Max Raabe, 1962 als Matthias Otto in Lünen geboren, sammelt im Kirchenkinderchor und in der Kantorei seiner Schule erste musikalische Erfahrungen. Mit 20 Jahren zieht er nach West-Berlin. Studium an der damaligen Hochschule der Künste, die er als staatlich geprüfter Opernsänger im Stimmfach Bariton verlässt. 1986 gründet er mit Freunden das Palast Orchester, das Chansons und Lieder im Stil der 20er und 30er Jahre aufführt. Raabe trägt dazu bei, dass die Unterhaltungsmusik jüdischer Komponisten wieder bekannt geworden ist. Daneben singt er Coverversionen aktueller Hits sowie eigene Titel, die zum Teil in Zusammenarbeit mit Annette Humpe und Peter Plate entstehen.
Du bist die Sahne in meinem Kaffee
Wie Max Raabe und das Palast Orchester 1700 Fans in der Harmonie Heilbronn mitnehmen auf eine Nostalgiereise der besonderen Art.

Der Charme der Weimarer Republik – wenn man die politischen Krisen ausblendet –, die Musik der 20er- und 30er-Jahre, als zahlreiche jüdischstämmige Künstler die Unterhaltungsbranche in Deutschland prägten, dieser Stil hat seit Jahren wieder Konjunktur und in Max Raabe und dem Palast Orchester seine Meister gefunden.
Das Lebensgefühl nach der Maxime „Wer hat hier schlechte Laune“, „Heute mache ich gar nichts“ und „Mir ist so nach dir“ – es soll helfen bei der gepflegten Flucht aus dem Alltag. Mit kerzengerader Haltung und ironischer Distanz werden die Liebe und die Fallstricke des Lebens besungen, mit ungerührter, fast regungsloser Miene Frivoles gesäuselt. Um die 1700 dürften es sein, die Samstagabend in die Harmonie gepilgert sind, und beileibe nicht nur die älteren Semester feiern Raabe und seine exzellenten Musiker.
Mit „Hummel streicheln“ quer durch die Republik
Das Orchester auf der Bühne ist weder Hintergrund noch Beiwerk, es ist ein professionell eingespieltes Team. Mit „Kein Schwein ruft mich an“ gelingt Max Raabe und dem Palast Orchester 1992 der Durchbruch. „Hummel streicheln“ heißt das aktuelle Programm, eine Messe der Nostalgie, die durch die Republik tourt. Auch in Heilbronn liegen die Fans Raabe und seinen 12 Musikern und einer Musikerin, der Violinistin Cecilia Crisafulli, zu Füßen, will heißen, lauschen andächtig, raunen, wenn die ersten Akkorde bekannter Lieder erklingen. Erklatschen sich rhythmisch Zugaben nach dem offiziellen Teil, nach gut zwei Stunden mit Pause.
Da steht Max Raabe im Smoking, ein Gentleman wie aus der Zeit gefallen – und das ist Kalkül, das zeitgemäß Unzeitgemäße. Dabei spielt er längst nicht mehr nur Originale, die, obwohl stilgerecht instrumentiert, rhythmisch modern klingen. Sondern er arbeitet seit 2011 mit Annette Humpe zusammen und auch mit Rosenstolz-Gründer Peter Plate.
Eine Art Raabe-Pop
Das Ergebnis: eine Art Raabe-Pop, wie „Ich bin schon wieder angeeckt. War alles völlig unkorrekt. Ich stell’ mich gar nicht stur. Es war die Autokorrektur“, womit das Heilbronner Konzert auch beginnt. Stets diszipliniert und mit Retro-Habitus ist die Haltung, die sich durch den Abend ziehen wird, bei dem jeder Musiker ein Solo bekommt, vorgestellt wird und sich wieder einreiht.
Allein dem Palast Orchester zu lauschen, ist ein Genuss. Alt-, Bass-, Bariton- und Tenorsaxofon, Klarinette, Kontrabass, Multipercussion, Trompete, Gitarre, Banjo, Violine und Klavier, wechselseitig beflügeln sie sich. So tadellos wie seine Fliege sitzt, intoniert der Wahlberliner Raabe und studierte Opernsänger und springt mit einer Selbstverständlichkeit zwischen den Klassikern „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“, „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ oder „Ich brech’ die Herzen der stolzesten Frau’n“ hin zu „Ein Tag wie Gold“, geschrieben für die TV-Serie „Babylon Berlin“.
„Mein Herz sagt leise, ich liebe dich“
Ob seine Lakonie inszeniert ist oder ihm im Blut liegt, spielt keine Rolle. Vor einem silbrigen Standmikrofon spult er die Zeit zurück. Zwischenmenschliche Beziehungen und Topfpflanzen sind das Thema. „Veronika der Lenz ist da“, Zeilen, die eigentlich nur einmal im Jahr aktuell sind, aber ganzjährig Zuversicht verströmen. Raabe moderiert launig an, erläutert Entstehungsjahr und Autor eines jeden Beitrags, von „Mein Herz sagt leise, ich liebe dich“, von „Ich küsse ihre Hand Madame“ oder eben „Ich möchte mal ne Hummel streicheln“.
Bei aller zur Schau getragenen Nostalgie meint man den Zeitgeist der Entstehung zu spüren, klingt „Wenn ich Liebe brauch’, dann geh’ ich zu Paulina“ von 1928 irgendwie doch frecher als „Vivere“. „Vivere“ ist der Umstand, der eintritt, wenn Wlan ausfällt, erklärt Max Raabe, ohne die Miene zu verziehen, den Grundgedanken des Titels.
Tragödie und Witz des Lebens
Nicht fehlen dürfen Varianten von „Bei mir bistu shein“ – „Bei mir bist du schön“, das „Nachtgespenst“ oder – wieder mit Humpe entstanden – „Ich kann am besten schlafen, wenn du da bist“. Eingängige Melodien allesamt und abstruse Texte von gestern und heute, die gleichermaßen auf das Wunder, auf die Tragödie und den Witz des Lebens zielen. Dass ein von vielen immer wieder gecovertes „You are the cream in my coffee“ bald 100 Jahre alt ist, ist der klingende Beweis: Es gibt Melodien, die altern nicht.

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