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Die Wiederkehr der großen Leinwand

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Welche Zukunft hat der Film in Zeiten von Social Media und Streamingdiensten? Kinobetreiber in der Region sind optimistisch

Auf dem Sofa mag es bequemer sein, das Kinoerlebnis mit großer Leinwand und Sound unter Menschen aber ist anders.
Auf dem Sofa mag es bequemer sein, das Kinoerlebnis mit großer Leinwand und Sound unter Menschen aber ist anders.  Foto: Soho A studio

Hat das Kino eine Zukunft? Oder gucken junge Leute nur noch auf ihr Handy, wurde Tricia Tuttle gefragt, die Präsidentin der Berlinale. Am Samstagabend werden die Bären der Filmfestspiele verliehen.

Der österreichisch-deutsche Spielfilm „Rose“ mit Sandra Hüller und das Politdrama „Gelbe Briefe“ des Berliner Regisseurs Ilker Çatak zählen zu den Favoriten. Nun ist die deutsche Kinolandschaft aufs Jahr gesehen nicht mit einem Festival zu vergleichen. Aber ein Seismograf für die Lust, mit anderen Menschen Geschichten auf der großen Leinwand zu erleben, die berühren, amüsieren, mitreißen.

Ein Sonntagnachmittag im Heilbronner Arthaus-Kino. Die Schlange an der Kasse ist lang, um 16 Uhr beginnt die Verfilmung des biografischen Romans von Joachim Meyerhoff „Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ mit Senta Berger. Die meisten haben Karten vorbestellt, Kino 1 ist so gut wie ausverkauft, nur in den ersten Reihen gibt es noch Plätze.

Die Besucher- und Umsatzzahlen in den Arthaus-Kinos in Heilbronn und der Region liegen über Vor-Corona-Niveau

Eine Renaissance des Kinos in Zeiten von Social Media und Streaming-Diensten? Michael Rösch, einer der Betreiber der Arthaus-Kinos, möchte es nicht Renaissance nennen. „Kino war nie weg.“ Die Besucher- und Umsatzzahlen in den Arthaus-Kinos in Heilbronn und der Region liegen über Vor-Corona-Niveau. Konkrete Zahlen möchte er nicht nennen. Die Leinwand, der Sound, das könne kein Filmabend auf dem Sofa bieten, auch wenn es bequem ist. „Menschen gehen gern aus und sind gern unter Menschen“, weiß Rösch und nennt ein simples Beispiel. „Man kann sich Pizza nach Hause bestellen. Trotzdem gehen Leute ins Restaurant.“ Als Mitveranstalter des Auto-Kinos während Corona hat er erlebt, wie überfüllt die Theresienwiese war. Also hat das Kino eine Zukunft? „Auf jeden Fall.“

Die Bundesregierung will den Filmstandort Deutschland stärken, auch mit Hilfe einer Investitionspflicht für Streamingdienste wie Netflix, Disney oder Amazon. Dies betrifft auch deutsche Fernsehsender. Mindestens acht Prozent des Jahresumsatzes der Streamingdienste sollen in die lokale Film- und Serienproduktion investiert werden. Die Politik behält sich ein Mitspracherecht vor, wohin das Geld fließt, etwa in die Förderung von Filmen in deutscher Sprache. Laut SPIO, dem Dachverband der Produktions-, Verleih- und Kinowirtschaft, waren 2024 rund 135 000 Menschen in der Filmwirtschaft tätig. Der Investitionspakt will den Filmstandort Deutschland vor und hinter der Kamera wieder international wettbewerbsfähig machen.

