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Literaturhaus Heilbronn

Eine Beziehung, zu der alle etwas zu sagen haben

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Eine Art Liebeserklärung mit Schattenseiten: Lena Gorelik über ihr anrührendes Buch “Alle meine Mütter“ und warum das so sehr viel emotionaler ist als das Thema Väter.

„Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden.“ Mehrfach ausgezeichnete Autorin, Journalistin, Tochter, Mutter: Lena Gorelik auf Lesetour durch Deutschlands Literaturhäuser im Trappenseeschloss Heilbronn.
„Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden.“ Mehrfach ausgezeichnete Autorin, Journalistin, Tochter, Mutter: Lena Gorelik auf Lesetour durch Deutschlands Literaturhäuser im Trappenseeschloss Heilbronn.  Foto: Martina Kreet

Lena Gorelik fällt kein Thema ein, bei dem es so schnell emotional wird. Kein verbindenderes Element als die Mutter. Eine Beziehung, zu der alle etwas zu sagen haben. Im Guten wie im Bösen. Mit ihrem jüngsten Buch „Alle meine Mütter“ (Rowohlt Verlag) ist Gorelik auf Lesetour durch die Republik, das Literaturhaus Heilbronn war nun eine der ersten Stationen.

1981 im damaligen Leningrad geboren, ist Gorelik als Elfjährige mit ihren Eltern nach Deutschland gekommen, lebte in einer Baracke einer Flüchtlingsunterkunft in Ludwigsburg, wuchs in Stuttgart auf, hat die Deutsche Journalistenschule in München absolviert, danach an der Universität in München und in Jerusalem studiert. Ihr Roman „Hochzeit in Jerusalem“ war 2007 für den deutschen Buchpreis nominiert, weitere Romane folgten. Vor Kurzem auf der Leipziger Buchmesse wurde sie mit dem Preis der Literaturhäuser ausgezeichnet, für Lena Gorelik einer der schönsten Preise, da objektiv in dem Sinne, dass nicht eine kleine Jury entscheidet. Sondern die 17 Literaturhäuser, die es in Deutschland gibt.

Hohe Erwartung und entsprechende Fallhöhe

Das Thema  Mütter in all seinen Facetten liegt der Autorin am Herzen, ein sehr persönliches Buch ist daraus geworden, kein autobiografisches. Gorelik, die in München lebt, ist Mutter zweier Söhne. Natürlich gibt es auch Väter, sagt Lena Gorelik. Aber die gesellschaftliche Brisanz ist eine andere, wie auch die Erwartungshaltung eine andere ist und somit die Fallhöhe, wenn die Hoffnung in die Mutter wie auch immer nicht erfüllt wird.

Nicht von ungefähr spricht man von Rabenmüttern, „Rabenväter gibt es meines Erachtens nicht“. So wie eine Trennlinie verläuft zwischen Mutter und Nicht-Mutter, die zwischen Vater und Nicht-Vater nicht gezogen wird. Gegen diese Trennlinie habe sie anschreiben wollen, sagt Lena Gorelik im Gespräch mit Moderatorin Ariane Binder. „Kann man viele Mütter haben“, will ARD-Journalistin Binder wissen? Durchaus, Gorelik hat eine lange Liste. Von Müttern, die gehen wollen, die gehen müssen, die übersehen werden, von Frauen, die keine Kinder wollen, die keine bekommen können. In der kollektiven Vorstellung gibt es die wahre Mutter, die Stiefmutter, die Bonusmutter.

Essay, Collage, Roman?

Ob ihr Buch ein literarischer Essay ist, eine Collage? Lena Gorelik nennt es einen Roman, mehrere Passagen wird sie lesen und vom Schreibprozess erzählen, von der Mutter, die währenddessen an Brustkrebs erkrankt ist. Von den verschiedenen Ebenen und Perspektiven, bei der die Ich-Perspektive nur eine unter anderen ist. „Dass unsere Mütter sich für alles, was wir tun, sagen, denken, schreiben, interessieren. Dass wir für sie das Wichtigste sind, jedes unserer Worte wertvoll“, wird uns beigebracht, liest Gorelik aus dem ersten Kapitel. „Wir setzen unsere Schritte auf das, was wir dank oder trotz unserer Mütter wurden. Tragen sie darin für immer mit uns.“

Weder larmoyant noch klinisch distanziert, vielmehr mit Respekt und der angemessenen Empathie nähert sich Gorelik den Geschichten vieler Frauen. Ein Kapitel widmet sie dem Schwangerschaftsabbruch, eine „Praxis der Verhütung“ in der Sowjetunion, die weltweit die meisten Schwangerschaftsabbrüche verzeichnet, seit 1920 kostenlos und legal, wie Gorelik recherchiert hat. Erschrocken ist sie nicht nur über die Höhe der Abbrüche, sondern über das Schweigen darüber. So wie Sexualität kein Thema ist, ein Schweigen, das anhält.

Körperlichkeit ist immer politisch

Auch Stillen und Gebären sind solche Situationen, die in der Literatur selten vorkommen. Dass „der weibliche Körper lange nicht literaturwürdig war“, merkt Ariane Binder an. „Körperlichkeit ist immens politisch“, erinnert Gorelik, in Putins Russland gibt es Prämien für Frauen, wenn sie jung Mutter werden.

Als Gorelik mit dem Buch begann, hat sie einen Test gemacht – und im Netz den Begriff Mutter eingegeben. Gezeigt werden ausschließlich Bilder von Müttern, „die strahlen, als hätten sie Drogen genommen“. Mit nicht minder strahlenden Kindern, die an ihnen hängen.

Wie es ist, aus der Kinderrolle heraustreten zu müssen

Ihr Text ist eine Liebeserklärung an Mütter wie Nicht-Mütter, das ist ihr wichtig. Auch vom Phänomen der Rollenumkehr erzählt Lena Gorelik, wie es ist, aus der Kinderrolle heraustreten zu müssen, obwohl man de facto immer Kind ist. Und dass die „zerrende Verbindung“ Mutter-Kind nicht nur Segen bringt. Die dunklen Seiten, Goreliks anrührendes Buch lässt sie nicht aus. 

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