Stefanie Sargnagel, 1986 in Wien geboren, Autorin, Cartoonistin und Theaterschaffende, verlässt das Gymnasium vor dem Abitur und beginnt ein Studium bei Daniel Richter an der Akademie der Bildenden Künste Wien. Sie veröffentlicht Texte und Cartoons in verschiedenen deutschsprachigen Medien, thematisiert den Bachmannpreis, den Wiener Opernball, das FPÖ-Oktoberfest, ist Mitglied der Burschenschaft Hysteria, einer feministischen Gruppe, die Burschenschaften parodiert, und ist mehrfach ausgezeichnet.
Diese österreichische Schwäche für Randständiges
Im Wiener Tonfall: Stefanie Sargnagel kommentiert ihre Reisereportage „Iowa“ auf dem Theaterschiff Heilbronn - und warum die Autorin und Cartoonistin skeptisch reagiert, wenn Männer mit linker Agenda Polyamorie einfordern.

Gerade wurde in Wien ihr jüngstes Stück uraufgeführt: In „Opernball“ seziert Stefanie Sargnagel die Wiener Gesellschaft, eine 30-Seiten-Miniatur und plebejische Schmährede in dem ihr eigenen Schreiben, das, wie sie es nennt, „Fäkalrealismus und liebevolle Bosheit“ vereint. Und jetzt Heilbronn, wo die österreichische Autorin und Cartoonistin auf dem Theaterschiff aus ihrem Buch „Iowa“ liest. Ein munterer Mix aus Kommentar, Selbstreflexion und Lektüre, lakonisch und lustig.
Stefanie Sargnagel, mit bürgerlichem Namen Sprengnagel, was nicht minder auf Krawall gebürstet klingt, hat ihren Fankreis in Heilbronn. Eine wohlwollende Atmosphäre zwischen Bühne und Publikum macht sich breit, als sie im hintersinnigen Wiener Tonfall erzählt, wie es zu ihrer autofiktionalen Reisereportage „Iowa“ (Rowohlt) gekommen ist, ihren Ausflug nach Amerika, respektive in den ländlichen Mittleren Westen, als sie 2022 eingeladen wird, im Rahmen eines Writer-in-Residence-Programms am College in Grinnell zu unterrichten.
Erfahrungen mit der Dating-App Tinder
Da sie eine Person mitnehmen darf, fliegt sie mit der Berliner Musikerin Christiane Rösinger, „meine feministische Ikone“, sagt Sargnagel. Ein ungleiches, ein eingespieltes Team, 25 Jahre trennen die zwei Frauen. Sargnagel, die sich als „etwas übergewichtig, aber niedlich“ beschreibt, und Rösinger, die im Alter noch wie ein „Magermodel“ aussehen möchte und die RZB, die romantische Zweierbeziehung, als Lüge bezeichnet, während die Jüngeren die Hoffnung nicht aufgibt. Und ihre Erfahrungen mit der Dating-App Tinder selbstironisch offenbart. Nebenbei sinniert Sargnagel über die Polyamorie, die sich im Mainstream breitmacht, und äußerst sich skeptisch, wenn Männer mit linker Agenda das einklagen.
„Iowa. Ein Ausflug nach Amerika“ beginnt in Berlin, wo Sargnagel das Männerbild in der Musikindustrie verhandelt, entgrenzte Rockstars wie Rammstein und die Frage, wenn es dieses System denn auch für Frauen gäbe, ob sie der bessere Mann wäre. Zumal sich die 18-Jährigen eher nicht für sie interessierten.
In der Tradition österreichischer Schmähautoren
Der Tausendsassa Stefanie Sargnagel, der Texte und Cartoons im östereichischen „Standard“, der Wochenzeitung „Falter“, der „Süddeutschen Zeitung“ und anderswo veröffentlicht, Romane und Theaterstücke schreibt, ist ein so talentiertes wie charmantes, penetrantes Lästermaul. Ihren Blick auf die USA, ihre Erlebnisse arbeitet Sargnagel mit einem speziellen Humor auf in der Tradition österreichischer Schmähautoren, streut hemmungslos Persönliches ein, übertreibt und biegt zurecht, was Rösinger wiederum nicht minder subjektiv mit Fußnoten korrigiert. „Iowa“, das eigenwillige Buch, stand 2024 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.
Für Touristen ein Fly-Over-State zwischen Missouri River und Mississippi, bekannt für seine Mastschweinzucht, endlosen Maisfelder und die größte Landwirtschaftsmesse der Vereinigten Staaten, der Iowa State Fair: Hier in Iowa erleben die beiden Frauen einen Kulturschock, von dem sich Rösinger kaum, das robustere Gemüt Sargnagel rasch erholt. An der Ödnis am Ende der Welt ändert das wenig. Sargnagel mit einer Schwäche für Randständiges nimmt in den acht Wochen mit, was kommt, Rösinger fliegt früher zurück. Wie die Autorin von allgemeinen Betrachtungen über Klassen- und Besitzverhältnisse springt zum diversen, liberalen und woken Campus in Grinnell, der bei ihrer Ankunft Ferien hat, wie sie über linke Erben frotzelt, deren Erbscham und fordert, mit seinem Vermögen so offen umzugehen wie mit neurodiversen Eigenschaften, das ist einfach subversiv und amüsant.
Die alte Kulturtechnik des Leutefragens
Im Reich der Langeweile Iowa fallen ihr Heinrich Heines Zeilen ein „Zu Aachen langweilen sich auf der Straß’ die Hunde, sie flehn untertänig: Gib uns einen Fußtritt, o Fremdling, das wird vielleicht uns zerstreuen“, streift Sargnagel durch Secondhandstores, denkt übers Altern nach und besinnt sich, als sie mit Google nicht weiterkommt, der alten Kulturtechnik des Leutefragens.
Beiläufig verwebt Sargnagel das Staunen der teilnehmenden Beobachterin über Amerika mit anarchischen Lebensreflexionen en gros und en detail. Los Angeles? Eine Enttäuschung und riesige Obdachlosen-Epidemie. Ihr Bericht über einen Besuch bei den Amish People? Einprägsam wie ein Porträt des US-amerikanischen Fotografen Walker Evans, nur komischer. Nach 70 Minuten ist der Roadtrip zu Ende und das Fanpublikum zufrieden.

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