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Im Komödienhaus des Theaters Heilbronn
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Ein Lottogewinn und die Folgen: Jens Kerbel inszeniert „Die lieben Eltern“

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Was schulden Vater und Mutter dem Nachwuchs? In einer bildungsbürgerlichen Bilderbuchfamilie tun sich auf einmal Abgründe auf in Armelle und Emmanuel Patrons Stücks „Die lieben Eltern“. Am Freitag, 23. Januar, hat die französische Komödie Premiere im Theater Heilbronn.

„Sobald Geld im Spiel ist, fangen die Menschen an, sich darum zu balgen“: Regisseur Jens Kerbel im Bühnenbild von Gesine Kuhn.
„Sobald Geld im Spiel ist, fangen die Menschen an, sich darum zu balgen“: Regisseur Jens Kerbel im Bühnenbild von Gesine Kuhn.  Foto: Seidel, Ralf

„Wenn ich über Geld verfüge, beteilige ich meine Kinder selbstverständlich daran“, stellt sich für Regisseur Jens Kerbel, der eine zehnjährige Tochter hat, überhaupt nicht die Frage, die das Autorenduo Armelle und Emmanuel Patron in „Die lieben Eltern“ aufwirft: Wieviel finanzielle Unterstützung darf der Nachwuchs von Mutter und Vater erwarten? In der französischen Konversationskomödie, die Kerbel für das Theater Heilbronn inszeniert und die am Freitag Premiere hat, ist es ein Lottogewinn, der die Dinge ins Rollen bringt.

Vince und Jeanne haben gerade das Rentenalter erreicht und beschließen, nach Kambodscha auszuwandern, um dort ein Waisenhaus zu eröffnen. Möglich macht’s eine erkleckliche Summe, die das pensionierte Lehrer-Paar beim Glücksspiel ergattert hat. Von diesem Batzen Geld wollen die erwachsenen Kinder Pierre, Jules und Louise natürlich auch etwas abhaben, aber die Eltern bleiben hart. Ihren Sprösslingen hätten sie alles mitgegeben, was es fürs Leben braucht, jetzt sei es an der Zeit, sich um diejenigen zu kümmern, die es wirklich nötig hätten.

„Das zu sehen, macht Spaß“: Wie politische Unkorrektheiten hervorbrechen

Und so zeigt die Bilderbuchfamilie aus dem bildungsbürgerlichen Milieu mit einem Mal Risse und erzählt das Stück davon, wie der schnöde Mammon das Negative in den Leuten hervorkitzelt. „Sobald Geld im Spiel ist, fangen die Menschen an, sich darum zu balgen“, weiß Jens Kerbel, der selbst nur gelegentlich Lotto spielt, „wenn die großen Summen winken, einfach um dabei zu sein.“

Aus ihrer Wut heraus werfen sich die Figuren die unglaublichsten Sachen an den Kopf. „Was denen an politischen Unkorrektheiten passiert, das zu sehen, macht Spaß“, so der Regisseur aus Bonn. Wobei ein Knackpunkt des Stückes laut Kerbel darin liegt, dass Vince und Jeanne Alt-68er sind, die ihren Kindern eine ziemliche Hypothek mitgeben, weil sie ihnen ihre Ideologien versuchen überzustülpen. „Persönlich gucke ich da kritisch drauf, dass sie das tun“, sagt Jens Kerbel, der dagegen das offene Gespräch, den menschlichen Austausch und eine Aufgeschlossenheit füreinander hochhält. Und für den Erziehung immer auch Scheitern bedeutet im Versuch, das Beste rauszuholen. „Man kann nicht davon ausgehen, dass man alles richtig macht.“

„Meine Eltern gehören nicht zu den 68ern, obwohl sie zu der Generation gehören“, spricht der gebürtige Mönchengladbacher, Jahrgang 1975, von seiner Mutter, die aus kleinen Verhältnissen stammt, und von der Flüchtlingsgeschichte der Familie seines Vaters, die aus Jugoslawien vertrieben wurde. „Deswegen waren die nicht Teil dieser politischen Bewegung, die waren damit beschäftigt, sich ein neues Leben aufzubauen in Deutschland.“ 

Zu Regisseur Jens Kerbel

Jens Kerbel, geboren 1975 in Mönchengladbach, studierte Englische Literatur und Sprache an der Sussex University sowie Germanistik, Anglistik und Amerikanistik an der Universität Bonn. Als Regisseur arbeitete Kerbel etwa für das Theater Bonn, das Hessische Staatstheater Wiesbaden, das Schauspiel Dortmund und die Festivals Ruhr2010 und Duisburger Akzente. Seit 2011 ist der Familienvater und Eishockey-Fan auch als Opernregisseur tätig. „Die lieben Eltern“ ist Jens Kerbels 18. Inszenierung in Heilbronn.

2026 soll eine Verfilmung von „Die lieben Eltern“ in die französischen Kinos kommen

„Das ist keine Komödie, die partout auf Gags geht, sondernd das ist eine wahnsinnig skurrile Handlung, die sich entwickelt“, schätzt Jens Kerbel außerdem die Leichtigkeit des Stücks. Wie Armelle und Emmanuel Patron die Konflikte kammerspielartig eskalieren lassen, erinnert den Theatermann an Yasmina Rezas Stücke und die Komödie „Der Vorname“, die Kerbel 2017 für das Heilbronner Theater inszeniert hat. 2022 erhielt „Die lieben Eltern“ beim Festival Primeurs den Publikumspreis, noch in diesem Jahr soll die Geschichte in die französischen Kinos kommen.

Die lieben Eltern

Schauspiel von Armelle und Emmanuel Patron, Premiere: Freitag, 20 Uhr, Komödienhaus. Regie: Jens Kerbel. Mit: Sven-Marcel Voss, Lennart Olafsson, Lisanne Hirzel und anderen.

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