Nicholas Carter, 1985 in Melbourne geboren, ist Chefdirigent der Oper und Co-Operndirektor der Bühnen Bern nach Stationen an der Hamburgischen Staatsoper, Deutschen Oper Berlin, am Stadttheater Klagenfurt und Kärntner Sinfonieorchester und beim Adelaide Symphony Orchestra. Zentral in seiner Berner Zeit ist die Neuproduktion von Wagners „Ring“, den er auch an der Deutschen Oper Berlin leitet. Carter wird mit der Saison 2026/27 Generalmusikdirektor der Staatsoper Stuttgart und des Staatsorchesters.
Ein unwiderstehlich fataler Nervenkitzel
Sergej Prokofjews „Der Spieler“ nach dem gleichnamigen Roman von Dostojewski in der Regie von Axel Ranisch gerät in Stuttgart zum Opernspektakel - und zum musikalischen Ereignis unter Dirigent Nicholas Carter.

Die Gier nach dem großen Gewinn ist das Menschheitsthema schlechthin und hat im Moment besonders Konjunktur. Geld macht nicht glücklich, lautet wiederum ein Glaubenssatz, dem kaum einer widersprechen mag. Welche fatale Dynamik das entwickeln kann, hat Fjodor Dostojewski in „Der Spieler“ beschrieben. Sein 1866 erschienener Roman erzählt von seiner eigenen Obsession. Bei einer Auslandsreise lernte Dostojewski das Roulettespiel in Wiesbaden kennen, gewann und verlor auch in anderen Kurorten – nur dort war das Glücksspiel erlaubt – enorme Summen. Süchtig nach dem Nerventhrill beim Spiel, betrog der Dichter sich selbst mit der Annahme, durch Selbstbeherrschung kontrolliert zu gewinnen.
„Der Spieler“ – das Psychogramm einer Sucht sowie das Porträt der europäischen Hautevolée – ist zudem die Geschichte zweier Suchender. Den 25-jährigen Sergej Prokofjew hat sie zur gleichnamigen Oper angefixt, 1915/16 komponierte er den bitter-satirischen Abgesang in der Tradition der russischen Dialogoper des 19. Jahrhunderts, die Melodie und Rhythmus der gesprochenen Sprache nutzt.
Dostojewskis schillernde Romandichte wird musikalisch radikal übersetzt
In der Regie von Axel Ranisch und unter dem Dirigat von Nicholas Carter wird „Der Spieler“ nun an der Stuttgarter Oper rasant in unsere Zeit versetzt. Die kurzen Dialoge der schillernden Figuren der Oper, zu der Prokofjew auch das Libretto schrieb, entsprechen den treibenden Takt- und Tempowechseln. Die Handlungsdichte des Romans, radikal übersetzt in eine musikalische Dichte, gerät zur schillernden Show. Musikalisch ist der Abend eine Sensation, führt Carter, der ab der Spielzeit 2026/27 die Nachfolge von Stuttgarts Generalmusikdirektor Cornelius Meister antritt, das Staatsorchester mit Energie, zelebrieren er und die Musikerinnen und Musiker dabei eine kühle und mitunter – kein Widerspruch – rasende Distanz. Die wiederum den Solisten und dem Staatsopernchor Raum schafft für Emotionen. Was fast surreal dahin fließt, klingt plötzlich satt wie Filmmusik.
Der Abend beginnt mit einer Audio-Einspielung aus dem Jahr 1935 mit Prokofjew am Klavier, zwei Sprecher im Off lesen einen Brief an Polina. Alexej ist Hauslehrer bei der Familie des Generals, der über die Verhältnisse lebt und der jungen Blanche verfallen ist, die es auf sein Erbe abgesehen hat. Alexej wiederum ist hoffnunglsos in Polina verliebt, der Stieftochter des Generals. Polina bandelt mit einem dubiosen Marquis an, der dem General Geld geliehen hat. Sie alle hoffen auf das Ableben einer reichen Verwandten des Generals in Moskau. Als die quietschfidel im fiktiven Roulettenburg auftaucht, selbst zu spielen beginnt und ihr Vermögen verliert, bricht Panik aus unter den Schmarotzern und Wucherern. Ranisch inszeniert das als Parodie eines entfesselten Materialismus und überzeichnet dekadente und genderfluide Personen in Strapsen, Karnevalsfummeln mit Fantasieorden beim Tanz auf dem Vulkan. Wie sehr Geld die Seele verroht, blitzt den Witzfiguren aus ihren Augen, allein Alexej und Polina ticken anders.
Die Bank ist gesprengt, das Casino ruiniert
Eine zerfurchte Landschaft vor schneebedeckter Bergkette bildet das Setting (Saskia Wunsch), auf das am Ende Geldscheine prasseln, die Bank ist gesprengt, das Casino ruiniert – und Alexej scheinbar am Ende seiner Sehnsüchte. Doch ist Liebe nicht käuflich. Das Regieteam hat im Verlauf des Abends, zweidreiviertel Stunden mit Pause, eine Rakete und damit alle ins All schießen lassen (Projektionen: Philipp Contag-Laga). Wirkmächtige Bilder zur expressiven Musik und dazu die spielwütigen Solisten mit kraftvollen und elastisch-transparenten Stimmen: ein wahres Opernspektakel.
Der Roulette-Tisch? Anfangs ein Halbrund mit funkelnden Rändern inmitten einer Trümmerlandschaft, wird das Roulette nach der Pause zum kreisrunden Zentrum, zum Show-Laufsteg, wenn Prokofjew Dutzende Figuren zu einer schwindelerregenden Ensembleszene fügt. Dazwischen irrlichtern lemurenhafte Wesen mit Köpfen wie Schweine samt Gasmasken durch dieses Panoptikum irrer Gestalten. Am Ende träumen Alexej und Polina davon, gemeinsam wegzugehen. Polina entschiedet sich anders.
Langanhaltender Applaus für das gesamte Produktionsteam
Die grandiose Sopranistin Aušrinė Stundytė ist eine realistische Polina, Tenor Daniel Brenna verleiht Alexej eine melancholische, teils besessene Note. Elmar Gilbertsson als intriganter, queerer Marquis begeistert das Premierenpublikum wie auch Goran Juric als General, Véronique Gens als Babulenka und die windige Blanche von Stine Marie Fischer. Langanhaltender Applaus für das gesamte Produktionsteam.


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