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Württembergisches Kammerorchester Heilbronn

Der Pianist als Präzisionsarbeiter mit Seele

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Wie mit lässiger Beiläufigkeit und konzentrierter Disziplin ein Konzertabend gelingt: „(Fast) nur Beethoven“ mit Herbert Schuch und dem Württembergischen Kammerorchester in der Harmonie Heilbronn. 

Sportlich-diszipliniert die Tiefe eines Musikstücks ausloten: Herbert Schuch mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn in der Harmonie.
Sportlich-diszipliniert die Tiefe eines Musikstücks ausloten: Herbert Schuch mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn in der Harmonie.  Foto: Michaela Keicher

Was ist der Charakter eines Stücks? Wie nähert man sich dem Wesen einer Komposition? Für Herbert Schuch ist dieses immer neue Ergründen der Tiefe eines Musikstücks Herausforderung und Selbstverständlichkeit zugleich. Routine dürfte dem Pianisten ein Graus sein, was nicht heißt, dass sein Umgang mit Musik nicht routiniert ist. Sportlich-diszipliniert möchte man es nennen.

Sportlich, weil, wenn man Schuch erlebt am Mittwochabend mit dem Württembergischen Kammerorchester Heilbronn in der Harmonie, eine lässige Beiläufigkeit mitschwingt, die pure Freude an der Bewegung, sprich dem Spiel. Aber eben auch eine professionelle Disziplin. Ein körperbetontes Spiel bei maximaler Ruhe und Konzentration am Flügel. Es ist das erste Konzert einer kleinen Tournee mit dem WKO unter Chefdirigent Risto Joost - der hinter eben diesem Flügel fast verschwindet, an dem Herbert Schuch das Publikum betört.

Das Klavier als Klangkosmos

Mit unterschiedlichen Programmen werden die Orchestermusiker und Herbert Schuch in Ulm, in Mühlheim an der Ruhr, Bremen sowie im Kleinen Saal der Elbphilharmonie Hamburg auftreten. Apropos Orchester, auch das zeichnet den Pianisten Schuch aus: Wie sein Instrument mal poetisch klingt, nachgerade zärtlich, und dann wieder orchestral, ein voluminöser Klangkosmos. Wofür sich das Programm in Heilbronn „(Fast) nur Beethoven“ kongenial anzubieten scheint.

Die Konzertdramaturgie folgt der Logik: zuerst zeitgenössische Klangflächen von Erkki-Sven Tüür, dem estnischen Komponisten, der Cluster, Polyrhythmik, Atonalität mit traditioneller Modalität und Harmonik versöhnt. Ein sensationelles Hörerlebnis mit den geforderten WKO-Musikerinnen und Musikern, die Risto Joost, Este wie Tüür, energiegeladen motiviert. Leider nur fünf Minuten Tüür, statt der im Programmheft versehentlich angekündigten zwölf, „Illusion“ heißt die Miniatur. Gerne hätte man mehr gehört von der Kontrastierung gar nicht so widerstrebender Stile wie Minimal, Spätromantik, Pseudobarock, Avantgarde.

Warum Beethoven seine Sinfonie „Eroica“ nennt

Dann wird der Flügel hereingeschoben. Herbert Schuch nimmt Platz, konzentriert spürt er sich in Beethoven ein während des orchestralen Intros. Ludwig van Beethovens 3. Klavierkonzert soll zum Herzstück des Abends geraten – auch wenn nach der Pause mit Beethovens 3. Sinfonie das Orchester, dann wieder ohne Solist, die mit dem Beinamen „Eroica“ bekannte Komposition gestalten wird.

Wie sehr sinfonische Merkmale bereits Beethovens drittes Klavierkonzert kennzeichnen, machen Schuch und das WKO im temperamentvollen Dialog greifbar. Schuchs Einsatz ist entschieden, dabei nie dominant, auch wenn er nonverbal mit dem WKO kommuniziert. Dynamisch mitreißende Momente wechseln mit lyrischen Passagen, die Schuch zelebriert.

Wenn im Largo, dem zweiten Satz, die Tonart von c-Moll nach E-Dur fließt, nimmt Schuch das pointiert langsam. Ein Präzisionsarbeiter mit Seele. Was kurz darauf keck klingt, ist virtuoses Austarieren, modifiziert raffiniert. Wie ein Echo ertönen im dritten Satz Bläser, Pauke und Streicher auf Schuchs spielerische Brillanz. Tosender Applaus und Franz Schubert als Zugabe.

Klassisch-romantisch und dabei recht wild

Nomen est omen: Beethoven selbst gibt seiner Sinfonie Nr. 3 Es-Dur den Beinamen „Eroica“. Diese frühe klassisch-romantische Sinfonie, 1805 in Wien unter seiner Leitung uraufgeführt, sollte Napoleon gewidmet sein. Als sich der 1804 selbst die Kaiserkrone aufsetzt, streicht Beethoven die Widmung. Am heroischen Charakter der Sinfonie ändert sich nichts. Temporeich, als wären sie auf der Flucht, folgen die Musiker ihrem energisch-lebhaften Dirigenten, um dann lyrisch-rhythmisch die ruhige Marcia funebre zu gestalten, den zweiten Satz.

Munter wechseln im Scherzo Pizzicati und fein verästelte Streicherläufe auf Bläser und Hörner. Und bedanken sich nach dem kraftvollen Finale Publikum und WKO wechselseitig überschwänglich.

Zur Person

Herbert Schuch, 1979 in Rumänien geboren, 1988 Umzug nach Deutschland, studiert bereits mit zwölf Jahren am Mozarteum in Salzburg. Der Gewinner des Internationalen Beethovenwettbewerbs Wien und Meisterschüler von Alfred Brendel zählt zu den bedeutenden Beethoven-Interpreten seiner Generation.

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