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Mit Debütroman „Frauen im Sanatorium“
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Der Zugführer als großer Poet: Anna Prizkau im Literaturhaus Heilbronn

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Nach einem Selbstmordversuch findet sich Anna Prizkaus Ich-Erzählerin in einem Sanatorium wieder. „Es geht um Liebe und gute Laune“, sagt die Autorin - und plaudert zur Stimmungsauflockerung im Trappenseeschlösschen lieber über ihre Anreise. 

„Ich wollte einfach eine Geschichte schreiben, die einen Anfang, ein bisschen Handlung und ein Ende hat“: Journalistin und Autorin Anna Prizkau.
„Ich wollte einfach eine Geschichte schreiben, die einen Anfang, ein bisschen Handlung und ein Ende hat“: Journalistin und Autorin Anna Prizkau.  Foto: Kreet, Martina

Elf Stunden hat Anna Prizkau am Tag zuvor mit der Bahn von Berlin nach Heilbronn gebraucht. In Erinnerung geblieben ist ihr vor allem der Zugführer. „Der war auch ein großer Poet“, möchte Prizkau das Gespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel auflockern, „er hat gesagt, wir nennen es nicht Verspätung, wir nennen es Verzögerung. Können Sie mir den Unterschied erklären? Sie sind doch ein Mann der Worte.“

Dabei ist die Autorin, Jahrgang 1986, am Sonntagvormittag eigentlich im Trappenseeschlösschen, um ihren Debütroman vorzustellen. Anstatt sich in diesem Zusammenhang über transgenerationale Traumata zu unterhalten, plaudert Prizkau über ihre Anreise. Und würde sowieso viel lieber mit Knittel die Rollen tauschen.

„Wissen Sie was?“, wird sie dem Literaturhausleiter später noch einmal anders antworten, als erwartet, „Ich habe überhaupt nicht den Impuls gehabt, eine Gesellschaftskritik zu schreiben. Ich wollte einfach eine Geschichte schreiben, die einen Anfang, ein bisschen Handlung und ein Ende hat.“ Vergangenen Sommer ist diese Geschichte, die den Titel „Frauen im Sanatorium“ trägt, bei Rowohlt erschienen. Mit einem Textauszug war Anna Prizkau bereits 2021 nach Klagenfurt zum Bachmann-Preis eingeladen.

Was Anna Prizkau mit ihrer Protagonistin verbindet

„Als ich ein Kind war, malte mir meine Mutter mit ihren Fingern Kreise auf die Wangen. Sie waren sanft und unsichtbar“, setzt Prizkaus Roman ein und blickt ihre Protagonistin Anna auf ihr Leben zurück. Annas Eltern sind mit ihr einst nach Deutschland ausgewandert. Doch der Traum von einer besseren Zukunft sollte sich nicht erfüllen. Der Vater verliebte sich im Deutschkurs in eine andere Frau und verließ die Familie. Die Mutter prozessierte so lange um die Anerkennung ihres Diploms und Doktortitels, bis sie darüber krank wurde – und Anna sich fortan um sie kümmern musste.

24 Jahre später befindet sich die Ich-Erzählerin nun nach einem Selbstmordversuch in einem Sanatorium. Dort lernt sie die Patientinnen Elif, Marija und Katharina kennen und spricht im Kurpark mit einem Flamingo über ihr Leben. „Meine Mutter ist depressiv“, sagt Anna Prizkau, „ich kenne solche Einrichtungen von klein auf.“ Gleichwohl hat sich die Schriftstellerin zwecks Recherche sechs Wochen lang als Selbstzahlerin in einer Reha-Klinik behandeln lassen. Auch teilt sie mit ihrer Hauptfigur die Erfahrung der Emigration. In Moskau als Tochter eines Kasachen und einer Ukrainerin geboren, ist Prizkau 1994 mit ihren Eltern nach Hannover gezogen.

„An der richtigen, rohen Gewalt ist nichts poetisch“ - oder Kriegsberichterstattung aus der Ukraine

„Ich interessiere mich für andere Leben“, erklärt die Autorin zwischen drei Leseblöcken, warum sie Journalistin geworden ist. Für die „Frankfurter Allgemeine“ hat sie unter anderem aus der Ukraine nach dem russischen Überfall berichtet. „An der richtigen, rohen Gewalt ist nichts poetisch“, sagt Prizkau und redet über den Geruch verbrannter Körper und kaputter Toiletten. Ihren Job schließlich gekündigt hat die Redakteurin, weil ihr kein Sabbatical genehmigt worden sei, als sie ihren Roman schreiben wollte.

Den märchenhaften Ton insbesondere im vorletzten der 51 Kapitel hat sich Anna Prizkau, die während des Schreibens aus Prinzip keine zeitgenössischen Autoren liest, von Oscar Wilde abgeschaut, dessen Märchen für sie zu den wunderschönsten der Welt gehören.

Dass „Frauen im Sanatorium“ ebenso spaßige Momente hat, betont Prizkau gleich mehrfach. „Es geht um Liebe und gute Laune.“ Auch wird viel getrunken. Wobei Szenen mit Betrunkenen am schwierigsten zu schreiben sind, bekennt die Autorin, die am Ende der Matinee nicht allzu lange warten möchte, bis sich doch noch jemand aus dem Publikum traut, eine Frage zu stellen. „Machen wir einfach Schluss und rauchen eine.“

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