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Musikalischer Abend mit Songs von Sezen Aksu
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Eine Erbse am Bosporus: „Istanbul“ am Theater Heilbronn

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Das tragikomische Stück „Istanbul“ stellt die deutsch-türkische Migrationsgeschichte auf den Kopf. In Nurkan Erpulats Inszenierung im Komödienhaus kommen vor allem die energiegeladenen Gesangsdarbietungen des Ensembles gut an.

Ein Heilbronner kommt als Gastarbeiter in den 1960ern nach Istanbul: Dieses Gedankenspiel liegt dem musikalischen Abend „Istanbul“ im Komödienhaus zugrunde.
Ein Heilbronner kommt als Gastarbeiter in den 1960ern nach Istanbul: Dieses Gedankenspiel liegt dem musikalischen Abend „Istanbul“ im Komödienhaus zugrunde.  Foto: Jochen Quast

Der Mann ist tot, inzwischen verbrannt worden, immer noch ungeklärt ist allerdings die Frage: Wohin nur mit seiner Asche? Soll die Urne hier in Istanbul beigesetzt werden, wo Klaus Gruber 50 Jahre lang viel gearbeitet und ein bisschen gelebt hat? Oder soll sie überführt werden nach Heilbronn, der ersten Heimatstadt des Familienvaters?

Soweit die Ausgangslage im tragikomischen Stück „Istanbul“, das dann im Rückblick sowie schlaglichtartig Klaus’ Biografie verhandelt. Und eine Migrationsgeschichte unter verkehrten Vorzeichen erzählt: Nicht Deutschland wirbt von der Türkei sogenannte Gastarbeiter nach dem Zweiten Weltkrieg an, sondern umgekehrt. Weswegen der Heilbronner in den 60ern am Bosporus landet und dort hilft, das Wirtschaftswunder mit anzukurbeln.

Der Text von „Istanbul“ wird an jeden Ort angepasst, an dem das Stück gespielt wird

2015 am Theater Bremen uraufgeführt, stand der musikalische Abend von Selen Kara, Torsten Kindermann und Akin E. Şipal mit Songs der türkischen Popsängerin Sezen Aksu an etlichen Häusern auf dem Spielplan, in einer für den jeweiligen Ort bearbeiteten Fassung. Aktuell ist „Istanbul“ am Theater Heilbronn zu sehen in der Regie von Nurkan Erpulat und unter der musikalischen Leitung von Sinem Altan.

Konzert von Olivinn im Komödienhaus

2010 formierten sich Komponistin und Pianistin Sinem Altan, Sängerin Begüm Tüzemen, Multi-Instrumentalist Özgür Ersoy sowie Perkussionist Axel Meier zum deutsch-türkischen Quartett Olivinn. In ihrem Repertoire verwebt die Band traditionelle anatolische Volkslieder mit Werken der europäischen Klassik und Elementen des zeitgenössischen Jazz. 2014 veröffentlichte das Ensemble das erste Album mit dem Titel „Kara“, 2023 folgte das zweite Studioalbum „Hava“. Am 4. Juni spielen Olivinn um 20 Uhr ein Konzert im Komödienhaus.

Eine Bühne auf der Bühne, sparsam um Requisiten ergänzt, haben sich Erpulat und Karin von Kries ausgedacht als Setting für die Stationen, die die Inszenierung brav abhakt bis zum versöhnlichen Ende. Bei einer medizinischen Untersuchung attestieren zwei Ärzte Klaus seine Arbeitstauglichkeit. Am Band schuftet er ihm Akkord, mühsam büffelt er die Sprache, in seiner winzigen Kammer im Stadtteil Balat vermisst er Frau und Kind, gemeinsam mit anderen deutschen Arbeitern zecht er Raki in Bars.

Brav werden die Stationen der Geschichte in Nurkan Erpulats Inszenierung abgehakt

Das alles birgt zwar keine spannenden Konflikte. Was diesem Gedankenspiel durch seinen im Grunde simplen Trick jedoch gelingt, ist der Perspektivwechsel. „Istanbul“ macht unmittelbar bewusst, was es für einen Menschen bedeutet, seine Heimat in der Hoffnung auf ein materiell besseres Leben zu verlassen und sich fremd zu fühlen in einem Land, das solche Arbeitskräfte nicht als Mitbürger behandelt, sondern von deren Rückkehr ausgeht.

„Ich bin eine Erbse, die durch Istanbul kullert“, klagt Klaus irgendwann, den Gabriel Kemmether als fast schon überzeichneten Deutschen beziehungsweise Heilbronner gibt: Der VfB-Fan und Stimme-Leser freut sich über die Griebenwurst, die ihm seine treue Luise (Juliane Schwabe) schickt, und sucht verzweifelt Filterkaffee, der in Istanbul nicht so leicht aufzutreiben ist. Pablo Guaneme Pinilla als Dolmetscher ´lsmet ist ein Schlitzohr („Wenn der liebe Gott Wolken über Balat schickt, kann er nicht sehen, dass ich Schweinefleisch esse“) und wird Klaus über die Jahre zum Freund. Auch Flirt Ela (Begüm Tüzemen), die Kirke von Balat, will den einsamen Heilbronner trösten.

Was Anerkennung verdient: Das Ensemble singt alle Songs auf Türkisch

Den Wandel der Metropole Istanbul, die in den 60ern eine leichte Melancholie sowie der Geist des Provisorischen umweht und die von ihren Bewohnern ein halbes Jahrhundert später nicht mehr wiedererkannt wird, weil sie so groß und unübersichtlich geworden ist, zeichnet das Stück beiläufig nach. Umso nachdrücklicher unterstreicht es die Botschaft, um die es ihm geht: daran zu erinnern, dass Gastarbeiter mehr waren als ein Intermezzo der Wirtschaftsgeschichte.

Lose kommentiert wird die Handlung durch die 13 Songs von Sezen Aksu. Poetische Nummern zwischen Schwermut und Lebensfreude sind das, die vom Ensemble mit viel Verve dargeboten werden. Während die Band Olivinn auf traditionellen türkischen Instrumente spielt, singen die Schauspieler allesamt die Lieder in ihrer Originalsprache. Chapeau!

Weitere Vorstellungen

www.theater-heilbronn.de

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