Am 6. März, 16 Uhr, findet im neuen Semester der nächste Literaturkreis an der VHS-Heilbronn statt. Drei Sitzungen sind geplant. Italien lautet das Semesterthema, wobei es kein deutscher Blick auf Italien sein soll. Auf dem Lektüreplan stehen Giovanni Boccaccio, Elsa Morante, Luigi Pirandello und weitere Autoren.
Eine wilde, aber tolle Mischung
Der Literaturkreis an der Volkshochschule Heilbronn ist eine kleine, feine Truppe und liest sich seit Anfang der 80er Jahre durch die Weltliteratur: Wer heute mitmacht und was auf der Lektüreliste steht.

Klein, fein und an diesem Freitagnachmittag nachgerade exklusiv mit zwei unerschrockenen Teilnehmerinnen: Den Literaturkreis an der Volkshochschule Heilbronn gibt es seit über 40 Jahren. Ins Leben gerufen haben ihn die damalige VHS-Leiterin Dorothea Braun-Ribbat und Rainer Moritz. Von 1983 bis 1989 leitet Moritz den Kurs, fährt alle vierzehn Tage von Tübingen nach Heilbronn und zieht bis zu drei Kurse an einem Tag durch. Morgens und nachmittags im Deutschhof. Eine seiner Schülerinnen ist Franziska Schwarz. Abends kommt oft ein Kurs in einer VHS-Außenstelle dazu. Von dort geht es nachts zurück nach Tübingen, wo Moritz in den 80ern studiert und promoviert.
Andere Leiter folgen, seit 2009 führt Martina Michelsen durch den Kosmos der Weltliteratur, seit 2018 reist sie dafür aus dem Norden an oder hält den Kurs online. In Lilienthal ist die einstige Dramaturgin an den Theatern Freiburg und Heilbronn VHS-Leiterin, die Verbundenheit zu ihrem Kurs ist geblieben. Wie vor 43 Jahren sind die meisten Teilnehmenden weiblich, sowie Statistiken belegen, dass Frauen nicht nur mehr lesen als Männer. Sondern ihr Spektrum auch breiter ist.
Das Gefühl, ein Buch in der Halt zu halten
Sachbücher und Historisches interessiert vorzugsweise Männer, Frauen sind offener. „Literatur war schon immer meins, von klein auf“, sagt Ulrike Heinemann. Über 30 Jahre ist die Heilbronnerin dabei. Seit die Kinder groß sind, widmet sich die heute 82-jährige ehemalige Technikerin beim Rundfunk ihrer Leidenschaft. Als sie in eine kleinere Wohnung zieht, muss Heinemann acht Meter Bücher verkaufen. Mindestens genauso viele umgeben sie immer noch. Die Liebe zur Literatur bezieht sich auch auf das Gefühl, das Buch in der Hand zu fühlen.
Je nach VHS-Semester-Schwerpunktthema sucht Martina Michelsen die Lektüre aus. Von „Kindheit“ über „Wasser“, „USA“, „Ernährung“, „Wetter“, „1974“ zu „Wohnung“ haben sie gemeinsam erstaunliche literarische Referenzen entdeckt. Aktuell lautet das Thema „Kleidung“. Natürlich haben sie dazu Gottfried Kellers Novelle „Kleider machen Leute“ gelesen. In der letzten Sitzung in diesem Semester stehen sechs Texte auf dem Programm. Ein Auszug aus der Genesis, die wie wohl kaum ein Text erstmals das Thema Nacktheit, Erkenntnis, Scham und Schuld verhandelt. „Die Sterntaler“ aus der Grimmschen Märchensammlung, Ausschnitte aus dem Nibelungenlied, aus „Parzifal“ von Wolfram von Eschenbach. Der kurze Prosatext „Kleider“ von Franz Kafka, schließlich eine prägnante Passage aus „Die Flucht ohne Ende“ von Joseph Roth. „Eine wilde, aber tolle Mischung“, meint Michelsen, die Damen sind begeistert. Das Gespräch ergibt sich spontan, auch in kleiner Runde. Wegen Krankheit musste der Kurs verlegt werden, der Ersatztermin dürfte nicht allen gelegen sein – andere dürften ihn schlicht vergessen haben.
„Wir sind alle mutig und vertraut“
Iris Mezger-Opp, bis zum Ruhestand Erzieherin, ist ehrenamtlich viel unterwegs und seit 18 Jahren dabei. Obwohl sie keine Zeit hat, die Bücher zu lesen. Ihre Vorbereitungs- und Nachbereitungsstrategie ist eine andere. Sie informiert sich im Internet und ist fasziniert von den Bezügen zwischen Literatur und Leben. „Wir sind alle mutig und vertraut“, bringt Ulrike Heinemann den Spirit des Literaturkreises auf den Punkt. Und bekennt: „Ich würde ,Parzifal’ alleine wohl nicht lesen.“

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