Am 30. April 1926 in Cholet, Departement Maine-et-Loire, geboren, wo der Künstler am 10. Mai 2016 stirbt, schafft François Morellet seit den 50er Jahren Arbeiten aus verschiedenen Materialien, die auf Regeln und geometrischen Formen aufbauen und auch humorvoll Platz für Interpretationen bieten. Im Laufe der Jahre jongliert Morellet in anspielungsreichen Titeln mit Sprache. Der Autodidakt gilt als wichtiger Vertreter der Konkreten Kunst, ein Pionier der Licht- und der Konzeptkunst. Der Sohn eines Spielzeugfabrikanten, der anfangs im elterlichen Betrieb arbeitet, gestaltet zudem zahlreiche Projekte im öffentlichen Raum, darunter in einem Parlamentsgebäude im Deutschen Bundestag.
Die Poesie von Regel und Abweichung
Abenteuer Konkrete Kunst: Wie eine kleine Werkschau zum 100. Geburtstag von François Morellet im Museum Würth 2 in Künzelsau in den Kosmos von geometrischen Formen, Zufall und Neonlicht führt.

Für die einen ein Buch mit sieben Siegeln, für die anderen ein spannendes Teilgebiet der Mathematik, für andere wiederum pure Schönheit, Poesie, auch Geheimnis. Die Geometrie mit ihren festen Regeln und ästhetischen Formen ist ein weites Feld – auch in der Kunst. „Die Vielseitigkeit der Geometrie“ titelt die jüngste Ausstellung im Atrium im Museum Würth 2. Klein, aber fein präsentiert die Schau 25, teils mehrteilige Arbeiten von François Morellet, einem der bedeutenden Vertreter der Konkreten Kunst und Konzeptkunst zu dessen 100. Geburtstag.
Ab den 50er Jahren entstehen seine meist seriellen Arbeiten, die auf festen Formenregeln basieren und geometrischem Vokabular. Aneinanderreihung, Überlagerung, Zufall, Interferenz, Fragmentierung sind die Prinzipien, denen der Sohn eines Spielzeugfabrikanten aus Cholet folgt. Nach diesen Prinzipien ordnet Morellet, dessen Karriere über Deutschland startet, seine Bildfindungssysteme. 1977 richtet ihm die Neue Nationalgalerie in Westberlin eine Einzelausstellung ein.
Die Ästhetik der binären Codierung
Ikonisch ist die Serie „Zufällige Verteilung von 40.000 Quadraten, den geraden und ungeraden Ziffern eines Telefonbuchs folgend“, die ab 1960 entsteht und im Museum Würth 2 als Edition aus dem Jahr 1971 präsentiert wird. „Mir gefiel, dass diese Störungen, diese Unfälle aus einem programmierten Zufall heraus entstanden und nicht aus der Subjektivität meiner Künstlerlaune.“ Heute assoziieren wir bei dieser Serie QR-Codes, kein Wunder, folgt Morellet doch der Ästhetik der binären Codierung. Apropos Ästhetik: Für die Wirkung seiner Arbeiten, egal in welchem Material, hat der Franzose ein Händchen. Ein kleiner Tip: Mitunter streift die Fernsehkamera beim ARD-„Bericht aus Berlin“ zwei Lichtinstallationen Morellets im Paul-Löbe-Haus des Deutschen Bundestags.
Wer bin ich und wie viele?
Bezeichnend ist auch das Selbstporträt „Masque King Tape“ aus dem Jahr 1985, das François Morellet mit einem Klebeband im Gesicht zeigt. Fragmentiert? Aufgeräumt? Wer bin ich und wie viele? Man darf sich Morellet als humorvollen Menschen vorstellen. Neben konsequent systematischen Arbeiten entstehen spielerische Versuchsanordnungen und wie hingetupfte Lichtkunst, die alles andere als zufällig ist. Dabei sind die verwendeten Materialien vielfältig. Im Laufe der Jahre kommt der experimentelle Umgang mit Sprache dazu, der sich in den anspielungsreichen Titeln von Morellets Arbeiten widerspiegelt.

Vom „presque rien“, dem Fast-Nichts, spricht Morellet, das uns Betrachterinnen und Betrachtern Spielraum lässt für Interpretationen und Sensationen. Dabei gibt es – neben der puren Schönheit seiner Werke – einiges zu entdecken. Auch gilt der Franzose in den 60er Jahren als Pionier, indem er zeigt, wie man mit künstlichem Licht malt. Als ein Vertreter der Op-Art, zahlreiche Bilder weisen ihn als Meister irritierender optischer Effekte aus, ist Morellet auch Mitbegründer der Künstlergruppe GRAV zur Erforschung visueller Kunst. Es ist diese im Ausstellungstitel versprochene Vielfalt bei aller linearer Klarheit, die beim Rundgang durchs Atrium besticht.
Kuratiert von Morellet-Kennerin Sonja Klee und gegliedert in die Themenbereiche Regel und Abweichung, öffentliche Projekte, interaktive Konzepte und Lichtkunst, Unter Gleichgesinnten – Die Vielseitigkeit Konkreter Kunst, wird der Kosmos eines Künstlers aufgefächert, der sich als Spielleiter versteht und dem es letztlich immer um Geometrie geht. Wenn man möchte, kann man in Morellets Formenwelt, in seinem Fast-Nichts, Figuren erkennen.

Dadaismus und Surrealismus
Prägend für den Autodidakten, dem das Ernsthafte und das Spielerische kein Widerspruch sind, um die Ambivalenz aus Ordnung und Chaos abzubilden, sind seine Freundschaft mit Marcel Duchamp, dem französisch-amerikanischen Maler, Objektkünstler, Mitbegründer der Konzeptkunst und Wegbereiter des Dadaismus und Surrealismus. Sowie die Begegnung mit dem Werk von Max Bill, dem Vertreter der Zürcher Schule der Konkreten, während einer Brasilienreise. So erleben wir denn auch an zwei gegenüber liegenden Wänden einen Dialog zwischen Arbeiten Morellets mit Kolleginnen und Kollegen der Geometrischen Abstraktion wie eben jenem Max Bill, Anni Albers oder Günter Fruhtrunk.
„Relâche compact“ aus dem Jahr 1993 schließlich fasst die Medien, mit denen Morellet arbeitet, sinnlich kühl zusammen: Leinwand, Aluminiumwinkel, Neonwinkel, Klebestreifen, Kabel und Transformator.
Ausstellungsdauer
Bis 24. Januar 2027, täglich 10 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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