Autorin Elli Unruh stellt „Fische im Trüben“ im Literaturhaus Heilbronn vor
„Fische im Trüben“ erzählt von einer deutsch-mennonitischen Familie in Kasachstan. Mit ihrem Debütroman schaffte es Elli Unruh auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026. Aufgewachsen ist die Nachwuchsschriftstellerin in Möckmühl.

„Ich verfolge damit nicht irgendeine Art von Appell“, geht es Elli Unruh in ihrem Roman vielmehr darum, das Leben anzuerkennen. Das Leben mit all seinen verschiedenen Konflikten, auf die Menschen je nach ihrer Herkunft unterschiedlich reagieren. „Fische im Trüben“, so heißt Unruhs Buch, handelt von einer deutsch-mennonitischen Familie in Kasachstan: vom Jungen Krocha, seiner beinahe volljährigen Tante Hedi und von Onkel Heinrich, der nur Hein genannt wird. Als Angehörige einer Minderheit behaupten sie sich in der Sowjetunion gegen Unterdrückung und Not. Die Geschichte spielt hauptsächlich in den 1970er Jahren, blickt von dort aus aber immer wieder zurück in die Vergangenheit.
Im September im kleinen Berliner Transit Verlag erschienen, schaffte es der Roman auf die Shortlist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026. Elli Unruh erschließt „uns eine Welt, die fremd und mittlerweile versunken ist“, lobte die Jury. Bemerkenswert daran: „Fische im Trüben“ ist Unruhs Debüt. Wenngleich die Autorin, wie sie bei Lesung und Gespräch im Heilbronner Literaturhaus anmerkt, schon seit vielen Jahren schreibt. Und außerdem qua Beruf mit Literatur in Berührung kommt: als Bibliothekarin im Deutschen Literaturarchiv Marbach.
An den Schauplätzen ihres Romans ist Elli Unruh noch nie gewesen
1987 in Kasachstan geboren, zog Elli Unruhs Familie noch vor ihrem ersten Geburtstag nach Möckmühl, wo Unruh aufwuchs. Oft war sie als Kind und Jugendliche in Heilbronn, besuchte dort die alte Stadtbibliothek im Deutschhof. Nach dem Gymnasium studierte Unruh Bibliotheks- und Informationsmanagement an der Hochschule der Medien in Stuttgart, wo sie heute auch lebt.
„Ich habe immer zugehört“, entgegnet Unruh im Trappenseeschlösschen Literaturhausleiter Anton Knittel, der wissen möchte, wie sie für „Fische im Trüben“ recherchiert hat. Die Lebenswelt ihrer Figuren, die Unruh vielstimmig und dicht schildert, kennt sie nur aus Erzählungen des Vaters und der Großmutter. Die mündlichen Überlieferungen, die sie „im Vorbeigehen“ mitbekommen habe, hätten sich in ihr gewissermaßen zu sekundären Erinnerungen verfestigt, Details habe sie auf Nachfrage verifizieren lassen. Demnächst möchte Elli Unruh aber ins südliche Kasachstan reisen an den Ort zwischen den Steppen und dem Tian-Shan-Gebirge, von dem sie lange den Eindruck hatte, dass er nur noch in der Erinnerung ihrer Familie existiert.
„Erwachsene wissen es, Kinder spüren es“: Vom Leben als Minderheit in einem totalitären Staat
Mit einer Beschreibung der ehrfurchtgebietenden Landschaft setzt Unruhs Text ein, aus dem sie drei Passagen liest. Die erste schildert, wie Krocha mit seinem Großvater und Onkel fischen geht. Wobei sich zwischen paradiesischen Apfelplantagen und einem ungeheuerlichen Hecht bereits ein Hinweis darauf findet, dass die Idylle nur eine vermeintliche ist. „Erwachsene wissen es, Kinder spüren es“, kommentiert die Autorin, wie die Figuren damit umgehen, dass sie sich in einem totalitären Staat unter ständiger Beobachtung befinden.
Weil sie ein Milieu beschreibt, das religiös ist, hat sie sich um ein entsprechendes Vokabular bemüht, sagt Unruh, ehe sie mit der zweiten Stelle beginnt, die Onkel Hein näher in den Blick nimmt, der sich ans beschwerliche Jahr 1931 erinnert, als sogenannte Bevollmächtigte die Ernte beschlagnahmen. Und an seinen vorwitzigen Nachbarn Peter, den der Stalinismus brechen wird. Vertreibung und Gefangenschaft klingen an.
Repressalien schweißen Gemeinschaften grundsätzlich eher zusammen, weiß Unruh und kommt zum letzten Leseblock. Dieser handelt von Tante Hedi und ihren Gefühlen für Mitschüler Maxim, einem Russen, den die Lehrerin warnt: Wenn du dich mit Radieschen abgibst, wirst du selbst eines. Radieschen? Meint einen falschen Kommunisten. Außen rot, innen weiß, klärt Unruh auf.
„Es passiert derzeit viel“, stellt die Schriftstellerin im abschließenden Publikumsgespräch fest, dass russlanddeutsche Geschichten in der Literatur zunehmend thematisiert werden. „Erst meine Generation fragt sich, was da passiert ist.“ Mit ihrem Debüt hat Elli Unruh einen gelungenen Beitrag geleistet.

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