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Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung
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Eine Studie zur NS-Vergangenheit des Heilbronner Kunstmäzens soll vertiefende Erkenntnisse zutage bringen

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Die Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung hat den Historiker Frank Engehausen beauftragt. Warum der Wissenschaftler eine Dokumentation über Vogelmanns Tätigkeit während der NS-Zeit abgeben wird, aber keine Empfehlung.

Benannt nach dem Unternehmer und Mäzen Ernst Franz Vogelmann: Die Vogelmann-Kunsthalle an der Allee ist Teil der Städtischen Museen Heilbronn.
Benannt nach dem Unternehmer und Mäzen Ernst Franz Vogelmann: Die Vogelmann-Kunsthalle an der Allee ist Teil der Städtischen Museen Heilbronn.  Foto: Archiv/Christiana Kunz

Die Ernst-Franz-Vogelmann-Stiftung hat eine Studie zur Vertiefung der bestehenden Erkenntnisse zur NS-Vergangenheit ihres Stifters in Auftrag gegeben. Die Studie „Ernst Franz Vogelmann und der Nationalsozialismus“ leitet der Historiker Professor Frank Engehausen vom Historischen Seminar der Uni Heidelberg. Der Stiftungsrat, so Vorstandsvorsitzende Barbara Flosdorf-Winkel in einer Pressemitteilung, will mit diesem Auftrag die Resultate der ersten Studie, die von der Stadt Heilbronn vorgelegt wurden, mit „differenzierteren Einsichten“ ergänzen. Das Ergebnis soll im Herbst veröffentlicht werden. Nach dem Heilbronner Unternehmer und Kunstmäzen Vogelmann (1915-2003) sind die städtische Kunsthalle, Stiftung und ein Preis benannt.

Seit 2023 im Stadtarchiv einsehbar

Zur Erinnerung: 2019 hatte die Stadt eine Studie zu Kontinuitätslinien innerhalb der Heilbronner Stadteliten von der NS-Zeit bis in die 60er Jahre in Auftrag gegeben sowie anschließend ein Gutachten zur Überprüfung der nationalsozialistischen Vergangenheit von Namensgebern Heilbronner Straßen, Brücken, Plätze und Gebäuden. Seit 2023 ist die Kontinuitätsstudie der Historikerin Susanne Wein im Stadtarchiv einsehbar - und somit auch die Ausführung zu Ernst Franz Vogelmann auf den Seiten 183 bis 187.

Öffentlich diskutiert wird der Fall, seit der Heilbronner Gemeinderat Anfang April 2025 beschlossen hat, ein Verfahren zur Umbenennung betroffener Straßennamen einzuleiten. Nach Auskunft der Vogelmann-Stiftung und der Städtischen Museen erfuhren Stiftung wie auch Museumsdirektor Marc Gundel aus der Berichterstattung der Heilbronner Stimme von der vermuteten NS-Belastung Vogelmanns.

„Loyal und systemkonform im nationalsozialistischen Sinne“

Vogelmanns in der NS-Zeit prosperierender Familienbetrieb, so die Kontinuitätsstudie von Historikerin Wein, wurde unter seiner Mitleitung „loyal und systemkonform im nationalsozialistischen Sinne geführt und gab sich 1938 eine von der nationalsozialistischen Ideologie geprägte Betriebsordnung“. Dies sowie Vogelmanns Teilnahme am Ostfeldzug sollten „dokumentiert und kommuniziert“ werden. Aber sollten auch die nach ihm benannte Kunsthalle und der Ernst-Franz-Vogelmann-Preis umbenannt werden? Der Vogelmann-Preis, der in diesem Jahr an die Berliner Künstlerin Andrea Pichl verliehen wird, ist mit 30 000 Euro einer der höchstdotierten Preise für Skulptur der Gegenwart.

Anfang April 2025 hatte der Gemeinderat Heilbronn entschieden, Verfahren zur Umbenennung von sieben Straßen einzuleiten, die Namen von nachweislich in das nationalsozialistische Regime verstrickte Personen tragen. Zudem sollen an 27 Straßenschildern entsprechende Infos angebracht werden. Die Gerhart-Hauptmann-Schule, die 2022 ihren Neubau in der Karlstraße bezog, soll ebenso einen neuen Namen bekommen. Nach Auskunft der Pressestelle der Stadt Heilbronn wurden die Anwohner der August-Lämmle-Straße, Damaschkestraße, Dühringstraße, Felix-Wankel-Straße, Georg-Vogel-Straße, der Ina-Seidel- und der Rombachstraße schriftlich informiert und im vergangenen Jahr zu einer Informationsveranstaltung eingeladen.Die seither bei der Stadt eingegangenen Rückmeldungen werden von der Verwaltung ausgewertet zur Vorlage im Gemeinderat. Wann die Verwaltung ihre Vorschläge für die Umbenennung der Straßen im Gemeinderat einbringt, ist offen. Als Namensgeber werden Persönlichkeiten in Betracht gezogen, die sich dem NS-Regime widersetzt haben oder dessen Opfer wurden, darunter Fritz Bauer, Georg Elser, Else Josenhans oder Paula Straus.

