Der größte Snack des Abends: Jovana Reisinger auf dem Theaterschiff
Warum sind ihre Lesungen in Heilbronn immer so iconic, fragt sich Jovana Reisinger. Am Freitagabend frotzelte die Autorin und Kolumnistin munter auf dem Theaterschiff - und stellte ihr neues Buch „Pleasure“ vor.

Wie Jovana Reisinger zum Berliner It-Girl werden konnte, obwohl sie gar nicht dort lebt? Die Münchnerin hat keine plausible Erklärung für dieses Label, das ihr die Berliner Zeitung anfangs des Jahres verpasst hat, außer vielleicht, dass sie in der Hauptstadt oft auf Partys abhängt. It-Girl, der Begriff wird sowieso inflationär benutzt, findet die Autorin, Filmemacherin und Bildende Künstlerin. „So wie iconic.“ Quasi als Beweis wird sie am Tag nach ihrem Auftritt auf dem Theaterschiff selbst auf Instagram fragen: „Jede Lesung, die ich in Heilbronn gebe, ist iconic wtf ist los mit euch dort???“
Bereits zum zweiten Mal ist Jovana Reisinger Gast der Reihe „Flexen mit...“. Wobei die Auflage am Freitagabend ein Mix aus Talk, DJ-Set und Dinner-Party ist, mit einem Büfett vor der Bühne, an dem sich bedienen darf, wer von den rund 60 Besuchern ein entsprechendes Ticket hat. „Aber der größte Snack sitzt hier oben“, grinst Reisinger. Wie sie ebenso wenig ein Problem mit der Anrede Perle oder Praline hat. „Man muss diese ganzen Begriffe wieder einführen“, sieht das Multitalent, Jahrgang 1989, darin kein Machogehabe. Umgekehrt spricht Reisinger nur von dem Lover, Crush, Exmann.
„Pleasure“ wurde in 27 Betten geschrieben - mindestens
Ob es sich bei Jovana Reisinger um eine Kunstfigur handelt, will Moderator und „Freitag“-Redakteur Dorian Baganz wissen. „Sonst hätte ich gar nicht so frei mit Themen umgehen können“, bejaht Reisinger. Für die „Vogue“ schreibt sie eine Menstruations-Kolumne, für die „FAZ“ eine Single-Kolumne, im Oktober ist bei Park x Ullstein ihr neues Buch erschienen. „Pleasure“ – „in 27 verschiedenen Betten geschrieben“ – verhandelt die Lust auf Mode, Essen und Schlaf, mit diesem erzählerischen Essay verarbeitet Reisinger aber auch ihre Herkunft.
„Alle meine Werke sind aus tiefer Wut entstanden.“
Jovana Reisinger
Denn das Wirtshauskind kennt nicht nur Austern und Kaviar, sondern auch das Brotzeitbrettl. Von den Höhenflügen ihres im vergangenen Jahr verstorbenen Vaters als Koch bei der Lufthansa berichtet die Tochter, aber auch vom Scheitern nach der Übernahme der Gaststätte der Großmutter auf dem Dorf in Oberösterreich. Die Scham über den sozialen Abstieg hat Reisinger geprägt, ja politisiert. „Alle meine Werke sind aus tiefer Wut entstanden“, erklärt die Autorin, die vor Kurzem ihren dritten Uniabschluss gemacht hat.
Die romantische Liebe? „Nice to have, zum Überleben aber nicht notwendig“
„Stell doch mal eine lustige Frage, schau sie dir doch an, da rührt sich ja gar nix mehr“, frotzelt Reisinger mit Blick ins Publikum gegen Moderator Baganz und teilt überhaupt schlagfertig aus an diesem unterhaltsamen Abend, der eine Kooperation mit dem Heilbronner Literaturhaus ist und der Württembergischen Theaternachwuchsförderung Neckartal.
Eineinhalb Stunden parliert Jovana Reisinger geistreich über Luxus, Klassizismus, Feminismus und eine sexistische Literaturkritik, spricht über Bescheidenheit („so langweilig“), Oberflächlichkeit („Die Leute sollen sich ein bisschen mehr um ihre Oberfläche kümmern“) und die romantische Liebe („nice to have, zum Überleben aber nicht notwendig“). Ihr trotzige Attitüde verdankt sie übrigens der österreichischen Großmutter. „Jovana, es gibt keine guten Männer“, war die Wirtshaus-Matriarchin zeit ihres Lebens überzeugt. Und, hat sie recht? „Ein paar korrekte Typen kenne ich.“

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