Alice Schwarzer, 1942 in Wuppertal geboren, Journalistin, Gründerin und Chefredakteurin der „Emma“, Autorin und Herausgeberin von 48 Büchern, Volontariat bei den „Düsseldorfer Nachrichten“, Reporterin der Zeitschrift „Pardon“. Von 1970 bis 1974 arbeitet sie in Paris als Korrespondentin für Radio, TV und Zeitschriften. An der Universität Vincennes studiert sie Psychologie und Soziologie. Alice Schwarzer initiiert nach französischem Vorbild die Aktion „Frauen gegen den § 218“, die 1971 zur „Stern“-Titelgeschichte führt, in der 374 Frauen öffentlich be- kennen: „Wir haben abgetrieben!“
Eine, die nicht locker lässt
Munter, wach, unerbittlich gegenüber Islamismus und falsch verstandenem Feminismus: Warum Alice Schwarzer in der VHS Heilbronn ihre Fans nicht enttäuscht und trotzdem provoziert.

Umstritten und verehrt: In Heilbronn trifft eindeutig Letzteres zu. Keine Proteste von Queerfeministinnen wie tags zuvor bei Alice Schwarzers Auftritt in Tübingen. Wie in Berlin, in Hamburg oder auf der Leipziger Buchmesse. „Ich werde nur noch nach Heilbronn kommen“, kokettiert die Ikone des Feminismus.
Hier in der Volkshochschule hat sie vor zehn Jahren „Der Schock“ vorgestellt. Ihr mutiges Buch zur Silvesternacht 2016 in Köln, in dem Schwarzer Ross und Reiter nennt und die falsche Toleranz mit dem politisierten Islam kritisiert. Was nicht heißt, dass sexuelle Gewalt nicht auch von weißen Männer ausgeht, wie der Fall Christian Ulmen zeigt, bei dem die Unschuldsvermutung gilt. Der aber auch Thema ist am Donnerstagabend, während Tausende in Hamburg gegen sexuelle Gewalt, virtuelle oder reale, auf die Straße ziehen und Collien Fernandes offenbar mit schusssicherer Weste auftritt. Nachdem sie Todesdrohungen im Netz erhalten hat. „Makaber“ nennt es Schwarzer, dass in der aktuellen „Emma“ ein Dossier das Thema Pornografie behandelt.
Eine Gefahr, wenn nicht auf wirkliche Integration gepocht wird
Gut 220 Besucherinnen und Besucher – das Ganze wurde aus dem Deutschhofkeller ins Foyer verlegt –, Frauen, doch nicht nur, darunter junge Schwarzer-Fans, sind gekommen. Herzlich, begeistert, dankbar, auch mit rauem Ton wird ohne Maulkorb debattiert: über das Stadtbild, Parallelgesellschaften und warum nicht „auf wirkliche Integration“ gepocht wird. Damit sollten sie ihren OB packen, rät Schwarzer den empörten Frauen.
Zuvor aber trägt Alice Schwarzer neun Stichworte vor aus ihrem aktuellen Buch „Feminismus pur. 99 Worte“. Kurz nippt sie am Glas – „Da steht schon ein Weißwein. Ich kann nichts dafür“ – und legt los.
Man muss nicht jede Äußerung von Alice Schwarzer mögen
Eine Ikone schafft sich ab, ist in manchen Feuilletons zu lesen. Oder ist es der Unwille, zuzuhören und andere Meinungen auszuhalten? Man muss nicht jede Äußerung Alice Schwarzers mögen, um anzuerkennen, dass ohne sie vieles anders wäre. Für Frauen und für Männer. Unerschrocken spricht die 83-jährige Kämpferin an, was sie als Fundament ihres Denkens und Handels begreift – und lässt nicht locker. Der Gegenwind, den ihre Äußerungen zu Islamismus, Krieg in der Ukraine oder zu Alice Weidel provozieren? Schwarzer scheint ihn zu genießen.
„Wir sind die beiden meistbeschimpften Frauen Deutschlands“, stellte einst Romy Schneider fest. 1976 war das. Schneider, 38 Jahre alt, und die vier Jahre ältere Schwarzer hatten sich in Köln zu einem Interview getroffen. In Schwarzers bei Heyne verlegtem Buch, die Summa ihrer Beschäftigung mit dem Feminismus von A wie Abtreibung über G wie Gewalt zu Z wie (Selbst)Zweifel, kommt unter S nun Schneider vor.
Der Begriff Feminismus ist nicht geschützt
Seit 60 Jahren ist Alice Schwarzer Journalistin, seit 50 Jahren engagierte Feministin. Sie weiß, dass der Begriff Feminismus nicht geschützt ist, vielmehr „eine inflationäre Münze“. Schwarzers erklärte Methode: objektive Recherche, subjektiver Zugriff. Die ausgewählten Schlagworte für den Abend sind „nicht abgesprochen“, wie die stellvertretende VHS-Leiterin Katrin Gilliar sagt und zum anschließenden „wertschätzenden“ Dialog ermuntert.
Mit dem Wort Gendern beginnt Schwarzer. Obwohl sie 1974 das Wort „frau“ ergänzend zu „man“ erfunden hat, kann sie die genervten Menschen verstehen, die am Unterstrich oder Sternchen der „Dogmatikerinnen“ verzweifeln. „Ich gehöre dazu.“ Es folgen Begriffe wie Essstörungen, ein Problem, das Influencerinnen noch befeuern. Islamismus, eine Strategie, die die Religion in Geiselhaft nehme, „der Faschismus des 21. Jahrhunderts“. Krieg ist das nächste Reizwort – „Sie haben mitbekommen, dass ich sehr dafür gerügt werde, dass ich mich für Verhandlungen und nicht für Waffen einsetze“.
Porno und Prostitution
„Meine Mutter war ein Mann“, erzählt Schwarzer dann, die bei den Großeltern aufwuchs und ihren Großvater meint. Humor, Porno, Prostitution sind weitere Stationen. Unerbittlich ist ihre Haltung zur Transsexualität: „Ich habe nicht die Absicht, im Namen der politischen Korrektheit den Verstand zu verlieren. Weil ich darauf bestehe, dass es nur zwei biologische Geschlechter gibt.“ Dass sie von einer Welt träumt „ohne Rollenzuweisungen“ ist für sie kein Widerspruch.
„Ich würde nicht auf einer Frau bestehen“
Kritik ist sie gewohnt, sie macht Schwarzer eher stolz. Anderswo würden sich Institutionen unter Druck setzen lassen, hier in Heilbronn lobt sie den Mut der Volkshochschule. Die hatte vorsichtshalber die Polizei informiert. Aber wie gesagt, der Protest gegen Alice Schwarzer bleibt aus. Ob sie eine Personalempfehlung hat für das Amt einer künftigen Bundespräsidentin? „Auf die Gefahr hin, dass ich geteert und gefedert werde, ich würde nicht auf einer Frau bestehen. Wäre aber mal ganz nett.“

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