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Ernst-Franz-Vogelmann-Preis

Die alltägliche Banalität des Bösen

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Andrea Pichl wird mit dem Ernst-Franz-Vogelmann-Preis geehrt - und wie sie Geschichte(n) überlagert in ihrer Ausstellung „deutsch deutsch“ in der Kunsthalle Vogelmann Heilbronn.

Mit Ostalgie hat sie nichts im Sinn: Andrea Pichl erläutert „deutsch deutsch“.
Mit Ostalgie hat sie nichts im Sinn: Andrea Pichl erläutert „deutsch deutsch“.  Foto: Lina Bihr

„Wir verlangen viel von unseren Besuchern“, bekennt Museumschef Marc Gundel. Vielleicht muss man sich nur offen darauf einlassen, was bis September in der Kunsthalle Vogelmann erfahrbar wird.

Tatsächlich sind die vordergründig idyllischen Installationen, Fotoarbeiten und Zeichnungen von Andrea Pichl hochpolitisch, dabei weder anklagend noch dokumentarisch, sondern erzählen deutsch-deutsche Geschichte(n). Beiläufig und mit einem ästhetischen Gefühl für die Formenelemente, die Andrea Pichl kombiniert. Die Ausstellung lädt zum Dialog ein und zur Auseinandersetzung mit einer nahen Vergangenheit, die in unsere Gegenwart reicht. Und nichts mit „Ostalgie“ zu tun hat, wie Pichl betont.

Am Samstag wird Andrea Pichl im Rathaus Heilbronn ausgezeichnet

Am Samstag wird die Berliner Künstlerin mit dem Ernst-Franz-Vogelmann-Preis ausgezeichnet. Zum siebten Mal wird der mit 30 000 Euro dotierte Preis für Skulptur seit 2007 verliehen und von einer Ausstellung begleitet, die die Künstlerin gemeinsam mit Rita E. Täuber kuratiert hat. Und die anschließt an Pichls Schau „Wertewirtschaft“ im Hamburger Bahnhof in Berlin 2024.

Den Ausstellungstitel „deutsch deutsch“ – ohne Bindestrich – hat Pichl wohl gewählt, sie möchte die „gegenseitigen Abhängigkeiten“ aufzeigen. Die Zwangsarbeit in der DDR, etwa in der Textilindustrie, die Müll-Connection, das Kleinbürgerliche, die Geschichte der Gewöhnlichkeit, die Banalität des Bösen, wie Andrea Pichl sagt. Den Begriff hatte einst Hannah Arendt geprägt, die nach der NS-Zeit Wirkungsweisen totalitärer Herrschaft analysierte.

Konzept-Bildhauerin trifft am ehesten, was Pichl bewegt

Nun ist Andrea Pichl keine Bildhauerin im herkömmlichen Sinn, das Label Konzept-Bildhauerin trifft am ehesten, was die Künstlerin bewegt, die unter anderem bei Inge Mahn studiert hat. Inge Mahn dürfte in Heilbronn in Erinnerung sein, als Lehrerin an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee initiierte sie zahlreiche Gemeinschaftsprojekte mit Studierenden, die Mahn auch bei der Neuen Kunst im Hagenbucher gezeigt hat. Architektur, Stadtplanung, sozialer Raum: Das sind Koordinaten, in denen sich Pichls Werk bewegt. Dabei stellt Pichl Ästhetik und ideologischen Background - kein Bauwerk scheint frei davon - standardisierter Bauformen infrage.

Nachbauten einer DDR-Gartenlaube (links), eines NS-Behelfsheims sowie einer Obi-Gartenhütte, ausgestattet mit Fotografien, Zeichnungen, Projektionen: Was harmlos wirkt, verweist auf zynische Verflechtungen deutscher Geschichte.
Nachbauten einer DDR-Gartenlaube (links), eines NS-Behelfsheims sowie einer Obi-Gartenhütte, ausgestattet mit Fotografien, Zeichnungen, Projektionen: Was harmlos wirkt, verweist auf zynische Verflechtungen deutscher Geschichte.  Foto: Lina Bihr

In ihrer Ausstellung „deutsch deutsch“ lenkt sie das Augenmerk verstärkt auf die gesellschaftspolitische Dimension, hat recherchiert und rekonstruiert, was hinter einzelnen Objekten und Bildern steckt. „deutsch deutsch“ verhandelt weniger die Trennung, vielmehr die toxischen Transfergeschäfte. Für Devisen produzierte die DDR als Billiglohnland für die BRD, Strafgefangene und politische Gefangene stellten her, was Quelle, Salamander, Ikea, Neckermann, Thyssen und andere verkauften. Für Devisen landete Müll aus dem Westen im Osten. Davon erzählen begehbare Räume im ersten und zweiten Stock. Diesen kritisch-forschenden Blick mag Pichls Biografie erklären.

Ostberliner Punkszene und spätes Studium nach der Wende

1964 in Haldensleben geboren, aufgewachsen in Berlin-Köpenick, gehört Andrea Pichl der Ostberliner Punkszene an. Sechs Mal bewirbt sie sich zum Kunststudium, sechs Mal wird sie abgewiesen, nach der Wende holt sie das Studium nach, geht nach Diplom und Master nach London ans Chelsea College. Heute ist die Künstlerin auch Kuratorin, Gestalterin von Ausstellungsarchitektur und Bühnenbildnerin. „Für Künstlerinnen aus der DDR gibt es einen doppelten Ausschluss. Deshalb ist diese Ausstellung für mich eine besondere Ehre.“

Doppelmoral der DDR

„Menschen kamen für kleine Delikte in den Knast“, räumt Andrea Pichl beim Rundgang durch die Kunsthalle Vogelmann auf mit romantisierenden DDR-Bildern. Auf die Ironie der Geschichte beziehungsweise Doppelmoral der DDR verweist eine Fotografie im Erdgeschoss, die Pichl im Stasi-Unterlagen-Archiv gefunden hat: Yoga-Praktizierende in einem Stasi-Turnheim. Dabei war Yoga in der DDR nicht nur verfemt, sondern verboten. Im zentralen Raum im Erdgeschoss steht ein Kassenhäuschen aus der Serie „Plänterwald“, beziehungsweise, was davon geblieben ist. Ein Skelett. Wie auch die Grundrisse abgerissener Klohäuschen aus derselben Serie deprimierend abgewickelt als Art Wandteppiche gegenüber hängen.

Eröffnungswochenende

Nach der Preisverleihung, 25. April, 11.30 Uhr, Rathaus Heilbronn, ist die Ausstellung in der Kunsthalle am Samstag (mit Bewirtung) und Sonntag bei freiem Eintritt von 14 bis 17 Uhr geöffnet.

Wie sich Geschichte überlagert, verdichten je drei begehbare Häuschen in der ersten und zweiten Etage: Nachbauten einer DDR-Gartenlaube, eines NS-Behelfsheims sowie einer Obi-Gartenhütte, ausgestattet mit Fotografien, Zeichnungen, Projektionen. Was harmlos wirkt, verweist auf zynische Verflechtungen.

Architekturfragmente der sozialistischen Moderne in der Anmutung eines Wandteppichs: Grundrisse von Klohäuschen aus der Serie „Plänterwald“, 2024.
Architekturfragmente der sozialistischen Moderne in der Anmutung eines Wandteppichs: Grundrisse von Klohäuschen aus der Serie „Plänterwald“, 2024.  Foto: Lina Bihr
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