Der Figur ihr Geheimnis lassen: Cihan Acar stellt „Casino“ im Literaturhaus vor
Für den Bad Friedrichshaller war es quasi ein Heimspiel: Im vollbesetzten Trappenseeschlösschen las Cihan Acar aus seinem neuen Roman „Casino“. Dieser handelt von einem Glücksspielbetreiber, der im Verdacht steht, ein Schwerverbrecher zu sein.

Es ist eine Szene, wie sie aus einem Mafiafilm stammen könnte: Im Friseurgeschäft wird der Geschäftsmann Cumali Karagöz von einem Mann angesprochen. Ob er ihm helfen könne, seine Tochter aus der Türkei zurückzuholen und ihren gottlosen, drogenabhängigen Freund zu bestrafen, mit dem sie durchgebrannt sei? Er würde auch gut dafür zahlen. Wegen der Umherstehenden weist Cuma den 61-Jährigen ab. „Ich weiß nicht, was sie dir erzählt haben, aber ich habe mit solchen Dingen nichts zu tun.“ Später, unbeobachtet, schickt er einen seiner Männer dem Bittsteller nach. Er solle ihm Name und Telefonnummer des Vaters besorgen.
Cihan Acar: Arbeit an neuem Roman hat „zu lange gedauert“
Ist Cuma ein Verbrecher oder ist er es nicht? „Ich wollte der Figur ihr Geheimnis lassen“, sagt Cihan Acar, für den es bei der Niederschrift seines neuen Romans „Casino“ ein Betrug gewesen wäre, wenn er sich selbst für eine Antwort entschieden, sie dem Leser aber vorenthalten hätte. Vom Beschreiben seines ambivalenten Protagonisten ohne ihn komplett auszuleuchten, spricht Acar darum bei der Buchvorstellung im Literaturhaus. Die ist ein Heimspiel für den Bad Friedrichshaller, der mit seinem in Heilbronn angesiedelten Roman „Hawaii“ vor sechs Jahren sein literarisches Debüt veröffentlicht hat. Entsprechend proppevoll ist das Trappenseeschlösschen und freut sich der 39-Jährige über viele bekannte Gesichter im Publikum – darunter auch den Autoren und Satiriker Oliver Maria Schmitt.
Filmisch geschrieben und überreich an oberflächlichen Details, erzählt „Casino“, wie der Aufsteiger Cuma das Glücksspielimperium, das er in seiner Heimatstadt Steinheim am Neckar errichtet hat, nun durch die Eröffnung eines riesigen Casinos krönen will. Während Frau, Tochter und Sohn versuchen, mit dem Ruf des Patriarchen umzugehen beziehungsweise sich von ihm zu befreien. „Ein Familienmitglied kann man nie so richtig als Bösewicht sehen“, sagt Cihan Acar, der die Perspektiven im Lauf der Handlung wechselt. Das ist ihm am Anfang nicht so gut von der Hand gegangen und überhaupt hat die Arbeit an „Casino“ „zu lange gedauert“, wie der Autor im Gespräch mit Literaturhausleiter Anton Knittel berichtet.
Thema Rassismus stand beim Schreiben von „Casino“ nicht im Vordergrund
Ob er viel in Spielotheken recherchiert hat? Acar verneint und teilt eine Kindheitserinnerung: Ein älterer Verwandter ist beim gemeinsamen Spaziergang plötzlich vor einer Automatenhalle stehen geblieben. „Er hat sich vor mir aufgebaut und schwören lassen, dass ich nie reingehe.“ Dass Cumali wie Kemal, der gescheiterte Fußballer in „Hawaii“, einen türkischen Namen und Hintergrund hat, ist für Cihan Acar eine Selbstverständlichkeit. „Da kann ich aus eigener Erfahrung schöpfen.“ Wenngleich man aufpassen müsse, „nicht zu viele Klischees zu bedienen“. Zwar erfährt auch Cumali Rassismus. „Dem Thema war ich mir beim Schreiben des ersten Romans aber bewusster“, sagt Acar.

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