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Staatsoper Stuttgart
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Casanova als gerupfter Frauenheld

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Marco Storman inszeniert die Revue-Operette „Casanova“ als trashiges Spektakel, Cornelius Meister dirigiert das muntere Staatsorchester Stuttgart im Drei-Viertel-Takt.

Wenn Casanova vom Thron steigt oder: ein Abend voller Raketen, Patronen und anderen Phallussymbolen in der Staatsoper Stuttgart als trashige Revue-Operette mit einem fabelhaften Staatsopernchor und Solisten.
Wenn Casanova vom Thron steigt oder: ein Abend voller Raketen, Patronen und anderen Phallussymbolen in der Staatsoper Stuttgart als trashige Revue-Operette mit einem fabelhaften Staatsopernchor und Solisten.  Foto: Matthias Baus

So viel Phallus ist selten in der Oper, so viel Genderfluidität. Und so viel Trash. „Revue ne va plus“, leuchtet der Schriftzug vor glitzerndem Bühnenvorhang, da läuft „Casanova“ schon in vollen Zügen. Eine schrille Collage, Persiflage und Demontage des berüchtigten Latinlovers, der in diesem neuen Jahr 300 Jahr alt wird und dessen Mythos ewig währt.

Oder nicht? Die Stuttgarter Fassung dieser Revue-Operette in sieben Bildern von Johann Strauss und Ralph Benatzky zeichnet Casanova als gutmütig tumb und gibt seine Männlichkeitsfantasien der Lächerlichkeit preis, während munter der Perspektivwechsel von Verführer und Verführten konjugiert wird.

Die Regie läuft aus dem Ruder

Nun kann man die Inszenierung von Marco Storman als politisches Statement verstehen gegen überholte Geschlechterzuschreibungen und als Hohelied auf die selbstbestimmte Sexualität der Frau. Aber auch als Konzept, das zu viel will und im Laufe der eindreiviertel Stunde aus dem Ruder läuft. Eindreiviertel Stunden, die ohne Frage kurzweilig sind und von Schauwert. Vor allem aber musikalisch mitnehmen unter der Leitung von Cornelius Meister, der schwungvoll zeigt, wie gut das Staatsorchester Stuttgart Walzer kann – und welch subversive Kraft da lauert im Drei-Viertel-Takt.

Marco Storman, 1980 in Hamburg geboren, studierte Regie an der Otto-Falckenberg-Schule in München und arbeitete unter anderem mit den Regisseuren Jossi Wieler, Stephan Kimmig, Andreas Kriegenburg, Christoph Schlingensief und Schorsch Kamerun. 2014 gewann er den New Berlin Film Award für seinen Film „Juliaugust“. Als freier Regisseur arbeitet Storman am Thalia Theater Hamburg, Schauspiel Hannover, Schauspielhaus Wien, an der Staatsoper Stuttgart und anderswo sowie als Hausregisseur für Musiktheater am Luzerner Theater.

Die Stuttgarter Fassung? Eine Überschreibung der Überschreibung. 1928, das Jahr, in dem Brecht/Weills „Dreigroschenoper“ uraufgeführt wird, ist auch die Geburt des Genres der Revue-Operette, ein Vorläufer des Musicals. Sein genialer Schöpfer, der Komponist Benatzky, der Knaller wie „Im weißen Rössl“ schrieb, bediente sich für seinen „Casanova“ großzügig bei Johann Strauss, vor allem bei dessen „Cagliostro in Wien“. Bei der Uraufführung im Großen Berliner Schauspielhaus traten mit Gesangsnummern zwischen den Akten die bis dato unbekannten Comedian Harmonists auf – heute punkten acht Solisten als Stuttgarts Comedian Harmonists. Die Rolle der Tänzerin Barberina teilen sich zwei Frauen, die moderierend-kommentierend Auszüge aus dem Sappho-Kapitel aus Judith Schalanskys „Verzeichnis einiger Verluste“ vortragen. Hinter der lesbischen, antiken Dichterin Sappho steckt die Dynamik jener Frauen, die sich ihr Leben nicht diktieren lassen. Während Casanova, ein Straftäter übrigens, der mit einer seiner zahlreichen Töchter ein Kind zeugte, seinen Ruf als Womanizer in Stuttgart nicht halten kann.

Assoziationen und aktuelle Bezüge

Eine Handlung im stringenten Sinn gibt es nicht, das Begehren, die Verführung, die Maskerade und weitere Facetten der Liebe werden lustvoll besungen. Ob das nun Episoden aus Casanovas Leben sind, ist zweitrangig. Michael Mayes entsteigt wie Botticellis Venus einer gigantischen Muschel (Bühne: Demian Wohler), seinen Allerwertesten schützt er später mit einem handlichen Müschelchen. Raketen, Patronen und andere Phallussymbole wirken bald ermüdend. Dabei zieht die Regie Metaebenen und Verweise. Elon Musk auf Schildern, als würden Storman und sein Team die jüngsten dreisten Eingriffe des US-Multimilliardärs in den deutschen Wahlkampf zugunsten der AfD vorwegnehmen. Das toxische Männerideal der Neuen Rechten wird zitiert. All das ist voller Assoziationen wie auch die Keuschheitskommission, die durchs Geschehen irrlichtert. Doch fehlt „Casanova“ die Tiefe von Stormans umjubelter und pointierter Deutung von John Adams’ „Nixon in China“ 2019 an der Staatsoper Stuttgart. Der szenische Overkill verpufft – immerhin mit Aplomb.

Potenzhilfe Amor Star

Provokant-hemmungslos albern rast es dahin, mit Fundstücken etwa wie einem Werbetext aus den gar nicht prüden 20er Jahren, der die Potenzhilfe Amor Star preist. Wer sich einlässt, wird unterhalten von überzeugenden Darstellern, Sängern und Musikern. Wenngleich Mayes’ Casanova stimmlich oft untergeht, während Esther Dierkes als Laura, Stine Marie Fischer als Trude, aber vor allem Moritz Kallenberg als Hohenfels und Johannes Kammler als Waldstein präzise klangschön verführen.

Mehr Revue als Operette verbindet dieses Hybrid aus jazzig arrangiertem Wiener Walzer, Tango Argentino, Streicherkantilenen und Saxofonklängen das 19. mit dem 20. Jahrhundert und schließt es mit dem 21. kurz. Die Achse Wien, Berlin, Stuttgart wird noch mehrmals in der Staatsoper gezogen.

Weitere Vorstellungen

www.staatsoper-stuttgart.de

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