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Videokunst

Einfach warten, nicht denken, frei sein

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Video-Artist, Choreographin, Kuratorin: Videokunst von Leonore Welzin in der Zigarre in Heilbronn und was wir von Japan lernen können.

Filmstill aus dem Video „Nijinsky ohne Kohle“, eine Performance von Leonore Welzin, die Leben, Tagebücher und bildende Kunst des Tänzers Nijinskys verdichtet.
Filmstill aus dem Video „Nijinsky ohne Kohle“, eine Performance von Leonore Welzin, die Leben, Tagebücher und bildende Kunst des Tänzers Nijinskys verdichtet.  Foto: privat

Als Leonore Welzin Anfang der 80er Jahre als Stipendiatin in Tokio das Video als künstlerisch experimentelle Ausdrucksform nutzt, ist sie eine Pionierin auf dem Gebiet dieses Mediums. Ihre Performance-Videos an der Schnittstelle zur Tanztheatralik werden in Japan mit Preisen ausgezeichnet.

Die Ausbildung am Stuttgart Ballett liegt da weit hinter ihr, die Absolventin und Elevin unter John Cranko konnte sich mit dem Frauenbild des klassischen Tanzes nie identifizieren, lieber studiert sie in Hamburg Kunsterziehung und Sport, hört Vorlesungen in Kunstsoziologie. Kultur und Subkultur fließen in jenen 70er Jahren ineinander, was Leonore Welzins breit angelegten Kunstbegriff prägt. Seit 30 Jahren ist sie als freie Journalistin der Kulturredaktion der Heilbronner Stimme verbunden, davor arbeitet sie als freie Choreographin in den Niederlanden, kuratiert, ist Tanzdramaturgin am Theater Heidelberg.

Videos, Filmstills und der raue Industrieschick

Bisher wurden ihre bis zu über 40 Jahre alten Videos in Deutschland nicht öffentlich gezeigt. Noch heute vertritt eine Galerie in Tokio Leonore Welzin. Nun präsentiert das Künstlerhaus Heilbronn eine Auswahl in der Kellergalerie „eben“ in der Zigarre. Leider nur an zwei Wochenenden,  die Location wird unterhalb der Woche anders genutzt. Sich auf die acht Videos und flankierenden Filmstills einzulassen, lohnt. Zumal die schmalen  Gänge im rauen Industrieschick ein konzentriertes Sich-Einlassen provozieren.

Im Eingangsbereich als Einstimmung laufen eine Produktion des SWR aus dem Jahr 1989 und eine des MDR aus dem Jahr 1992. Zwei konzise Dokumentationen mit und über Leonore Welzins Performancekunst.  „Just wait, don’t think, be free“, lauten die drei Maximen ihres Butoh-Meisters in Japan, die man als poetologisches Programm ihrer Kunst begreifen darf. Warten, den Kopf frei machen, frei sein. Was nicht heißt, die Videos sind beliebig.

Die Grillenfrau und die Tristesse

Das Konzept zu den Arbeiten mit den sprechenden Titeln „Onnakamen - Medusa in Meditation“, „Uo Tango - Fisch Vokabular“, „Semizuma - die Grillenfrau“, „Happy birthday soft witch“, „La tristesse dureras toujours“ und „Nijinsky ohne Kohle“ stammt von Welzin, teils ist sie Performerin, teils Kamerafrau, teils hat sie die Nachbearbeitung gemacht. Oder aber mit Kameraleuten und Performern gearbeitet.

Das Spiel mit medialen Effekten besticht, das Prinzip des Kopierens der Kopie bis zur Auflösung des Bewegtbildes, etwa in „Uo Tango“, inspiriert von einer Ekstase-Übung der Theatergruppe Tenjo Sajiki, eine Explosion körperlicher Energie. Mit dem japanischen Theater von seinen Anfängen bis zur Avantgarde und dem Butoh-Tanz ist sie bestens vertraut, einige Zeit ist Leonore Welzin selbst Tänzerin und Schauspielerin in der japanischen Avantgardetruppe Tenjo Sajiki.

Videos heute übertölpeln

So wie sich technische Möglichkeiten wandeln, hat sich Videokunst, Wahrnehmung überhaupt, radikal verändert. Videos heute, sagt Welzin, übertölpeln in ihrem Perfektionismus. „Ein Perfektionismus durch schnelle Schnitte. Eine verhäckselte Zeit“, die ganz im Gegensatz steht zur extremen Verlangsamung, die Welzin in ihren Videos zelebriert. Deren hochästhetischen Charakter unterstreichen die Serien von Filmstills voll malerischer Anmutung.

Eröffnung, 17. April, 19 Uhr

Bis 26. April in der Kellergalerie der Zigarre Heilbronn, Achtungstraße 37, Samstag und Sonntag, 17 bis 19 Uhr.

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