Die scheinheiligen Gesichtszüge der frommen Helene
Rainer Moritz stellt sein just erschienenes Buch „Mögen Sie Madame Bovary“ in der Stadtbibliothek Heilbronn vor - und warum der Autor, Kritiker und Übersetzer völlig subjektiv 40 Personen der Weltliteratur ausgewählt hat.

Natürlich mag er Madame Bovary. Warum sollte Rainer Moritz die berühmte Ehebrecherin nicht mögen, die der männlichen Fantasie Gustave Flauberts entsprungen ist. Und die wie andere literarischen Ehebrecherinnen, wie Effi Briest und Anna Karenina, ein schlimmes Ende nimmt: soziale Isolation, Wahnsinn, Tod. Moritz mag Emma Bovary, „weil sie sich – Verblendung hin, Verblendung her – mit dem Gegebenen nicht arrangiert“.
Was Heidi, die kleine Hexe, Simon Brenner und den Stechlin verbindet
Auch mag Moritz Heidi, die kleine Hexe, Dubslav von Stechlin, Simon Brenner, den unkonventionell chaotischen Privatdetektiv des österreichischen Autors Wolf Haas, oder Goethe. Nicht als Dichter, beziehungsweise auch, in diesem Falle aber ist Goethe als Romanfigur ein Held unter jenen, die für Rainer Moritz im Laufe seiner Lektürejahre zu „Lieblingsfiguren der Weltliteratur“ avanciert sind – so der Untertitel seines jüngsten Buches „Mögen Sie Madame Bovary“. Just erschienen im Kampa Verlag (160 Seiten, 16 Euro) und so druckfrisch, dass die Präsentation in der Stadtbibliothek Heilbronn am Donnerstagabend zur Premiere gerät, sprich ersten öffentlichen Lesung.
Apropos Stadtbibliothek, damals noch im Deutschhof, war sie Zuflucht und Inspiration des 1958 in Heilbronn Geborenen. Dort ist Moritz auch Lancelot Phineas Wilkins begegnet, Lehrer in den in Sussex spielenden Internatsromanen aus der Feder des Engländers Anthony Buckeridge, das Pendant für Jungs zu Enid Blytons „Hanni und Nanni“- und „Dolly“- Bänden.
Eine Liebe zu fiktiven Welten
Knapp 40 Figuren der Weltliteratur hat Rainer Moritz „völlig subjektiv“ ausgewählt, die ihm „zu treuen Begleitern wurden, die ich besser kenne als die meisten Menschen, die mir in meinem Alltag täglich begegnen“. Das Buch trägt seiner Liebe zu fiktiven Welten Rechnung. Kein Kanon, den man kennen noch gelesen haben muss. Rainer Moritz erzählt und plaudert, liest und führt aus. Auftritte in seiner Heimatstadt sind eine sichere Bank, seine Fanbase ist treu. Am 11. April ist er wieder auf dem Theaterschiff zu erleben mit „Das bisschen Haushalt, sagt mein Mann...“, eine Erkundung der Frau im deutschen Schlager.
An diesem Abend aber legt uns der Autor Troubadix aus „Asterix und Obelix“ ans Herz, den unglücklichen Barden, Dagobert Duck und dessen sehr konkrete Lust auf Geld und den Sprung in ein Bad voller Münzen. „In meinem Elternhaus hingen keine Gainsboroughs“, zitiert Moritz Gottfried Benn und wechselt munter, wie man es kennt von ihm, zwischen Populär- und Hochkultur. Schließlich durfte der Germanist Moritz, der mit einer Arbeit über Hermann Lenz promoviert wurde, Comics lesen, „Graphic Novels, wie man heute sagt“.
Warum Wilhelm Buschs fromme Helene Rainer Moritz an Hans Filbinger erinnert
Drastisch schildert der Geschichtenerzähler Moritz das makabre Ende von Wilhelm Buschs frommer Helene, deren „scheinheilige Gesichtszüge“ ihn immer an Hans Filbinger erinnern, einst Ministerpräsident von Baden-Württemberg. „Ich möchte niemandem zu nahe treten“, kokettiert Moritz, wechselt zu Fontane und der Frage des Alterns in Würde, streift Goethes Schreibblockade und wie ihn der Schwager in spe, Christian August Vulpius, aus derselben rettet, macht die Biege zu Eugen Rapp, einer Art autofiktionalen Figur von Hermann Lenz. Und erwähnt das Ekelpaket aus Thomas Bernhards „Das Kalkwerk“ – um über weitere Volten zum Buchtitel und Ende des Abends zu gelangen.

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