Stimme+
Interview Tina Teubner

„Dann lass’es doch mal unordentlich sein“

   | 
Lesezeit  4 Min
Erfolgreich kopiert!

Warum Tina Teubner politisch denkt, aber kein politisches Kabarett macht, persönlich wird, aber nie privat – ein Gespräch vor dem Auftritt der Künstlerin in  Heilbronn.

„Ich habe das Glück, als Solistin das machen zu dürfen, was ich möchte“, sagt Tina Teubner. Aber auch, dass es immer schwieriger wird, der Welt wirklich Komisches abzuringen.
„Ich habe das Glück, als Solistin das machen zu dürfen, was ich möchte“, sagt Tina Teubner. Aber auch, dass es immer schwieriger wird, der Welt wirklich Komisches abzuringen.  Foto: Jens Schneider

„Mich interessieren Menschen eher von innen.“ Tina Teubner, Jahrgang 1966, hat früh erkannt: ihre künstlerische Heimat liegt im Kabarett. Ende Juni ist sie im Alten Theater Sontheim zu erleben mit dem Programm „Wenn Du mich verlässt, komme ich mit“. Warum Tina Teubner auf der Bühne persönlich ist, aber nicht privat wird und der Welt mehr weibliche Demut gut anstünde, erzählt sie im Interview.

In den USA regiert mit Donald Trump ein Präsident, der wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht stand, Firmen kassieren Quoten, Influencer streuen Frauenhass. Wird die Welt wieder männlicher, und wie fühlt sich Tina Teubner dabei?

Tina Teubner: Das sind sozusagen zwei Fragen. Eine nach der Beurteilung der ganzen Welt. Und da bin ich vorsichtig, weil ich schlecht für andere sprechen kann.

Dann fangen wir mit der ersten an.

Teubner: Ich bin unendlich froh darüber, eine Frau zu sein. Frauen sind was Tolles. Ich denke, wenn unsere Welt ein bisschen mehr von Menschen in die Hand genommen würde, die das besitzen, was man den Frauen zuschreibt, also mehr Mitgefühl oder Empathie und die Fähigkeit zum Perspektivwechsel, dafür weniger Eitelkeit und Machtbesessenheit, wäre das nicht verkehrt.

Das ist mal eine klare Ansage.

Teubner: Übrigens habe ich mich nie in der Illusion bewegt, dass die Welt wirklich weiblicher wäre, sondern habe das Gefühl, dass man Frauen zwar aus guten Gründen, weil sie schlau und kompetent sind, einen Platz einräumt, dann aber erwartet, sie sollten doch bitte den Männern verblüffend ähnlich sein.

Die Frauen machen da mit?

Teubner: Das Problem ist doch, dass, wer an die Spitze gelangen will, eine zumindest leichte, wenn nicht gar schwere narzisstische Persönlichkeitsstörung haben muss. Wenn man sich nur ansieht, mit welcher Ignoranz, Unverblümtheit und Unverschämtheit die Welt regiert wird.

Und es scheint zu funktionieren.

Teubner: Zumindest im Moment schaut es so aus.

Tina Teubner, 1966 in Witzenhausen/Hessen geboren, Kabarettistin, Autorin, Chansonsängerin, studiert Musiktherapie in Wien und Violine an den Musikhochschulen Düsseldorf und Münster. Erste Bühnenerfahrung als Bühnenmusikerin am Düsseldorfer Schauspielhaus. Teubner mag Franz Schubert, Thomas Bernhard, Pina Bausch, Fellinis „La Strada“. Mehrfach ausgezeichnet, erhielt sie 2024 den Salzburger Stier. Sie ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Jetzt zur Kunst. Mit Liedern, Kabarett und Unfug, wie Sie es nennen, begegnen Sie seit mehr als drei Jahrzehnten dem Publikum, als eine der ersten deutschsprachigen Kabarettistinnen.

Teubner: Eine der ersten, das bin ich nicht, da gibt es eine Tradition vor dem Krieg, die Berliner Frauen und Chansonsängerinnen, Claire Waldoff und wie sie alle heißen, Erika Mann mit der Pfeffermühle. Und nach dem Krieg Lore Lorenz, auch in meiner Generation gibt es tolle Frauen. Ich selbst schreibe und erzähle seit jeher, was ich lustig oder traurig oder erzählenswert finde. Ich habe das Glück, als Solistin das machen zu dürfen, was ich möchte. Mein Anspruch ist es, persönlich zu sein, aber nicht privat.

