„Nikolaus Lenau in Weinsberg“
„Spuren“-Heft 142, von Andrea Hahn, 16 Seiten, 14 Abbildungen, Umschlag mit Pergamin, 4,50 Euro, DLA Marbach.
Wie Nikolaus Lenau, der literarische Popstar und Dichter des Weltschmerzes, zu Justinus Kerner in Weinsberg findet.

Innig, aber zuletzt nicht ohne Konflikte: So darf man die Freundschaft bezeichnen zwischen Justinus Kerner, dem Dichterarzt in Weinsberg, und Nikolaus Lenau, der um 1830 als eine Art literarischer Popstar gefeiert wurde.
Vor allem im deutschen Südwesten hat der aus Ungarn stammende Dichter großen Erfolg, zeitweise lebt er in Stuttgart und in Wien, hält sich in Heidelberg auf - und macht immer wieder Station in Weinsberg. Lenau, dem bedeutendsten unter den deutschsprachigen Dichtern des Weltschmerzes und Pessimismus, widmet sich das jüngste Heft der Reihe „Spuren“ des Deutschen Literaturarchivs Marbach.
„Spuren“-Autorin Andrea Hahn unternimmt eine Reise nach Weinsberg, erzählt von der legendären Gastfreundschaft Kerners, Lenaus Aufenthalten im Kernerhaus - in Kerners Geisterturm entstehen Teile von Lenaus „Faust“-Epos. Deutlich habe er hier gespürt, „wie der Teufel hinter mir steht und mir über die Achsel ins Manuskript schaut“. Gegenüber Kerner erwähnt Lenau selbstbewusst, der Faust-Stoff sei „kein Monopol Goethe’s“.
Lenaus Schicksal zwischen Aufbruch und Tod 1850 in einer Privatirrenanstalt bei Wien dürfte indes der Stoff sein, der den Arzt Kerner berührt. Skepsis und die Erfahrung dessen, was der Soziologe Max Weber als die Unbehaustheit des modernen Subjekts in der Welt beschreiben wird, reflektiert der 1802 als Nikolaus Franz Niembsch – und spätere Niembsch Edler von Strehlenau – in Csatád geborene Lenau. Sein Leben gleicht einem Roman, für Typen wie den Spätromantiker Lenau während der Umbruchjahre der Restauration keine Seltenheit.
Kurios sind Lenaus Amerikabesuch und seine Äußerungen über Land und Leute, auch wenn sie mit Lenaus Spuren in Weinsberg nur am Rande zu tun haben. Als Lenau nach einer Fehlspekulation an der Börse einen Teil seines Erbes verliert, versucht er 1832 sein Glück in den USA - und ist bitter enttäuscht. In seinen Briefen beklagt er sich über die Menschen dort, den Mangel an Kultur und den herrschenden Materialismus. Jahre später wird Kerner von Lenaus harschem Urteil nach dessen Rückkehr berichten: „Das sind verschweinte, nicht vereinte Staaten von Amerika“, habe er gesagt.
Lenau studiert in Wien und in Pressburg Philosophie, Landwirtschaft und Medizin. 1831 will er in Heidelberg die medizinische Doktorprüfung ablegen und lernt Gustav Schwab kennen. Schwab vermittelt ihn an den Verleger Cotta und macht Lenau mit Ludwig Uhland und eben Justinus Kerner bekannt.
Lenaus erste Begegnung mit Kerner muss filmreif gewesen sein. „Auf dem Boden ausgestreckt lag ein Mann, ihm zur Seite eine Frau, zur linken und rechten von ihnen Kinder. Sie lagen unbeweglich, doch konnte ich bemerken, daß sie lebten.“ Als Justinus Kerner den Gast erblickt, fällt die Antwort lapidar aus: „Wir probiren da eben, wie es seyn wird, wenn wir so nebeneinander im Grabe liegen.“

Eine enge Freundschaft entwickelt sich nun mit Kerner und dessen Familie, die Lenau vermisst, wenn er sich längere Zeit nicht meldet. Und auch der junge Österreicher schreibt in einem Brief an Kerner: „Ich werde oft an mir vorübergehen lassen die lange Reihe genußreicher schöner Tage, ...; die Abende auf dem Thurme, im Garten, im Schweizerhaus, den Mittag im Bete, wo mir meine liebe Rikele (Kerners Frau Friederike) und Töchterlein Emma zur Seite saßen und mit dem Patienten Rahmstrudel aßen, ... .“
Lenau fühlt sich geborgen im Haus am Fuß der Burgruine Weibertreu, oben auf der Ruine spielt er Gitarre und Geige, im ehemaligen Gefängnisturm, den Kerner der Stadt Weinsberg abgekauft hatte, dem sogenannten Geisterturm, nutzt Lenau, wie andere auch, das eingerichtete Gästezimmer. Mit Kerner kann sich Lenau nicht nur literarisch austauschen. Der ruhelose Dichter des Weltschmerzes, der immer wieder depressive Phasen erlebt, hat in Kerner den experimentierfreudigen Arzt gefunden, der sich für psychische Krankheiten interessiert. „Er ist wieder viel wilder, als er war. Als er das vorigemal bei mir war, gelang es mir, den Dämon in ihm zu beschwichtigen.“ Mit den Jahren sollte das Beschwichtigen immer schwieriger werden.
Als Nikolaus Lenau nach einem Schlaganfall 1844 in die Nervenheilanstalt Winnental im gleichnamigen Schloss bei Stuttgart eingeliefert wird, besucht ihn Kerner. Hier diktiert ihm der tragische Freund eines seiner letzten Gedichte.
„Spuren“-Heft 142, von Andrea Hahn, 16 Seiten, 14 Abbildungen, Umschlag mit Pergamin, 4,50 Euro, DLA Marbach.
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