Der diffuse Moment des Übergangs zur Diktatur
Über die fatalen Parallelen zwischen den 1930er Jahren und unserer Gegenwart: Anja Kampmann spricht im Literaturhaus Heilbronn über Umbruchzeiten in ihrem Roman „Die Wut ist ein heller Stern“.

Hamburch oder Hamburg? Was sagt das Nordlicht? Je nachdem, mit wem Anja Kampmann spricht, aber eigentlich spricht sie die Stadt mit g aus, in der sie zu Hause ist. Anders Beatrice Faßbender, die den Abend moderiert und der das ch nach wie vor auf der Zunge liegt, obwohl die gebürtige Schleswig-Holsteinerin in Berlin lebt.
Zwei auf jeden Fall sprachgewandte Literaturexpertinnen sind zu Gast im Literaturhaus Heilbronn, um über Kampmanns jüngsten bei Hanser erschienenen Roman „Die Wut ist ein heller Stern“ zu räsonieren. Die Geschichte einer weiblichen Selbstbehauptung in finsteren Zeiten in Hamburg während der Jahre 1930 und 1937. Kein historischer Roman im eigentlichen Sinn, wenngleich Anja Kampmann, Jahrgang 1983, penibel recherchiert hat, wird „Die Wut ist ein heller Stern“ auch als Parabel auf unsere Gegenwart gelesen. Vor allem in den USA hat Kampmann diese Reaktion auf einer Leserreise erlebt, wo Trupps wie ICE willkürlich Leute abführen und an den Unis oder in Archiven bereits Selbstzensur stattfindet.
Wie autoritäre Netzwerke ein Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit streuen
Als atmosphärisch dichtes Panorama der Verfolgten komponiert, erzählt Kampmann von einer Welt, die auseinanderfällt. Das heißt, sie lässt aus dem Blickwinkel Heddas erzählen, einer Artistin und Tänzerin im Nachtclub Alkazar auf der Reeperbahn.Stellvertretend für all die anderen Figuren hat Hedda eine diffuse Vorahnung, wie es autoritären Netzwerken gelingt, ein repressives System aufzubauen, sodass Vertrauen schwindet und ein Gefühl der Ohnmacht und Unsicherheit die Oberhand gewinnt. „Was mir bei meinen Recherchen aufgefallen ist, wie Menschen anfingen, von Tag zu Tag zu planen. Und wie sich Sprache ändert“, zieht Kampmann Parallelen.
Prekäre Lebensverhältnisse von Prostituierten
Der Plot in Kürze: Es sind die frühen Jahre im nationalsozialistischen Deutschland, ein Hauch von „Babylon Berlin“ weht im Roman. Im Varieté tauchen Uniformierte auf, wie Hedda überhaupt immer häufiger mit Nazis zu tun hat. Ihr Bruder bricht nach Hermann Görings Plan auf in die Antarktis, ihr Geliebter landet im KZ, über ihre Mitbewohnerin Leni erfährt sie von den Lebensverhältnissen der Prostituierten.
„Es gibt Momente der Souveränität, und die zeigen sich im Lachen und im Schweigen“, paraphrasiert die Autorin Hannah Arendt und erklärt, wie froh sie war, als sie die Erzählstimme Hedda gefunden hatte, um durch diese Zeit zu navigieren.
Steile Karriere nach dem Krieg
Aus Heddas Perspektive gewinnen die weiteren Figuren an Kontur, die Verfolgten und Peiniger, ohne dem Jargon der Nazis Bedeutung zu geben. Es ist die Umbruchzeit, die Anja Kampmann interessiert, über die wir, wie sie meint, immer noch zu wenig wissen. Etwa über Käthe Petersen, Sammelvormund für Prostituierte und Leiterin der Hamburger Fürsorge, verantwortlich für die Zwangssterilisation von 10.000 Menschen. Wofür Petersen nie belangt wurde. Dafür nach dem Krieg Karriere machte bis zur Regierungspräsidentin in Hamburg und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.
Nur eine dünne Schicht auf unserer Zivilisation
Im Dialog mit Faßbender erzählt Kampmann von den Vorarbeiten, ihren Quellen, gewährt Einblick ins Schreiben. Dazwischen liest sie mit betont ruhiger Stimme und lässt die couragierte Hedda lebendig werden wie im Film vor dem inneren Auge. Und heute? Anja Kampmann konstatiert einen „Backlash“ im Frauenbild, spricht von Errungenschaften, die nur eine dünne Schicht sind auf unserer Zivilisation und „die immer neu verhandelt werden müssen“.

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