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Stück von Jens Raschke
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Emil kommt in den Pizzahimmel: „Schlafen Fische?“ in der Heilbronner Boxx

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Ein kleiner Junge stirbt und sein große Schwester versucht, mit dem Verlust fertigzuwerden. „Schlafen Fische?“ von Jens Raschke widmet sich einem Tabuthema. Regisseurin Stefanie Roschek gelingt am Theater Heilbronn eine ergreifende Inszenierung.

Besuch auf dem Friedhof: Ein Jahr nach dem Tod ihres Bruders Emil blickt Jette (Magdalena Lehnen) zurück.
Besuch auf dem Friedhof: Ein Jahr nach dem Tod ihres Bruders Emil blickt Jette (Magdalena Lehnen) zurück.  Foto: Jochen Klenk

„Kindheit ist das Reich, darin niemand dir stirbt / Das heißt, niemand, der zählt“, umreißt die heute nahezu vergessene US-Lyrikerin Edna St. Vincent Millay in einem ihrer Gedichte einen Zustand der Unschuld, in den die Realität noch nicht eingebrochen ist. Seit einem Jahr ist der kleine Emil nun tot. „Es fing an mit seinem Blut“, erzählt seine ältere Schwester Jette, „irgendwann war der Körper von ihm so krank, da war nichts mehr zu machen.“ Blass wie Joghurt und still lag der Leichnam des Sechsjährigen dann zu Hause in seinem Bett, erinnert sich das Mädchen. „Emil ist jetzt fort“, rang der Vater um Worte.

Es darf nicht sein, dass ein Kind vor den Eltern geht, beklagte Jettes Mutter den unbegreiflichen Verlust. Aber wie erlebt eine Heranwachsende den Tod des ihr nahestehenden Geschwisterteils? Einer Person also, die zählt? Diese Frage verhandelt Autor Jens Raschke in „Schlafen Fische?“ aus der Sicht der zehnjährigen Protagonistin. Für das Theater Heilbronn hat Regisseurin Stefanie Roschek den ergreifenden Monolog auf die Bühne der Boxx gebracht mit einer starken Magdalena Lehnen in der Hauptrolle.

Jette kämpft darum, neben ihrem krebskranken Bruder auch gesehen zu werden

Auf der spärlich eingerichteten Bühne von Georg Burger markieren eine Parkbank, ein Mülleimer, ein paar Steine und eine Gießkanne den Friedhof, auf dem Emil begraben ist und Jette während einer ihrer wöchentlichen Besuche ins Reden kommt. Dass die Sprache, die Raschke ihr dabei in den Mund legt, nicht immer zu ihrem Alter passt, mag zu Beginn irritieren. Man hört Jette zu, wie sie vom Krankenhausaufenthalt des krebskranken Bruders berichtet, von seiner Beerdigung, dem Rotz der Mutter und den Treffen mit anderen Kindern in einer Selbsthilfegruppe.

Magdalena Lehnen gibt diese Jette als forsches Mädchen, das darum kämpft, ebenso gesehen zu werden neben Emil, dem krankheitsbedingt mehr Aufmerksamkeit zuteil wird. Ehrlich und direkt fordert sie Antworten ein auf Fragen, mit denen die Erwachsenen teils überfordert sind. Wenn sie nicht hilflos schweigen. Aber wer sollte ihnen das auch verübeln? Lehnen macht Wut, Trauer und Schmerz ihrer Figur greifbar in diesem emotional mitreißenden Solo, das sich eines Tabuthemas annimmt, nicht ohne auch leichte, humorvolle Momente zuzulassen. Etwa wenn Jette in ihrer unverstellten Art anmerkt, dass, wer verbrannt worden ist, in einen Popcornbecher passt.

Dazwischen spielt sie Dialoge nach mit abwesenden Personen. Ein dramaturgischer Kniff, der es dem Stück ermöglicht, auch deren Perspektiven mit reinzunehmen. Beispielsweise von Onkel Jens, einem arbeitslosen, stoffeligen Junggesellen, zu dem Jette dann muss, wenn die Eltern sich um Emil kümmern, und der meint, der Friedhof heiße Friedhof, weil einen die Menschen in Frieden lassen, wenn sie dort liegen. Oder von ihrer Klassenlehrerin, die sich plump bei den Schülern erkundigt, wer noch Berührung mit dem Tod hatte. „Schlafen Fische?“, will Jette von ihrem Vater wissen beim gemeinsamen Familienurlaub in Dänemark – ein nahezu unbeschwerter Moment inmitten der gemeinsamen Leidensgeschichte.

Ohne Sentimentalität und dennoch oder gerade deshalb berührend

Die liebevolle Verbindung zwischen Schwester und Bruder verdeutlicht eine Szene, in der sich beide ausmalen, wie das wohl sein wird, wenn Emil gestorben ist. „Ich habe Angst“, sagt der kleine Junge, ein Satz, der einem beim Zuschauen die Kehle zuschnürt. Du kommst in den Pizzahimmel, tröstet ihn Jette mit seiner Leibspeise. Und malt ihm eine bunte Beerdigung aus. Dass es anders kommt, ist eine Qualität des Stücks, das auf Kitsch und Sentimentalität verzichtet und trotzdem oder gerade deswegen berührt.

Nach mehr als einer Stunde spendet das Premierenpublikum am Sonntagnachmittag dieser warmherzigen Inszenierung im Stehen begeistert Applaus. Begleitet wurde die Produktion für Zuschauer ab elf Jahren von Fachleuten des Kinder- und Jugendhospizdienstes Heilbronn der Malteser sowie des Vereins „Lichtblick-TAK“. Im Anschluss an ausgewählte Vorstellungen finden Nachgespräche statt.

Weitere Aufführungen

www.theater-heilbronn.de

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