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Premiere Komödienhaus
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Bloß keine Schwäche zeigen im Beruf wie im Privaten 

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Muntere Premiere mit großartig aufgelegtem Ensemble: Premiere von „Rent a Friend“ von Folke Braband im Komödienhaus Heilbronn und warum sich zwischen Sein und Schein Abgründe auftun.

Sind das nicht prächtige Traumpaare? Sarah (Sabine Fürst, links), Gabriel (Pablo Guaneme Pinilla), Big Daddy (Tobias D. Weber), Juanita (Birgit Reutter).
Foto: Jochen Klenk
Sind das nicht prächtige Traumpaare? Sarah (Sabine Fürst, links), Gabriel (Pablo Guaneme Pinilla), Big Daddy (Tobias D. Weber), Juanita (Birgit Reutter). Foto: Jochen Klenk  Foto: Jochen Klenk

Es gibt drei Typen von Männern, sagt Sarah irgendwann im Stück. Diejenigen, mit denen frau ins Bett geht. Diejenigen, mit denen frau sich gut unterhalten kann. Und diejenigen, mit denen sie weder das eine noch das andere möchte.

Dass die selbstbewusste Frau bewusst Single ist, weil Männer früher oder später Probleme machen, ist eine gesellschaftliche Entwicklung. Die andere, dass selbst in einer toughen Geschäftsfrau wie Sarah eine empfindsame Seele steckt. Letzteres geht niemanden etwas an, kratzt es doch am Lack des Hochglanzbildes, das wir von uns pflegen. Das gilt für Frauen wie für Männer. Dating is a must, daran dürfte sich nicht wirklich etwas geändert zu haben. 

Wer postet schon, wenn es ihm dreckig geht

Warum? Der Schein bestimmt das Sein, Schwächen haben keinen Platz, wenn Social-Media-Kanäle das Bild von unserer schönen, neuen Welt zeichnen. Wer postet schon, wenn es ihm dreckig geht. Sozialwissenschaftler sprechen bereits von halluzinierten Wirklichkeiten – und mit denen spielt Folke Braband in seiner Beziehungskomödie „Rent a Friend“, die Samstagabend am Heilbronner Theater Premiere hatte und die das Publikum im Komödienhaus mit viel Applaus feiert. 

2022 im Schlossparktheater Berlin vom Autor inszeniert und uraufgeführt, führt Braband auch am Heilbronner Theater Regie. Ein charmantes Stück, gediegener Boulevard mit spritzigen Dialogen, einem großartig aufgelegten Ensemble – und einem doch erstaunlich moralisierenden Ende, das nicht so ins Gesamtkonzept passen mag. Bis dahin aber schaut man den vier Akteuren amüsiert und gerne zu bei ihrem punktgenauen Spiel. Tempo, Rhythmus, da stimmt so gut wie alles. Die Figuren sind trefflich überzeichnet, und die Schauspieler halten die Balance, ohne ins Läppische abzugleiten.  

Ein Leben, in dem Privates keinen Platz findet

Ein schickes Apartment in Mauve-Farben (Ausstattung: Stephan von Wedel) ist das Zuhause von besagter Sarah. „Sascha, Licht“ ruft die Immobilienentwicklerin, 41 Jahre alt, in Richtung ihres virtuellen Sprachassistenten und betritt im Businessanzug, mit Einkaufstüten und Blumen die Wohnung. Und es wird hell in Sarahs Smartwohnung.

Rund um die Uhr arbeitet sie. Ein selbstgewähltes Leben, in dem Privates wenig Platz hat. Gastschauspielerin Sabine Fürst gibt mit einer pointierten Mischung aus nervöser Selbstgefälligkeit und Ironie diese Sarah. Die hat neben einem schwierigen Klienten, der auch nach monatelangen Verhandlungen zu einer Immobilie nicht anbeißen will, ein weiteres Problem: Ihr Vater hat sich angekündigt samt dritter Ehefrau, einer ehemaligen lateinamerikanischen Schönheitskönigin.

Ein Mann wie George Clooney

Nicht irgendein Vater, sondern Big Daddy. Und der will Sarahs Verlobten kennenlernen, den es nicht gibt. Kein Problem, könnte man dem Alten ja sagen. Nicht Sarah, die den hohen Ansprüchen des erfolgreichen Vaters genügen möchte. Von Kindesbeinen an ist sie traumatisiert. Bei der Agentur „Rent a Friend“ mietet sich Sarah einen Verlobten für einen Abend. Doch statt des bestellten Modells George Clooney, der Big Daddy den erfolgreichen Schönheitschirurgen vorgaukeln soll, einen Spezialisten für Hände, der aber auch Asiaten europäische Augen verpasst, taucht Gabriel auf. Eine krasse Verwechslung.

Folke Braband, 1963 in Berlin geboren, hat Theater- und Literaturwissenschaften studiert. Er leitete das Studiotheatermagazin im Theater am Kurfürstendamm und war künstlerischer Leiter an der Berliner Komödie. Braband inszeniert in Berlin, Wien, München, Hamburg, Frankfurt, Düsseldorf, Stuttgart, Köln und anderswo, in Heilbronn hat er zuletzt bei „Der Sittich“ und „Extrawurst“ Regie geführt. Sein Repertoire umfasst nicht nur den Boulevard, sondern die gesamte Bandbreite, von der Operette über den Klassiker bis zum Sozialdrama. Auch ist Braband als Autor und Übersetzer tätig. Mit seiner Familie lebt er in Berlin.

Binnen einer halben Stunde muss dieser Skatertyp zum Nobel-Mittfünfziger mutieren. Gabi, oder Gabi-Schabi, wie Freunde ihn nennen (Pablo Guaneme Pinilla glänzt als Komödiant mit Gespür für Zwischentöne), macht das gut, auch wenn er sich als Verlobter wider Willen um Kopf und Kragen redet. Was nicht weiter auffällt, hier spielt keiner mit offenen Karten. Die klassische Komödienkonstellation.

Wäre da nicht Juanita, Daddys Flamme, die den Braten riecht und als „Rent a Friend“-Angestellte über Beutewissen verfügt. Souverän switcht Birgit Reutter (auch sie Gast im Ensemble) zwischen den Rollen Juanita und „Rent a Friend“-Kollegin. Bis die vermeintliche Juanita zum moralischen Gewissen des wechselseitigen Täuschungsmanövers und der Mythos „Jede Tochter hat das Recht, stolz auf ihren Vater zu sein“ entzaubert wird.

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www.theater-heilbronn.de

Sind das nicht prächtige Traumpaare? Sarah (Sabine Fürst, links), Gabriel (Pablo Guaneme Pinilla), Big Daddy (Tobias D. Weber), Juanita (Birgit Reutter).
Foto: Jochen Klenk
Sind das nicht prächtige Traumpaare? Sarah (Sabine Fürst, links), Gabriel (Pablo Guaneme Pinilla), Big Daddy (Tobias D. Weber), Juanita (Birgit Reutter). Foto: Jochen Klenk  Foto: Jochen Klenk
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