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Roman über deutsch-spanische Vergangenheit
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Einem Familiengeheimnis auf der Spur: Verena Boos mit „Die Taucherin“ im Literaturhaus Heilbronn

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In Spanien verschwindet eine Frau, ihre Freundin aus Deutschland macht sich auf die Suche nach ihr. Bei Lesung und Gespräch im Literaturhaus Heilbronn macht Autorin Verena Boos klar, warum ihr dritter Roman, der im mediterranen Valencia spielt, mehr ist als eine spannende Sommerlektüre.

„Ein Roman, der so beginnt, ist für die Hauptfigur kein Spaziergang“: Verena Boos liest im Trappenseeschlösschen aus ihrem Roman „Die Taucherin“.
„Ein Roman, der so beginnt, ist für die Hauptfigur kein Spaziergang“: Verena Boos liest im Trappenseeschlösschen aus ihrem Roman „Die Taucherin“.  Foto: Kunz, Christiana

„Mir kam zu kurz, dass es um historische Fakten, ums Eingemachte geht“, plaudert Verena Boos ein wenig aus dem Nähkästchen über eine Meinungsverschiedenheit zwischen ihr und ihrem Verleger. Der wollte ihr neues Buch demnach als spannende Sommerlektüre vermarkten. Was in den Augen der Autorin, Jahrgang 1977, dem Gewicht der Geschichte allerdings nicht gerecht geworden wäre.

Zwar erzählt Verena Boos’ dritter Roman „Die Taucherin“, vergangenen Juli im Berliner Kanon Verlag erschienen, tatsächlich einen packenden Kriminalfall: Eine Frau in Spanien verschwindet, ihre Freundin aus Deutschland macht sich auf die Suche nach ihr. Das Rätsel wird aber vor historisch verbürgten Ereignissen gelöst: Einerseits den Verflechtungen von Franco-Diktatur, Nazideutschland und katholischer Kirche. Andererseits dem Kampf der Anwohner Cabanyals für den Erhalt des alten Valencianischen Fischerviertels in jüngerer Vergangenheit.

Verena Boos: „Ein Roman, der so beginnt, ist für die Hauptfigur kein Spaziergang“

„Amalia ist so wie ich eine Weltenbummlerin“, beschreibt Boos ihre Hauptfigur im Gespräch mit Anton Knittel, Leiter des Heilbronner Literaturhauses, wo die gebürtige Rottweilerin am Sonntagnachmittag zu Gast ist. Amalia, Mitte 40, im Schwarzwald und in Valencia aufgewachsen, befindet sich in einer Lebenskrise – frisch getrennt, aus einem neuen Job ist nix geworden –, als sie eine aufwühlende Nachricht erhält: In Valencia wurde das Handy ihrer spanischen Kindheitsfreundin Marina gefunden. Weil diese wie vom Erdboden verschluckt ist, reist Amalia in die Mittelmeer-Metropole.

„Ein Roman, der so beginnt, ist für die Hauptfigur kein Spaziergang“, verspricht Verena Boos, nachdem sie die ersten paar Seiten ihres Buches gelesen hat, die Amalia bei einem riskanten Klettermanöver am Kandel einführen. Bei der titelgebenden Taucherin handelt es sich hingegen um die verschollene Meeresbiologin Marina, wie Boos verrät, die auf Spiegelungen, Doppelgängermotive und komplementäre Figuren zu sprechen kommt. „Identität ist etwas, das permanent am Entstehen ist, etwas, das wir permanent bauen“, merkt die Autorin an. Ihr vielschichtiger Text verhandelt auch die Frage, was Familie ist: biologische Herkunft, Sozialisation, Wahlverwandtschaften?

Welches Projekt auf „Die Taucherin“ folgen soll

Dass Verena Boos für „Die Taucherin“ nicht sonderlich viel recherchieren musste, liegt daran, dass sie noch einiges in der Schublade hatte von ihrem Debütroman „Blutorangen“, der ebenfalls eine deutsch-spanische Geschichte erzählt. Umso mehr liest die promovierte Historikerin gerade Wissen an für ihr nächstes Projekt, in dessen Zentrum eine Eisforscherin und Risikoanalystin steht und das ein Mix aus Roman und Essay werden soll.

Dank eines Stipendiums wohnt Boos derzeit unter dem Dach des Stuttgarter Schriftstellerhauses. „Da sauf’ ich mir Stuttgart schön“, scherzt die Autorin ironisch, die zum Schluss als Dank eine Flasche Wein bekommt. Für den sie die passende Stofftasche gleich mitgebracht hat: „Liberté, Égalité, Weinschorle“ ist darauf zu lesen.

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