Wie hat sich das Business verändert?

Teubner: Was sich komplett verändert hat, ist dieses aggressiv Werben-Müssen über soziale Medien. Und ich tue es einfach nicht, ich bin da wohl der letzte Jahrgang, der das überhaupt noch ohne schafft. Wahrscheinlich wäre ich deutlich bekannter, wenn ich es täte. Es ist mir nur nicht danach, täglich meine Leute davon in Kenntnis zu setzen, wohin ich reise, was ich esse, welch guter Satz mir wieder eingefallen ist.

Immer gern zitiert ist Ihr Bekenntnis „Ich habe zwei Kinder und einen Mann. Ich bin also alleinerziehend“.

Teubner: Ein unerwarteter Satz, so funktioniert Komik. Den Inhalt bitte satirisch verstehen, die Männer machen inzwischen ja auch viel. Und doch habe ich just eine Nummer zu dem Thema geschrieben: Am Rollenverständnis hat sich gar nicht so viel verändert – es ist nur für alle noch etwas obendrauf gekommen. Wir Frauen sind emanzipiert, sind berufstätig, aber wir sollen trotzdem Kinder kriegen und das ohne Tamtam, also schlank in die Welt kalben und bitte nicht immer so gestresst sein. Und Männer sollen erfolgreich sein, aber dennoch anwesend, Waffeln backend für die Kinder.

In Sachen Selbstoptimierung setzen sich Frauen oft selbst unter Druck.

Teubner: Wie auch nicht? Es ist inzwischen normal, als Frau erfolgreich zu sein – aber es ist auch nicht ungern gesehen, wenn wir uns dekorativ unterordnen. Wir sollen unsere Meinung sagen, aber im rechten Moment höflich in die zweite Reihe zurücktreten. Viele Frauen erwarten viel von sich, wollen raffiniert kochen, eingerichtet in einem gestylten Haus, perfekte Gastgeberin sein. Ich denke dann, lass’ es doch mal unordentlich sein.

Nun ist Ihr Ehemann, Frau Teubner, auch Inspirationsquelle Ihrer Programme, Bühnenpartner und begleitet Sie seit Jahren am Klavier.

Teubner: Auf der Bühne sind wir kein Paar, viele wissen gar nicht, dass Ben Süverkrüp mein Mann ist, über ihn erzähle ich ja nicht viel. Sondern davon, der Welt die Idee von Liebe entgegenzusetzen: Beziehung als kleinste gesellschaftliche Zelle.

Wie hat man sich die Wechselwirkung Teubner-Süverkrüp vorzustellen?

Teubner: Es ist sehr schön und befruchtend, Projekte zu machen mit jemandem, den man sehr gerne mag. Ich schreibe alles, Ben ist der Erste, der es hört und auch Ideen hat. Wir machen zusammen ein Tina-Programm, er hat ein Vetorecht, aber es ist mein Programm. Mich gab es ja schon vor Ben als Kabarettistin. Umgekehrt macht Ben als Musiker eigene Klassikprojekte.

Ist irgendetwas vor Ihrem Blick sicher? Sie blicken auf die Welt – und zack entsteht ein neues Programm.

Teubner: Leider nicht, und zack schon mal gar nicht. Ich finde es immer schwieriger, der Welt wirklich Komisches abzuringen. Das ist auch ein Grund, warum ich kein politisches Kabarett mache. Ich bin nicht unpolitisch, müsste dafür aber die Kamera auf Weitwinkel stellen. Mich interessieren Menschen eher von innen. Wer ist jemand, der ausgerechnet in der AfD Heimat findet?

Wenn schon ein Lebensmotto, dann würden Sie sich Roger Willemsens Diktum „Man kann sein Leben nicht verlängern, man kann es nur verdichten“ zu eigen machen.

Teubner: An dem Satz mag ich, dass er von Qualität erzählt, nicht von Quantität. Vom Versuch, das eigene Leben zu führen, Dinge nicht aufzuschieben, Träume zu verwirklichen, Versöhnungen anzustreben, wenn sie angezeigt sind, etwas wagen, sich neu erfinden. Leider kannte ich Willemsen nicht persönlich.

Auftritt Altes Theater

Lauffener Straße 2, 27. Juni, 20 Uhr  

www.altes-theater-heilbronn.de

Nach oben  Nach oben