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Die Deutschen und ihre Gefühle für ihr Grundgesetz

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„Verfassungsgefühle“ heißt das aktuelle Buch von Ute Frevert: Ein erhellender Abend mit der renommierten Historikerin im Literaturhaus Heilbronn.

International renommierte Wissenschaftlerin, brillante Rednerin, schlagfertige Frau: Die Historikerin Ute Frevert im Literaturhaus Heilbronn.
International renommierte Wissenschaftlerin, brillante Rednerin, schlagfertige Frau: Die Historikerin Ute Frevert im Literaturhaus Heilbronn.  Foto: Michaela Keicher

„Vom Feeling her ein gutes Gefühl“, übergibt Hausherr Anton Knittel mit dem gern zitierten Andi-MöllerKalauer das Wort an Ute Frevert. Es passt als launige Überleitung zum Vortrag der Historikerin Ute Frevert.

Die international renommierte Wissenschaftlerin und Professorin auf den Emotional Turn genannten Zugriff zu reduzieren, Gefühle beeinflussten gesellschaftliche Entscheidungen, wäre verkürzt. Doch vertritt Frevert, Jahrgang 1954, einen interessanten Forschungsansatz seit ihrer Dissertation „Krankheit als politisches Problem“ über soziale Unterschichten in Preußen zwischen medizinischer Polizei und staatlicher Sozialversicherung, ihrer Habilitation „Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft“ und mit Publikationen wie „Vertrauensfragen. Eine Obsession der Moderne“, „Die Politik der Demütigung. Schauplätze von Macht und Ohnmacht“ oder „Mächtige Gefühle. Von A wie Angst bis Z wie Zuneigung“. Lange Jahre war Ute Frevert Direktorin des Forschungsbereiches „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut in Berlin. 

Die Jahre nach 1945 auf den Punkt gebracht

In ihrem jüngsten Buch „Verfassungsgefühle“, erschienen im Wallstein Verlag, untersucht Frevert die geschichtliche Entwicklung der emotionalen Beziehung der Deutschen zu ihren Verfassungen. Im Literaturhaus Heilbronn geht es zwei Tage vor dem Nationalfeiertag, der seit 1990 als Tag der Deutschen Einheit begangen wird, nicht um die 200 Jahre Gefühlsgeschichte, die die Deutschen gegenüber ihrer Verfassung hegten, so wie sie das Buch analysiert. Vielmehr bringt Ute Frevert erhellend kurzweilig die Jahre nach 1945 auf den Punkt und verweist auf die Weimarer Republik, ohne die sich  Deutschland nicht erklären lässt.

Verfassungen organisieren die Macht in einem Staat und definieren sein Verhältnis zu den Bürgern, das klingt so selbstverständlich wie trocken. Darüber hinaus entscheidet die emotionale Dimension über die Akzeptanz eines Staatsgefüges. Freverts „Verfassungsgefühle“ basieren auf einer Fülle an Quellen, Zeitungsartikeln, Tagebuchnotizen, Reden, Briefen, den Titel hat sie von Karl Loewenstein „geklaut“.

Nicht ein Hauch jener Begeisterung, mit der US-Amerikaner ihre Constitution feiern

In den 1950er Jahren reiste der Jurist und Politikwissenschaftler Loewenstein durch die Bundesrepublik. 1933 hatte er Deutschland verlassen und war in die USA emigriert. Was ihm auffiel, so Frevert, war die völlige Abwesenheit dessen, was er als Verfassungsgefühl bezeichnete. Nicht ein Hauch jener Begeisterung, mit der US-Amerikaner ihre Constitution feiern. Frevert verweist auf eine Studie aus dem Jahr 1955, nach der, zur Verfassung befragt, 66 Prozent der Frauen und 34 Prozent der Männer bekannten, diese sei ihnen gänzlich unbekannt.

2023 bekundeten laut einer Studie 83 Prozent der Bürgerinnen und Bürger großes oder ziemlich großes Vertrauen in ihre Verfassung. Ein Jahr später waren 87 Prozent der Westdeutschen und 68 Prozent der Ostdeutschen der Meinung, das Grundgesetz habe sich bewährt. Sogar die AfD, die vom Verfassungsschutz als „gesichert rechtsextrem“ eingestuft wird, beteuert ihre Verfassungsliebe. Allerdings, mutmaßt Ute Frevert, teilen ihre Wähler und Wählerinnen diese Liebe nur bedingt. „Je mehr Zulauf die AfD bekommt, desto größer wird auch die Zahl derer, die sich vom Grundgesetz abwenden.“ 

Interessant der Blick nach Weimar. Dort hatten jene, die die junge Demokratie ablehnten, 1919 auch den Vorschlag abgelehnt, den 11. August als Tag der Weimarer Verfassung zum Nationalfeiertag zu erklären. Im Laufe der Jahre aber wuchs die Begeisterung der Deutschen und wurden überall im Land und in den Schulen Verfassungsfeiern begangen. Thomas Mann schrieb in der Zeitschrift „Das Reichsbanner“, er stehe auf der Seite derer, „die in der demokratisch-sozialen Republik die Staatsverfassung erkennen und anerkennen, in der das deutsche Volk in die historische Zukunft gehen soll“. Nach 1929 ebbte diese Begeisterung der Deutschen ab.

In den 70ern begannen die Bürger, den Staat als ihre Angelegenheit zu begreifen

Zurück in die Nachkriegsjahre: In der politischen Bildung der DDR spielte die Verfassung keine Rolle, sondern ging es um die Abgrenzung zur imperialistischen Weltansicht. 1968 gab sich die DDR einen dezidiert sozialistischen Entwurf. Oberstes Gebot: mitmachen. Eine Symbolik, die Karl Loewenstein als „Erlösungs- und Befreiungsmythologie“ kritisierte. Galt indes in der Bundesrepublik vielen das Grundgesetz als ein Dokument der Spaltung beider deutschen Staaten, die Präambel verwies auf das Provisorium Bundesrepublik, so begannen in den 1970er Jahren die Bürger, den Staat als ihre Angelegenheit zu begreifen. Schon zuvor hatten sich die  Proteste gegen die Notstandsgesetze auf das Grundgesetz berufen.

Nach 1989 herrschen neue Realitäten

1989 schaffen Zusammenbruch der DDR und Wiedervereinigung neue Realitäten. In Ostdeutschland wünschten sich 52 Prozent eine neue Verfassung, stattdessen wurde eine gemeinsame Verfassungskommission konstituiert. Dass sich Ostdeutsche heute weniger mit dem Grundgesetz identifizieren, hat, meint Frevert, andere Gründe. Im Vertrauensranking der Bürger erzielt das Bundesverfassungsgericht derweil Werte, von denen andere Institutionen nur träumen.

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