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„Den Hype um KI sehe ich eher kritisch“

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„Malen wir einen Engel an die Wand“ lautet das Motto der Spielzeit 2025/26: Ein Gespräch mit Heilbronns Intendant Axel Vornam, warum das Theater mit seinen Inszenierungen Mut machen möchte, auch wenn das angesichts der globalen Krisen schwierig ist. 

„Wir haben angesichts der globalen Krisen überlegt: Was können wir als Theater tun? Müssen wir nicht versuchen, mit unseren Inszenierungen etwas Ermutigendes dagegen zu setzen?“: Intendant Axel Vornam auf der Bühne im Großen Haus.
„Wir haben angesichts der globalen Krisen überlegt: Was können wir als Theater tun? Müssen wir nicht versuchen, mit unseren Inszenierungen etwas Ermutigendes dagegen zu setzen?“: Intendant Axel Vornam auf der Bühne im Großen Haus.  Foto: Lina Bihr

Um über das Hier und Heute nachzudenken, braucht es Theater, ist Axel Vornam überzeugt. Bis zu seinem Abschied als Intendant des Heilbronner Theaters nach 18 Jahren im Sommer 2026 wollen Vornam und sein Team das Publikum noch einmal mitnehmen. Ein Gespräch über eine bedrohliche Gegenwart, den Spielplan und das, was wird.

Male den Teufel nicht an die Wand, er kommt von selber, hat Martin Luther gesagt. Das Heilbronner Theater macht sich lieber den Wahlspruch des Theologen Walter Ludin – „Malen wir einen Engel an die Wand“ – zum Spielzeitmotto. Herr Vornam, sind Sie jetzt fromm geworden?

Axel Vornam: Keine Sorge, das wird nicht passieren. Aber wir haben angesichts der globalen Krisen überlegt: Was können wir als Theater tun? Müssen wir nicht versuchen, mit unseren Inszenierungen etwas Ermutigendes dagegen zu setzen? Was angesichts des Zerfalls und der Zerstörung der regelbasierten Weltordnung schwierig ist.

Bevor wir darüber sprechen, mit welchen Stücken Sie Hoffnung wecken wollen: Wie fühlt sich der allmähliche Abschied von Heilbronn an?

Vornam: Es ist ja noch kein Abschied von Heilbronn, aber es ist ein Abschied vom hiesigen Theater. Man blickt zuweilen mit Kolleginnen und Kollegen zurück, auf das, was man alles in den vielen Jahren erfolgreich aufgebaut hat. Natürlich auch nicht frei von Sentiments. Dabei bin ich mir bewusst, dass in dem Moment, wo ich entschieden habe, nicht über 2026 zu verlängern, es danach zu Veränderungen am Theater kommen wird. Das ist ganz normal.

Dass vergangenes Jahr kontrovers und kritisch über das Wahlprozedere zu Ihrer Nachfolge berichtet wurde, hat Sie das gekränkt?

Vornam: Es hat mich geärgert, weil es wenig mit der Realität zu tun hatte. Das sind interne Vorgänge, das ist Sache der Findungskommission, des Gemeinderates und der Stadtverwaltung. Dass mir dann nachgesagt wurde, ich hätte mich da eingemischt, ist falsch und unverschämt. Gegen diese Unterstellung bin ich rechtlich vorgegangen, mit Erfolg.

Jetzt zum Spielplan. Wegen Sanierungsarbeiten der Bühnenmaschinerie beginnt die Spielzeit am Wochenende im Komödienhaus und in der BOXX. Und erst am 31. Oktober und 1. November im Großen Haus mit „Der zerbrochne Krug“ und „Endstation Sehnsucht“. Kleist und Tennessee Williams, was sagen die uns heute?

Vornam: Beim „Zerbrochnen Krug“ liegt es auf der Hand. Da geht es darum, was gerade rechtskonservative Politiker in Europa und auch in Amerika infrage stellen: die Unabhängigkeit von Justiz. Kleists Stück ist ein Paradebeispiel über den Missbrauch von Gerichtsbarkeit, Instrumentalisierung für private Interessen, Fake News und so weiter.

1956 in Castrop-Rauxel geboren, 1967 ziehen die Eltern von Axel Vornam in die DDR. Aufgewachsen in Leipzig, absolviert er eine Ausbildung zum Wirtschaftskaufmann und studiert dann Regie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Erste Stationen sind Meiningen, Greifswald/Stralsund, das Landestheater Schleswig-Holstein. Vornam wird Intendant am Theater Rudolstadt, seit 2008 ist er Intendant in Heilbronn. Der Vater zweier erwachsener Söhne ist passionierter Hobbykoch. 

