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Neuerwerb Sammlung Würth
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Eine Bronze-Madonna, die Maßstäbe setzte

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Exzellenter Neuzugang bei den Alten Meistern der Sammlung Würth in der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall: Was die „Madonna mit Kind“ von Hubert Gerhard so besonders macht.

Um 1600 schuf der niederländisch-deutsche Bildhauer Hubert Gerhard diese „Madonna mit Kind“. Aus nicht genanntem Privatbesitz und zu einer nicht genannten Summe hat die Sammlung Würth die Bronzeplastik erworben.
Um 1600 schuf der niederländisch-deutsche Bildhauer Hubert Gerhard diese „Madonna mit Kind“. Aus nicht genanntem Privatbesitz und zu einer nicht genannten Summe hat die Sammlung Würth die Bronzeplastik erworben.  Foto: Tobias Lonsing

Die an Meisterwerken nicht arme Kunstsammlung Würth ist um eine exzellente Arbeit reicher. Die kommt zur rechten Zeit. Ab kommender Woche schließt die Kunsthalle in Schwäbisch Hall, bevor im Herbst der Erweiterungsbau eröffnet wird. Der exakte Termin wird noch bekannt gegeben. In der Zwischenzeit lenken die Museen Würth den Fokus auf die Alten Meister in der Johanniterkirche und den Neuzugang „Madonna mit Kind“ von Hubert Gerhard.

Über Gerhard, den niederländisch-deutschen Renaissancebildhauer, um 1540/50 in ’s-Hertogenbosch geboren, gestorben um 1620 in München, gibt es wenig Literatur, dabei war er zu Lebzeiten so gefragt, dass er es sich leisten konnte, den Ruf als Hofkünstler ins Prag von Kaiser Rudolf II. abzulehnen. Nicht nur gefüllte Auftragsbücher zeugen von der Meisterschaft Hubert Gerhards, künstlerisch ästhetisch setzen seine Figuren neue Maßstäbe für die Plastik in Süddeutschland.

Die Eleganz italienischer Formensprache 

Gerhards frühbarocke Plastiken atmen die Eleganz italienischer Formensprache, nicht umsonst ging er in der Werkstatt Giovanni da Bolognas in Florenz in die Lehre. Die manieristische Anmutung der in die Länge modellierten Madonna war bis dato nördlich der Alpen unbekannt. Warum er nicht im Florenz der Medici blieb? Hubert Gerhard war selbstbewusst genug, als Künstler eigene Wege einzuschlagen. Die „Madonna mit Kind“ ist das augenscheinliche Exempel für sein Genie.

Jüngst erworben aus Privatbesitz – Diskretion über den Vorbesitzer wie über die Kaufsumme sind bei Würth oberstes Gebot –, ist dieses Hauptwerk der Bronzeplastik um 1600 nun in der Johanniterkirche im Chor zu bewundern: in unmittelbarer Nähe zu Hans Holbeins „Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen“, dem Highlight, um diesen Anglizismus zu bemühen, der Altmeistersammlung in Schwäbisch Hall. Vermittelt wurde der Ankauf durch Philipp Herzog von Württemberg, Kunstberater und einst Europa-Chef von Sotheby’s. Ob Gerhards Madonna jetzt das zweitwertvollste Exponat in der Johanniterkirche ist? Kann man so nicht sagen, bestechen doch immer wieder aufs Neue exklusive Bilder von Lucas Cranach, ein Tilman Riemenschneider und mehr – der Besuch lohnt sich.

Eine kleine Sensation in Bad Mergentheim

Ein „grandioser Neuerwerb“ und eine „maximale Rarität“ ist die Bronze auf jeden Fall, sagt C. Sylvia Weber, Mitglied des Kunstbeirates bei Würth, bei der Pressepräsentation. Das Besondere: Gerhard, der für die Fugger in Augsburg tätig war, als Hofbildhauer in München sowie in Innsbruck, ließ diese auch Mondsichel-Madonna genannte Bronze in Bad Mergentheim fertigen. Keine Selbstverständlichkeit, führt Beate Elsen aus, stellvertretende Direktorin der Sammlung Würth. Gab es doch lange nördlich der Alpen keine Werkstätten, die diese Größen gießen konnten. Nur zwei Zentren werden um 1590 genannt, München und Augsburg. Und dann die kleine Sensation in Bad Mergentheim.

Hubert Gerhard hatte hochspezialisierte Mitarbeiter, sein sogenannter italienischer Stil war gewollt, vergleicht man die Madonnen-Darstellung mit der des früheren Holbeins vis-à-vis. Renaissance trifft Manierismus, wie sich überhaupt interessante Bezüge herstellen lassen mit weiteren Arbeiten.

Das gelockte Jesuskind

Was macht nun die Bronze-Madonna so besonders, die auf einer Mondsichel steht, nachgerade energisch darauf tritt? Maria, gleich einer Herrscherin der Gestirne, hält die Mondsichel in Schach, ein Sinnbild des Wankelmütigen, die sonst auf- und abnehmen würde. Ein Topos in der Kunst, der oft mit Maria in Verbindung gebracht wird, die hier das gelockte Jesuskind im Arm hält, das wiederum einen kleinen Erdball in der linken Hand festkrallt. Und mit zwei ausgestreckten Fingern das rechte Händchen huldvoll zum Segensgruß anhebt.  

Auftraggeber vor über 400 Jahren war Erzherzog Maximilian III. von Österreich, ein Bruder Kaiser Rudolfs II., der als Hoch- und Deutschmeister in Mergentheim dem Deutschen Orden vorstand. So wurde das „Marien bildt mit dem Kind auff dem arm und dem Zepter in der Hand“ für die Schlosskapelle der Residenz Maximilians gefertigt.

Seit 2008 präsentiert sich die Johanniterkirche als Museum der Sammlung Würth für spätmittelalterliche und neuzeitliche Kunst. Der renovierte Bau aus dem 12. Jahrhundert wurde nach dem Umbau mit dem Hugo-Häring-Preis ausgezeichnet. Durch neue Beschriftungsschilder, Audioguides, auch in einfacher Sprache und für Kinder, sowie einem umfangreichen Begleitprogramm, Themenführungen, Workshops und mehr wird verstärkt auf Kunstvermittlung Wert gelegt. Infos unter www.KunstKultur.wuerth.com

Lange war die Madonna in Habsburger Besitz, dann ging die Spur verloren, tauchte wieder auf und war 2015 in der Ausstellung „Bella Figura“ im Bayerischen Nationalmuseum München zu sehen. Und jetzt vor orangerot changierendem Grund in der Johanniterkirche in Schwäbisch Hall.

Öffnungszeiten

Täglich, 11 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

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