Nachdem unsere Zeitung im Frühjahr vergangenen Jahres die Studie aufgriff, die Vogelmann als formal belastet einstuft durch seinen Eintritt in die Hitlerjugend 1933, die Funktion als Kameradschaftsführer sowie den Beitritt zur NSDAP 1938, wandte sich sein Enkel Kai Vogelmann an die Stimme. Und kritisierte die „öffentliche Nicht-Reaktion der Elite in Heilbronn, die sich seit Jahren mit seinem Vermögen im Rahmen der Stiftungsarbeit eingerichtet hat und nun nicht in der Lage scheint, mit dieser Situation umzugehen“. „Ich bin erleichtert“, fügte damals Kai Vogelmann hinzu, dass er nach seinen Recherchen keine Hinweise fand zu Zwangsarbeitern im Unternehmen seines Großvaters oder Lieferverträgen an Konzentrationslager. „Das Vermögen aus dem Verkauf der Cillichemie, das er Mitte der 90er Jahre in seine Stiftung einbrachte, ist kein Nazi-Geld.“

Engehausen schreibt keine Lebensgeschichte 

Was verfolgt nun Frank Engehausen? Wie geht der Experte vor? Welche Quellen stehen ihm zur Verfügung? Engehausen schreibt keine Lebensgeschichte Vogelmanns. Seine Studie, wie er im Gespräch mit der Heilbronner Stimme erklärt, befasst sich mit der NS-Zeit. Wie hat sich damals die Firma verhalten, was wurde hergestellt, wurden Zwangsarbeiter beschäftigt? Welche Lieferverträge bestanden?

„Ich bin optimistisch, dass bis Ende 2026 ein Ergebnis vorliegt.“Frank Engehausen

Da gibt es zum einen den Vogelmann-Nachlass im Stadtarchiv Heilbronn, den Susanne Wein gesichtet hat, aber nicht jedes Blatt umgedreht, so Engehausen. Darunter sind Tagebücher und eine Familiengeschichte, geschrieben von Vogelmann, der „den Narrativen der Nachkriegsgeschichte“ folgt. Dies aus heutiger Forschungsperspektive einzuordnen, ist ein Ziel. Ob die jüngsten Funde in Vogelmanns Villa Neuigkeiten enthalten oder es sich um Originale von Abschriften handelt, die im Archiv liegen, wird er prüfen und auch das Stadtarchiv Heilbronn besuchen. Das Material dort ist nur zum Teil digitalisiert.

Die Sekundärfrage nach Konsequenzen müssen andere beantworten

„Der Nachlass in Heilbronn ist relativ groß, aber überschaubar.“ Etwa 80 Prozent dürften für seine Arbeit irrelevant sein, Geschäftspapiere etwa aus den Nachkriegsjahren. „Ich bin optimistisch, dass bis Ende 2026 ein Ergebnis vorliegt.“ Eine Dokumentation und Bewertung wird Engehausen abgeben – keine Empfehlung. „Ich bin Historiker mit Schwerpunkt Nationalsozialismus. Die Sekundärfrage nach Konsequenzen müssen andere beantworten.“ Er möchte zutage fördern, was aus der NS-Zeit bekannt ist, und wissenschaftlich einordnen. Dafür sieht Engehausen weitere Quellen ein, im Staatsarchiv Ludwigsburg, im Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg der Universität Hohenheim, den Nachlass des Bruders, Bruno Vogelmann, im Stadtarchiv Crailsheim.

Nazi oder Mitläufer? „Es gab Millionen, die durch die Nazizeit gekommen sind, die sich nicht haben kompromittieren lassen“, sagt Engehausen, der als Historiker auch Mitglied der Heidelberger Kommission für Straßenbenennungen ist.

Stifter und Kunstmäzen Ernst Franz Vogelmann (Mitte) 2001 mit Partnerin Ruth Reinwald und dem damaligen Museumsdirektor Andreas Pfeiffer.
Stifter und Kunstmäzen Ernst Franz Vogelmann (Mitte) 2001 mit Partnerin Ruth Reinwald und dem damaligen Museumsdirektor Andreas Pfeiffer.  Foto: Archiv/Dittmar Dirks
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