Und die „Endstation“?

Vornam: „Endstation Sehnsucht“ verhandelt, wie ich mich mit meinen Wünschen und Träumen in einer Gesellschaft bewege, wie ich mich selbst überfordere, daran zerbreche. Aber auch, wie ich meine Umgebung mit meinen unerfüllten Sehnsüchten terrorisiere. Das ist eine ganz anders aufgebaute Geschichte als „Der zerbrochne Krug“, weitaus diffiziler, psychologischer.

Sie meinen die Frage, wie wir miteinander kommunizieren?

Vornam: Ja. Es gibt ein tolles Buch zu diesem Thema „Die Lüge als Prinzip“. So ist unsere Mediengesellschaft im Kapitalismus aufgebaut, so funktioniert sie. In Politik und Wirtschaft.

Das klingt pessimistisch.

Vornam: Mit der Lüge meine ich auch diese Vorstellung von Realität, die über Social Media verbreitet wird. Wissenschaftler sprechen vom Phänomen der halluzinierten Wirklichkeit, in der wir uns bewegen. Die Frage ist, ob wir in der Lage sein werden, zwischen Realität und halluzinierter Wirklichkeit zu unterscheiden. Das spielt natürlich den reaktionären Allmachtsfantasien von rechten Tech-Milliardären wie Musk und Thiel in die Hände.

Sie haben stets betont, dass Theater, wie Sie es verstehen, politisch ist. Nun muss der Spielplan für ein Stadttheater Kompromiss sein zwischen Unterhaltung und Zumutung. Welche Stücke liegen Ihnen am Herzen?

Vornam: Wenn ich im Großen Haus die Favoriten nenne, sind das Unternehmungen wie „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus. Ein Mammutprojekt. Mit Georg Schmiedleitner haben wir einen Regisseur, der mit „Fabian“ und „Felix Krull“ gezeigt hat, wie man so komplexe Stoffe auf die Bühne bringt.

Weitere Favoriten?

Vornam: Dazu zählt sicher „Nathan der Weise“, den ich zum Spielzeitende inszenieren werde, womit sich ein Kreis schließt.

Weil damals Ihre Intendanz mit Lessings Toleranzstück eröffnet wurde.

Vornam: Vor 18 Jahren hat es Alejandro Quintana inszeniert, eine poetisch starke Inszenierung, in der der aufklärerische Gedanke dominiert. Mittlerweile wird mein Zugriff kritischer sein. Die Figuren sind zutiefst traumatisiert durch den permanenten Kriegszustand, in dem sie sich bewegen. Wenn ich heute Lessing lese, meine ich, „Nathan“ spielt lediglich in einer Zeit des Stillstandes, zwischen den Kriegen der Menschen. Dieses Märchen vom Zusammenkommen ist ein letzter Akt der Verzweiflung. Nichts anderes kann noch gelingen.

Also mehr Utopie als Stück?

Vornam: Der Text hat sicher diesen utopischen Unterton, dass es Menschen mit unterschiedlichsten Weltanschauungen gelingen muss, sich miteinander zu verständigen. Annäherung geht nur über Diskurs. Und da sind wir an jenem relevanten Punkt: Wie stark ist diese Diskursverweigerung mittlerweile in unserer Gesellschaft?

Weil wir meinen, Social Media und KI könnten diesen Diskurs erfüllen?

Vornam: Die Vorstellung, Social Media würden zu einer nie dagewesenen Demokratisierung des Diskurses führen, ist längst zerfallen. Das Gegenteil ist eingetreten. Und den Hype um KI sehe ich eher kritisch. Die Frage ist auch bei der KI, wer hat die Macht über die Algorithmen? Wer bestimmt, was mir die KI als Erkenntnis oder Wissen anbietet? Es wird eine Selektion vorgenommen, die nicht ich bestimme. Viel Grund für Optimismus sehe ich da nicht. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ lässt grüßen.

Apropos schöne, neue Welt: Dass der Theatermann Vornam in einem Jahr nichts mehr tut, ist schwer vorstellbar

Vornam: Ich werde Abstand gewinnen, verreisen, mir die Welt angucken. Und dann sehen, was passiert.

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