„Kino war nie weg.“ Michael Rösch, Arthaus

Auch Rösch war auf der Berlinale, weniger um Filme zu sehen, sondern als Filmverleiher und Produzent, den weiteren Standbeinen von Arthaus. Dieser Branchentreff vor Ort ist etwas anderes als via Zoom. „Berlin bietet die Gelegenheit, Leute aus der ganzen Welt zu treffen, ohne in die Welt fliegen zu müssen.“ Das Besondere an der Berlinale ist, dass fast 80 Prozent Weltpremieren gezeigt werden und die Filme aus 80 verschiedenen Ländern kommen: von etablierten Filmemachern, aber auch Entdeckungen. Nur ein Bruchteil davon dürfte später in den Kinos der Region zu sehen sein. Aber einige dann doch.

Auf sozialen Plattformen beschäftigt sich ein jüngeres Publikum mit Filmen

Also hat das Kino seine Vorrangstellung in der Unterhaltung doch nicht komplett abgetreten. Berlinale-Chefin Tricia Tuttle meint, auf sozialen Plattformen beschäftige sich ein jüngeres Publikum sehr begeistert mit Filmen und entdecke auch Klassiker. Eine neue Generation von Cineasten? Nach Corona kamen die eingefleischten Kinofans zurück, viele der 50plus-Besucher indes hatten sich ans Streamen gewöhnt. Dafür haben die 25- bis 35-Jährigen das Kino entdeckt. Für Tuttle muss die Infrastruktur rund um das Kino neu justiert werden. Die Leidenschaft des Publikums sei grundsätzlich da.

Gerade im ländlichen Raum scheint die Entwicklung gut

Lars Gölitzer, Geschäftsführer der Filmtheaterbetriebe Spickert mit Sitz in Mannheim, zu denen das Cineplex in Neckarsulm gehört, bestätigt das. Um attraktiv zu bleiben, setzen seine Häuser auf das, was Gölitzer „kuratiertes Programm“ nennt. Filmreihen, Formate für Kinder, Events. „Das Kino ist eine preiswerte Auszeit vom Alltag.“ Für 2026 wagt Gölitzer die Prognose, dass sich der Umsatz noch einmal steigert. Gerade im ländlichen Raum sieht er eine gute Entwicklung.

„Eine preiswerte Auszeit vom Alltag“  Lars Gölitzer, Cineplex

Immer wieder gerne zitiert, wenn es um die Faszination Kino geht, wird Francis Ford Coppola, der US-amerikanische Regisseur von Klassikern wie der „Pate“-Trilogie und „Apocalypse Now“, der meint, dass Kino und Magie schon immer eng miteinander verbunden waren. „Die ersten Menschen, die Filme drehten, waren Magier.“

Der deutsche Marktanteil der Filme liegt bei 27,4 Prozent

Einiges von dieser Magie dürfte überleben, wie die Kinobilanz 2025 in Deutschland belegt. Mit 91,9 Millionen verkauften Tickets und 924 Millionen Euro Umsatz war das Kinojahr stärker als 2024. Der deutsche Marktanteil der Filme liegt mit 27,4 Prozent bei gut einem Viertel und damit 6,8 Prozentpunkte über dem des Vorjahrs.

„Nach einem enttäuschenden ersten Halbjahr starteten die Kinos im Sommer 2025 richtig durch“, erklärt FFA-Vorstand Peter Dinges im Jahresbericht der Filmförderanstalt und nennt „Das Kanu des Manitu“, der im August anlief, und einen starken Dezember mit mehr als zehn Millionen verkauften Karten.

Überhaupt, der deutsche Film: 2025 wurden für Filme aus Deutschland 24,3 Millionen Tickets verkauft, ein Plus von 37,2 Prozent. Mit besagtem „Kanu des Manitu“ stand seit 2017 wieder eine heimische Produktion an der Spitze der Charts, mit „Die Schule der magischen Tiere 4“ ein weiterer Titel in den Top Ten. Auch sind die Zahlen zum Kinobestand stabil, wie der Vergleich vom Januar 2025 mit den Daten vom Dezember zeigt.

Demnach ist die Zahl der Standorte um 0,5 Prozent auf 947 gestiegen, die der Kinos um 0,9 Prozent auf 1651 und die der Leinwände um 0,7 Prozent auf 4757 bundesweit.

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