert für Orchester eingesungen. Inwiefern unterscheidet sich die vom intimen kammermusikalischen Original?
Hampson: Es gibt einige Bearbeitungen dieser Lieder, aber ich war nie wirklich zufrieden damit. Sie erfordern nicht nur eine Leichtigkeit, sondern eine Transparenz. Ich finde, Glanert hat das geschafft. Und mich begeistert sehr, dass die Lieder durch Vor- beziehungsweise Zwischenspiele getrennt sind und man als Hörer dazwischen nachdenken darf.
Auf der CD und im Konzert begegnen wir Brahms auch als Bearbeiter von Schubert-Liedern. Wie ist er dabei vorgegangen?
Hampson: So wie Brahms arrangiert hat, spürt man direkt seine Demut vor und Liebe zu Schubert. Er wollte nicht herumturnen, sondern eine neue musikalische Perspektive anbieten. Die Lieder sind wunderschön. Das einzige, das schwierig ist, ist „Schwager Kronos“, weil es so bombastisch ist. Aber auch das lässt sich organisieren.
Der Sänger, die CD, das Konzert
Thomas Hampson zählt zu den berühmtesten Opern- und Konzertsängern. In den USA 1955 geboren und aufgewachsen, war Hampson unter anderem Schüler von Horst Günter und Elisabeth Schwarzkopf. Sein Opernrepertoire umfasst mehr als 80 Rollen, seine Diskografie über 170 Einspielungen. Das Album mit den Würth Philharmonikern unter der Leitung von Claudio Vandelli ist bei Hänssler Classic (17 Euro) erschienen. Restkarten für das Konzert am 22. März, 17 Uhr, im Carmen-Würth-Forum online überkultur.wuerth.com.
Sie leben mit Ihrer Familie in Wien. Wie sehr treibt Sie die politische Lage in ihrem Geburtsland, den USA, um?
Hampson: Ich kann momentan ohne Bauchschmerzen über Amerika sprechen. Man muss den Wählerwillen zur Kenntnis nehmen, obwohl ich das Ergebnis total ablehne. Ich gehöre zu den 72 Millionen, die ihn nicht gewählt haben. Trump hat einige Staaten, die er nach unserem System des Electoral College gebraucht hat, mit weniger als einem Prozentpunkt Vorsprung gewonnen. Von einem Erdrutschsieg oder von einem Mandat, die ganze Welt zu ändern, kann keine Rede sein.
Noch im Januar sind Sie mit der Samuel-Barber-Oper „Vanessa“ im Kennedy Center aufgetreten. Trump hat die renommierte Institution nun übernommen und will sie auf Linie bringen. Was bedeutet das für die Kulturszene in den USA?
Hampson: In der Woche, in der ich dort war, fing es schon an. Ich bin eng mit der ehemaligen Direktorin befreundet und habe damals mit ihr reden können. Ich habe gesagt: Ich vermute, dass hier sehr unangenehme Dinge ins Rollen kommen. Sie hat mit der Stirn gerunzelt und geantwortet: Du machst dir keine Vorstellung. Die Woche darauf fand dann dieses Blutbad statt: Der ganze Aufsichtsrat wurde abgesetzt.
Wie kämpferisch muss sich die Kultur angesichts dessen zeigen?
Hampson: Eine Botschaft in der Kunst ist, dass wir Menschen mehr Miteinander statt Gegeneinander erreichen. Dass wir Gemeinsamkeiten haben, obwohl wir aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten oder Kulturen kommen oder eine unterschiedliche Ausbildung haben. Kunst verbindet, Politik separiert – besonders im Moment. Wie der gute, alte Leonard Bernstein gesagt hat: Wir werden halt lauter und öfter musizieren. Und wir werden auch im Repertoire zeigen, dass es eine Vielfalt an Kulturen, Gender und Identitäten gibt.
Sie selbst bezeichnen sich als halben Europäer...
Hampson: Und ich habe schon vor Trumps erster Amtszeit gesagt, wenn er das gewinnt – was damals schon eine Überraschung war – schnallt euch an, ihr seid alleine. Er und seine Truppe hassen Europa. Die Freundschaft zwischen den USA und Europa ist untrennbar, aber die Realpolitik der nächsten Jahre wird sehr anstrengend sein. Lasst uns dabei die Bedeutung des deutschen Begriffs Bildung nicht verwässern. Bildung ist ein Menschenrecht. Jeder junge Künstler, der auf die Bühne kommt, steht stellvertretend für die Idee, was es heißt, Mensch zu sein. Das müssen wir unseren jungen Leute beibringen. Es geht nicht nur darum, schöne Lieder zu singen.
Sie sind überall auf der Welt unterwegs sind. Finden Sie da überhaupt noch Zeit, um auf dem Golfplatz Ihr Handicap zu verbessern?
Hampson: Das ist eine sehr verletzende Frage (lacht). Überhaupt auf den Golfplatz zu kommen, ist eine Herausforderung. Mein Handicap ist dermaßen im Eimer. Ich habe mal schön gespielt und noch immer den Ehrgeiz, mein Handicap runter auf sieben oder acht zu bringen. Im Moment liegt es bei... (winkt ab). Jetzt bin ich traurig. Sie haben meinen wunden Punkt getroffen.
So möchte ich unser Gespräch nicht beenden. Also schnell die letzte Frage: Sie haben mal erzählt, dass Sie sich von einer Astrologin den Biorhythmus bestimmen lassen. Wie kann man sich das vorstellen?
Hampson: So oft haben wir auch nicht Kontakt. Ich finde die Astrologie wahnsinnig faszinierend. Ich bin immer wieder verblüfft, was diese Frau mir aus heiterem Himmel sagt. Ich frage sie nicht, ob ich aufstehen soll. Wenn ich krank bin, frage ich sie allerdings, warum jetzt? Das kann schon helfen. Letzten Endes jedoch ist ein Virus ein Virus. Wie Sie merken, bin ich im Moment aber ziemlich energiegeladen und freue mich auf die Aufgaben überall.
Traurig, aber keine Sorge: Sie können natürlich trotzdem weiterlesen.
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