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Die vertrackte Nähe von Schönheit und Gewalt

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Malerei, Fotoarbeiten, Soundinstallationen von Nicole Bianchet im Museum Altes Rathaus in Leingarten: Wie das Werk der Künstlerin einen faszinierenden Kosmos öffnet.

Ihre Landschaften auf Holz wirken wie ausgewaschene Fresken mit geschnitzten Ornamenten: Nicole Bianchet, bildende Künstlerin und Musikerin.
Ihre Landschaften auf Holz wirken wie ausgewaschene Fresken mit geschnitzten Ornamenten: Nicole Bianchet, bildende Künstlerin und Musikerin.  Foto: Ralf Seidel

Das Paradies? Ist immer Verheißung dessen, was nicht mehr Paradies ist. Sowie die Idylle immer eine scheinbare ist, mit Rissen. Eine Ambivalenz, die das Werk von Nicole Bianchet ausmacht. Geboren in Los Angeles, aufgewachsen im Schwarzwald, lebt die Künstlerin nach dem Studium an der Akademie in Karlsruhe in Berlin, den Niederlanden, stellt international aus – und ist inzwischen in Heilbronn zu Hause.

Auch wenn sie ab Mai in einer Gruppenausstellung bei ihrem Galeristen Michael Haas in Berlin vertreten ist mit Künstlern wie Martha Jungwirth, Markus Lüpertz, Jonathan Meese, Albert Oehlen, Daniel Richter und anderen: Im Moment genügt es, sich nach Leingarten ins Museum Altes Rathaus zu bewegen. Mit Malerei, Fotoarbeiten und Soundinstallationen bespielt Bianchet das ganze Haus, „Hortus conclusus“ lautet der Ausstellungstitel. 

Blick durch ein Schlupfloch auf Verborgenes

Der geschlossene oder verschlossene Garten ist ein Thema der Bildenden Kunst über die Jahrhunderte, nicht nur  in der Mariensymbolik. Auch wenn das Motiv Bezug nimmt auf das Hohenlied im Alten Testament, die Arbeiten von Bianchet sind weniger christlich-religiös zu verstehen, denn allgemein menschlich. „Meine Schwester, liebe Braut, du bist ein verschlossener Garten, eine verschlossene Quelle, ein versiegelter Born“, heißt es im Hohenlied – Bianchets Bilder könnte man als Blick durch ein Guck- oder Schlupfloch verstehen auf Verborgenes, auf Mythisches.

Bianchets Bildbotschaften – Arbeiten von 2005 bis heute sind zu sehen – machen Schönheit, Düsternis und Gewalt gleichermaßen greifbar, gepaart mit diffuser Sinnlichkeit. Auch die Bearbeitung des Materials ist ein gewaltiger Akt. Ihre Landschaften auf Holz wirken wie ausgewaschene Fresken, aus denen Nicole Bianchet mit dem Cutter Ornamente schneidet und Strukturen.

Musik ist Teil ihrer Identität

Warum sie sich mit Gitarre im Arm fotografieren lässt? Zeichen dafür, dass die Musik Teil ihrer künstlerischen Identität ist. Nicht von ungefähr hat sie, Kind eines Italieners, nach einem Studienaufenthalt in Siena mit dem Gedanken gespielt, Opernsängerin zu werden. Singen tut Bianchet nach wie vor und Gitarre spielen. Überwältigt von der italienischen Gotik und der Freskenkunst in Siena, sollte es in erster Linie die Bildende Kunst werden. Und hier ist Bianchet stattelfest, ästhetisch formal und kunsthistorisch.

1975 in Los Angeles geboren, zieht Nicole Bianchet mit ihrer Familie drei Jahre später nach Waldkirch in den Schwarzwald. Nach dem Abitur studiert die Tochter eines Norditalieners in Siena und verliebt sich in die Kunst der Hochgotik und Opernmusik. In Karlsruhe studiert Bianchet an der Kunstakademie. Zehn Jahre lebt sie als Künstlerin in Berlin, dann in Middelburg in den Niederlanden, wo sie nach wie vor einen Wohnsitz hat. Seit 2021 Mitglied im Künstlerhaus Zigarre, lebt und arbeitet Nicole Bianchet in Heilbronn als freie Künstlerin und unterrichtet als Kunsterzieherin am Gymnasium. 

Zitate durchziehen ihre Arbeit, hier ein Verweis auf Pompeji, dort auf de Goya, dann auf mittelalterliche Typologien. Auch ohne dieses Wissen öffnet die Ausstellung einen faszinierenden Kosmos. Eine zentrale Figur in den Bildern von Nicole Bianchet ist die Frau und ihr Porträt. Selbstbezüglich, dabei mit Distanz, spielt Bianchet mit Rollen. Diese Inszenierung von Szenen, etwa in ihren Fotoarbeiten, ist nicht frei von Theatralität und schafft die Aura von Bühnenbildern.

Theatralisch wirkungsvoll ist die Klanginstallation im ersten Stock, eine Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in der christlichen Religion. Ein anderes Körperbild: die fotorealistische Arbeit im Treppenhaus, die sich als analoge Fotografie entpuppt. „Ich mag Bilder, die wie Fotos aussehen und vice versa.“ Entstanden im Volkspark am Weinberg Berlin Mitte, spielt Bianchet hier an einem dreckigen Tümpel mit den Lichteffekten von Sonne und Wolken nach einem Gewitter. Der Abzug auf Mattfolie gibt ihr Recht. 

Archetypische Motive mit popkulturellen Zitaten

„Meine Arbeiten sind für mich Module, die ich in einem neuen Kontext montiere“, wie jetzt in einem „Hortus conclusus“. Bianchets Arbeiten sind persönlich, nie aber sentimental. Souverän variiert sie archetypische Motive, schaltet sie mit popkulturellen Fragmenten kurz. Zelebriert das Surreale.

Leuchtende Blautöne, Erdfarben, Ocker dimmt Bianchet herunter, bevor sie mit dem Cuttermesser in die Malerei eingreift und Schnitte setzt wie magische Wunden. Immer wieder platziert sie dazwischen fluoreszierende Farbtupfer. So bricht Nicole Bianchet das Geordnete ihrer Wald- und Seenlandschaften auf. Mit Ritzen und Farbkombinationen, die verstören, mehrdeutig sind, auch humorige Zeichen. Bei Schnitz-Workshops übrigens kann man der Künstlerin zusehen und selbst Hand anlegen.

Öffnungszeiten

Bis 19. April, Dienstag und Donnerstag 17 bis 19 Uhr, an Sonntagen 14 bis 17 Uhr. Schnitz-Termine im Museum: 22. März 14 bis 17 Uhr. Weitere Termine folgen.

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