Bettina Scholz, geboren 1979 in Neuruppin/Brandenburg, erlebt als Elfjährige den Mauerfall, zwei Jahre später zieht die Familie in den Westen. Nach ihrem Studium in Berlin und London stellt Scholz international aus und ist seit 2021 Professorin für Malerei an der Alanus Hochschule Institut für Waldorfpädagogik, Inklusion und Interkulturalität in Mannheim.
Das subversive Potenzial von Kunst
Die Macht von Science Fiction und Fantasy? „Ost/West und Das südliche Orakel“ heißt die neue Ausstellung im Kunstverein Heilbronn. Die Grenzgängerin Bettina Scholz aus Berlin zeigt ihre Bilder, Zeichnungen und Skizzen.

Orange als warme Farbe, die magnetisiert, ist ein Merkmal in ihrem Werk. Für den Kunstverein Heilbronn hat Bettina Scholz jetzt eine Wandarbeit in diesem Grundton gefertigt, eine Art Storyboard elf auf vier Metern. Von Wahlverwandtschaften spricht sie, „wenngleich man da schnell bei Goethe landet, was nicht schlimm ist“.
Neben Zitaten und Motiven aus der Kunst, Literatur und Populärkultur hat Scholz eine Jugendstil-Illustration zum „Faust“ aus den 30er Jahren untergebracht, die ihr so aktuell erscheint wie die Mythen eines Hieronymus Bosch, einer Hildegard von Bingen, eines David Lynch, dem eben verstorbenen Regisseur. Ob Sci-Fi-Elemente, ein Francis-Picabia-Zitat wie ein zeitloses Manga oder ein Bild der Protagonisten von „Der Zauberer von Oz“ – übrigens die russische Fassung, mit der Bettina Scholz groß geworden ist: Scholz liebt es, das vermeintlich Alte und das Neue zu verbinden, auch stilistisch.
Eine außergewöhnliche Kindheit in der DDR
„Ost/West und Das südliche Orakel“ nennt die Künstlerin aus Berlin die Ausstellung, die am Freitag eröffnet wird und die Malerei feiert, die Freiheit der Gedanken, Widersprüche, die sich durch jedes Leben ziehen. Dabei erzählt Bettina Scholz, 1979 in Neuruppin geboren, auch von einer außergewöhnlichen Kindheit in der DDR, verarbeitet biografische Momente – was ihr Ausstellungskatalog-Text „Die Stasi-Akte des Herrn Scholz, die Aura von Frau O.“ belegt mit den anspielungsreichen ersten Worten: „Aufgewachsen bin ich zwischen Esoterikern, Kommunisten, Künstlerinnen und Spionen.“
Gegensätzliches miteinander zu verbinden, kennzeichnet ihre Bilder, Skizzenbücher und Zeichnungen. Wer durch die Schau im Kunstverein geht, taucht ein in das Kaleidoskop von Scholz’ Blick auf die Vielstimmigkeit der Welt. Stets ist Scholz auf mehreren Gebieten unterwegs, finden sich Referenzen zu Literatur, Musik, zur christlichen Mystik, Naturwissenschaft – und eben zu Science Fiction und Fantasy. Nicht im Sinne von blinkenden Laserschwerten, sondern von Utopie.
„Malerei ist das schönere Denken“ zitiert Scholz Künstlerkollege Scheibitz
„Aus dem Alltagstrott heraus groß denken“ zieht sich als Credo durch ihre Arbeit als Replik auf die bange Frage: „Müssen wir untergehen?“ Vereinnahmen lässt sich Bettina Scholz von keiner Denkrichtung. „Malerei ist das schönere Denken“, zitiert sie Künstlerkollege Thomas Scheibitz. Und der Titel ihrer Ausstellung? Ost/West erschließt sich aus ihrer Biografie. Das südliche Orakel kommt aus Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, die von einem Helden erzählt, der Phantásien rettet, aber auch von Größenwahn und Machtsucht. „Das ist immer ein Thema und mit Blick auf die Tech-Giganten virulenter denn je.“
Ihre Mutter hatte einst illegal Kinderbücher aus dem Westen organisiert, wenn „Besuch“ bei Scholzens auftauchte, wurde „Die unendliche Geschichte“ hektisch weggepackt. Dass Kunst und Literatur, Kultur generell ein subversives, revolutionäres, horizonterweiterndes Potenzial bergen, das hat Bettina Scholz in der Familie erfahren. Ihre Eltern, Anthroposophen, hatten ein internationales Gästehaus geführt in Rheinberg in Brandenburg am See.Dass in der DDR auch Individualismus gelebt wurde, „ist ein Teil der Ostgeschichte, die wenig bekannt ist“, sagt Scholz. Und: Dass ihre Ausstellung keine DDR-Ausstellung ist, sondern eine über die Kraft der Malerei.
Die verfremdeten Stasi-Akten des Vaters
Wandteppichen gleich hängen da verfremdete Stasi-Akten über den Vater aus den 80er Jahren. MfS steht unten links, Ministerium für Staatssicherheit. Scholz hat die Akten vergrößert, auf Leinwand gedruckt. Und übermalt mit dem Ende-Zitat „Tu’ was Du willst“ und mit einem Kobold, der an die Grimmsche Märchenfigur und ihr „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß“ erinnert.
Magisch abstrakt und ästhetisch raffiniert sind die großformatigen Bilder aus Plexiglasplatten, die Bettina Scholz mit Sprühfarben bearbeitet. Die mystische Anmutung durchzieht ihr gesamtes Werk. Auch der Witz wie in den kleinen Bildern, fast alle 2025 entstanden, die wie ein Instagram-Bilder-Reigen wirken mögen, aber auf den zweiten Blick magische Kostbarkeiten sind und Zitate zu sakralen wie literarischen Themen. Etwa die raue Skizze des Käthchens von Heilbronn oder die souverän hingetupfte „Ida Rubinstein erfindet die Performance“.
Auf Pulten verteilt im Raum liegen kleine und größere Skizzenbücher. Teils Tagebücher mit Bildern und Satzfetzen, teils malerische Entwürfe zeugen die Kladden davon, wie existenziell Bettina Scholz ihre Ausdrucksform ist, das Denken in Bildern. „Ich liebe meine Arbeit.“
Diesen Freitag, 19 Uhr, wird die Ausstellung Bettina Scholz im Kunstverein Heilbronn/Allee 28/Kunsthalle Vogelmann eröffnet. Sie läuft bis 4. Mai.


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