Was den „Zerbrochnen Krug“ von Heinrich von Kleist in unseren krisengebeutelten Zeiten so interessant macht: Der Germanist Günter Blamberger hält eine Lecture in Heilbronn - und macht sich im Interview Gedanken über die krude Männerwelt in Kleists Werk.
Günter Blamberger, langjähriger Präsident der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft, Literatur- und Kulturwissenschaftler, emeritierter Professor an der Universität Köln, hält als intimer Kenner des Werks von Kleist kommenden Montag auf dem Bildungscampus eine Lecture zum „Zerbrochnen Krug“. Über den Frauenversteher Kleist, warum bis heute nicht klar ist, weshalb das Käthchen in Heilbronn spielt und Blamberger die Hoffnung nicht aufgibt, dass eine analoge Welt überlebt, spricht der 74-Jährige im Interview.
Haben Sie, Herr Blamberger, eine Idee, wie Kleists „Käthchen“ nach Heilbronn kam?
Günter Blamberger: Schwierige Frage, simple Antwort: durch Kleist. Die Figur des Käthchen ist Kleists Erfindung. Was historische Quellen angeht, muss ich passen. Es gibt diverse Vermutungen, aber nichts Verlässliches bisher. Ich werde in Heilbronn ja über den „Zerbrochnen Krug“ sprechen, über dessen Entstehung man besser Bescheid weiß. Eve und Käthchen allerdings haben einiges gemeinsam.
Zum Beispiel?
Blamberger: Eve, Käthchen, auch die Alkmene in Kleists „Amphitryon“ sind im Grunde tragische Gestalten. Von Richter Adam per Erpressung sexuell genötigt, während des Prozesses peinlichst verhört, wird Eve am Ende dieses vorgeblichen Lustspiels mit der Aussicht auf die Hochzeit mit einem Rüpel wie Ruprecht getröstet. Ein seltsames Happy End haben wir auch im „Käthchen“.
Inwiefern?
Blamberger: Als Graf Wetter sie fragt, „Meine Braut! Willst Du mich?“, antwortet sie, „Schütze mich Gott und alle Heiligen!“ und sinkt in Ohnmacht. Vor Schreck vermutlich, so verstehe ich es: Schließlich hat Graf Wetter sie von Anfang bis Ende des Stücks nur gequält, und heiraten will er sie erst, nachdem er erfahren hat, dass sie nicht die Tochter eines Heilbronner Waffenschmieds, sondern eine Kaisertochter ist.
Auch Alkmene wird übel getäuscht, wenn Jupiter mit ihr schläft in Gestalt ihres Gatten ...
Blamberger:, ... und sie dabei schwängert, und Amphitryon mit Jupiter aushandelt, diese elende Täuschung zu ignorieren, wenn das Kind ein Halbgott wird: Herkules bekanntlich.
Krude Männerfantasien, war Kleists Frauenbild so düster?
Blamberger: Nein, im Gegenteil, sein Männerbild ist düster. Die Frauen sind bei Kleist die starken und positiven Figuren. Das Käthchen wird oft unterschätzt, sie ist weit intelligenter als Graf Wetter, Alkmene dem Jupiter überlegen, der vergeblich von ihr bestätigt haben will, dass er als Gott der bessere Liebhaber sei als ihr Gatte. Und Eve entlarvt den Machtmissbrauch Adams. Interessant ist, dass Kleists Schwester Ulrike, die nie geheiratet hat, eine starke, emanzipierte Person war, die ihn immer wieder finanziell und emotional unterstützt hat.
Kommen wir zur vermeintlichen Komödie „Der zerbrochne Krug“. Für mich eine Me-Too-Geschichte und der Richter Adam ein machistischer Kotzbrocken.
Blamberger: Völlig einverstanden.
Ich dachte, Sie korrigieren mich.
Blamberger: Nein. Nachdenken muss man, warum Kleist seine Protagonisten Adam und Eve nennt, damit Assoziationen an das Paar im Paradies weckt, weil das wie üblich Eva die Schuld am Sündenfall zuschiebt. Eine der vielen Irritationen im „Zerbrochnen Krug“, die ich bei meinem Vortrag in Heilbronn besprechen werde. Auch vor dem Hintergrund, dass die Frankfurter Schülerunion das Stück unterkomplex fand und nicht als Abistoff wollte.
Ist das Stück unterkomplex?
Blamberger: Nein. Es ist ein Lustspiel, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Trotz allem Wortwitz des Lügenkünstlers Adam. Zerbrochen ist nicht nur der Krug, zerbrochen ist das Vertrauen in die wahrheitsbildende Kraft der Sprache, in einen Justizapparat, der nicht Recht spricht, sondern Macht. Der Gerichtsrat Walter überlegt am Ende, den Kotzbrocken Adam, wie Sie ihn nennen, wieder ins Amt zu setzen. Ihn interessiert nicht, dass Adam seine Macht missbraucht hat, um Eve zu nötigen.
Da ist Kleist verblüffend aktuell.
Blamberger: Leider. Das Stück wird derzeit landauf, landab auf deutschen Bühnen gern als Me-Too-Drama inszeniert. Mit Recht. Machtmissbrauch, Fake-News, Wehrpflicht, alles Themen im „Krug“, die aktuell sind. Dazu kommt: Wir leben wieder in katastrophischen Zeiten wie Kleist. Statt Napoleon entsichern Putin und Trump die Weltordnung.
Was ist das Geheimnis des Schöpferischen? Nicht nur bei Kleist.
Blamberger: Man macht allzu oft ein Geheimnis daraus, als ob Künstler wie Gott aus dem Nichts schaffen könnten. Das ist eine Legende seit der Geniezeit des 18. Jahrhunderts. Nietzsche hat mit Recht gesagt, dass alle Künstler große Arbeiter seien. Eine weitere Legende ist, dass es Muße zur Kreativität braucht. Meist ist es Not, fördern Krisen die Kreativität. So auch bei Kleist.
Wir wollen zum Schluss nicht das Fass aufmachen, wie kreativ Künstliche Intelligenz sein kann. Nur so viel und kulturpessimistisch gefragt: War es das mit den klassischen Medien?
Blamberger: Ja und nein. Medienwissenschaftler würden sagen: kein Medienwandel hat sich je aufhalten lassen. Meine Zukunftsfantasie? Dass man die Vorteile des Analogen wieder entdeckt, sich öfter ohne KI-Hilfe durch die Welt navigiert, auf eigene Erfahrungen verlässt, in Präsenz kommuniziert, sich frei macht von den Skandalisierungen in den Social Media, von Hate Speech und Fake News, Freude hat an komplexen Texten statt an Short Messages in einfacher Sprache, die zum Vergessen bestimmt sind.
Vorträge Bildungscampus 1
Gemeinsam mit dem Abendgymnasium Kolping Bildung organisiert das Literaturhaus Heilbronn in Kooperation mit der AIM Vorträge zu den Pflichtlektüren für das Deutsch-Abitur. Montag, 13. April, 18 Uhr: Günter Blamberger: Über Heinrich von Kleists Lustspiel „Der zerbrochne Krug“, Dienstag, 14. April, 18 Uhr: Sabrina Huber zu Jenny Erpenbecks „Heimsuchung“. Der Eintritt ist frei für alle Interessierte: Anmeldungsmail anliteraturhaus@heilbronn.de
Ziemlicher Kotzbrocken:
Oliver Firit als Adam, Cosima Fischlein als Eve in „Der zerbrochne Krug“ am Theater Heilbronn.
Foto: Joachim Quast
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