Die Sprachlosigkeit überwinden: Jehona Kicaj zu Gast im Literaturhaus
Mit ihrem Roman über eine Kosovo-Albanerin in der Diaspora in Deutschland schaffte es Jehona Kicaj auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2025. Was sie bewogen hat, „ë“ zu schreiben, und ob sie darin ihre eigene Geschichte erzählt, darüber hat Kicaj bei ihrem Auftritt im Literaturhaus Heilbronn gesprochen.

Das Eingreifen der Nato 1998/99 im Kosovo war der erste Kampfeinsatz des Bündnisses und von deutschen Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg. „Das war in Deutschland nicht irgendein Krieg. Das war ein Krieg, der durch die Feuilletons ging, als man beschlossen hatte, dass man interveniert“, erinnert Jehona Kicaj. Wenn nun vom Ukrainekrieg als erstem Krieg nach 1945 auf europäischem Boden gesprochen wird, ist das für Kicaj ein Beleg dafür, wie sehr der Kosovokrieg in Vergessenheit geraten ist. Auch hat der Autorin, Jahrgang 1991, eine literarische Aufarbeitung des Themas gefehlt. „Man kann die Titel an einer Hand aufzählen“, sagt Kicaj am Sonntagvormittag im Literaturhaus Heilbronn, wo sie ihren Debütroman „ë“ vorstellt.
Jehona Kicaj: „Das sind nicht meine Memoiren“
Im vergangenen Juli im Wallstein Verlag erschienen, lässt „ë“ eine namenlose Erzählerin zu Wort kommen, die als Kind mit ihrer albanischen Familie aus dem Kosovo nach Deutschland geflohen ist. „Das sind jetzt nicht meine Memoiren“, stellt Jehona Kicaj klar, „als Gattungsbezeichnung steht da nicht umsonst Roman.“ Gleichwohl hat Kicaj, die in Suharekë geboren und in Göttingen aufgewachsen ist, Episoden mit eigenem Erlebten angereichert, daneben sind Gespräche, Zeugenaussagen in Den Haag und Internetrecherchen eingeflossen in den Text.
Mit ihrem Roman hat es die Nachwuchsautorin sogleich auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2025 geschafft. Aus diasporischer Perspektive verhandelt sie in „ë“ Heimatsuche, Schmerz und Sprachverlust. „Ich wusste, im Kern wird es um Sprachlosigkeit gehen“, erklärt Kicaj, die zur Literatur gekommen ist über Heinrich von Kleists Briefe, die 2011 Abiturthema in Niedersachsen waren.
Im Sommer soll die albanische Übersetzung von „ë“ erscheinen
In einer orientierungslosen Zeit, nach Abschluss ihres Studiums, blickt die Protagonistin zurück und versucht Leerstellen in ihrer Biografie auszufüllen. Entsprechend fragmentarisch ist ihr Erzählen, das Brüche aufzeigt und nicht alles ausbuchstabiert. „Ich wollte den Lesern nicht das Denken abnehmen. Da bin ich Aufklärerin“, sagt Kicaj. Ergänzende Sichtweisen bringen in „ë“ zwei weitere Figuren ein: Shpresa, die Cousine, kommt zu Besuch aus dem Kosovo und hat den Krieg vor Ort erlebt, der deutsche Freund Elias stellt zwar die richtigen Fragen, bemerkt aber nicht den Rassismus und die Ignoranz, denen die Erzählerin ausgesetzt ist.
„Ich glaube nicht, dass Literatur heilen kann“, sagt Jehona Kicaj zwischen zwei Leseblöcken im Gespräch mit Literaturhausleiter Anton. Aber Literatur könne Dingen, für die man keine Worte habe, benennbar machen, sodass man ihnen besser gegenüberstehen könne. Auch spricht Kicaj, die Philosophie, Germanistik und Neuere deutsche Literaturwissenschaft in Hannover studiert hat, vom Einfluss Karl Philipp Moritz’ und Georg Büchners auf ihr Schreiben. Schon sehr gespannt ist sie auf die Reaktionen, wenn voraussichtlich im Sommer die albanische Übersetzung von „ë“ erscheint, wobei sie sich ebenso freuen würde, „wenn es auch ins Serbische übersetzt wird“.

Stimme.de