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Jazzclub Cave 61
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Auf Tuchfühlung mit dem Publikum

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Einer der ältesten Jazzclubs in Deutschland: Wie der Heilbronner Club Cave 61 sein 65-jähriges Bestehen feiert und zum Auftakt in der Zigarre das Duo Matria sowie David Helbock & Julia Hofer begeistern.

Humorvolle Fusion aus süddeutscher Volksmusik und Folk aus den Karpaten – und das immer jazzig fantasievoll: Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl.
Humorvolle Fusion aus süddeutscher Volksmusik und Folk aus den Karpaten – und das immer jazzig fantasievoll: Tamara Lukasheva und Matthias Schriefl.  Foto: Martina Kreet

Ein Flügel kann ein musikalisches Universum öffnen, das Cello mit dem E-Bass harmonieren, eine Stimme zum Akkordeon in höchsten Tönen tirilieren und das Alphorn grooven. „Es ist bezaubernd“, macht Jürgen Schreiber, Vorsitzender vom Jazzclub Cave 61, keine falschen Versprechungen und kündigt die Künstler an, die aus Köln, Berlin und Wien angereist sind zum 65-jährigen Bestehen des Clubs. Es ist der fulminante Auftakt zu einem fünftägigen Festival in der Zigarre.

Seit zwei Jahren hat der Cave 61, einer der ältesten Jazzclubs in Deutschland, im Kulturwerkhaus in der Achtungstraße eine feste Bleibe nach diversen Stationen. Den ersten Teil des Abends bestreitet das Duo Matria, das sind der Allgäuer Multiinstrumentalist Matthias Schriefl und die ukrainische Sängerin Tamara Lukasheva. Nach der Pause begeistern David Helbock, gebürtiger Vorarlberger, und die Wienerin Julia Hofer. Ein Doppel-Duoabend, stilistisch unterschiedlich eigenwillig.

Trompete, Tuba, Akkordeon und eine starke Stimme

„Wir sind hier am Neckar, und der floss früher in die Donau und die ins Schwarze Meer“, stellt Schriefl die Verbindung her zum Publikum und zur Version eines ukrainischen Volksliedes, das vom Fließen eines Flusses erzählt. Lukashevas Stimme ist ihr Instrument, vielseitig wird die Musikerin aus Kiew, die seit 15 Jahren in Köln lebt, sie einsetzen, aber auch sich und ihren Duopartner am Piano begleiten. Schriefl greift zu Trompete, Tuba und Akkordeon, manchmal zu zwei Instrumenten gleichzeitig, wenn er mit der rechten Hand die Ventile des Blasinstruments drückt und mit der linken die Knöpfe der Handharmonika. Oder gleich zwei Trompeten ansetzt, in jeden Mundwinkel eine.

Mit Handzetteln beim Gastspiel von Claude Luter hatte es angefangen, in der Zwischenzeit ist daraus ein neuer Jazzclub in Heilbronn entstanden, schreibt die Heilbronner Stimme am 22. Februar 1962. Cave 61 nennt sich dieser Zusammenschluss von 40 jungen Leuten im Alter von 16 bis 20 Jahren, berichtet die Stimme weiter. Auch, dass der Jazzclub kein Treffpunkt für Halbstarke sein soll, wie die jungen Leute klarstellen. „Wenn trotzdem manche ohne Krawatte kommen, dann wird die Welt nicht gleich untergehen.“ Andere Zeiten: Mitglieder und Publikum sind heute deutlich älter, Krawattenträger dürften selten bis nie darunter sein. Gegründet wird der Club, wie der Name sagt, bereits 1961. Das exakte Datum ist ungewiss. Auf jeden Fall feiert der Cave am ersten Aprilwochenende 1966 sein fünfjähriges Bestehen in einem Luftschutzkeller in der Uhlandstraße. Die begeisterten Zuhörer standen bis auf die Treppe. 

Das Akkordeon, erinnert Schriefl, ist das Instrument des Jahres. Da kommt Zugluft rein, schließlich kann man in beide Richtungen ziehen. Musik aus den Bergen machen sie, originell fantastisch, frech und virtuos, wie es Weltmusik kann. Beide sind in Jazz und Klassik ausgebildet und verbinden mit einer munteren Selbstverständlichkeit süddeutsche Volksmusik mit Folk aus den Karpaten, Jazzklang-Cluster mit Jodeln. Das erinnert an den frühen Hubert von Goisern, ist aber doch ein individueller Stilmix.

Mit niedrigem Puls und entsprechendem Herzschlag

Rhythmisch schlägt sich Lukasheva mit der flachen Hand auf die obere Brust, ist ihr eigener Resonanzkörper. Mal singen sie allgäuerdeutsch, mal ukrainisch, auf Titel wie „G’schwänzte KüAchla“ und den Bubi-Jodler folgt das Kyjiw-Lied, eine inoffizielle Hymne aus dem Jahr 1962, die Lukasheva ihrer Familie, den Freunden und allen in Kiew widmet in diesem „härtesten Kriegswinter“. Experimentierfreudig verbindet Matria persönliche Geschichten und die Klangtraditionen aus zwei Regionen, entsteht auf dem Himalaya ein minimalistisches Klangcluster, als Matthias Schriefl mit niedrigem Puls und entsprechendem Herzschlag den Gipfel erreicht, nachdem er an zwei Tagen jeweils 3000 Höhenmeter absolviert hat.

Mit der quicklebendigen Zugabe „Song for Mama and Papa“ verabschieden sich die zwei, „kollegial muss man schon sein“, zwinkert Lukasheva ins Publikum, das auf Tuchfühlung sitzt. Schließlich warten David Helbock & Julia Hofer auf ihren Auftritt. Mit unerhörten Effekten überraschen sie nach der Pause. „Faces of Night“ heißt ihre jüngste Platte, von der es Spannendes zu hören gibt. „Die Nacht kann ruhig sein. Aber auch groovig und zum Tanzen“, sagt Helbock. Zwei Stücke von Prince sind dabei, „den wir beide mögen“. „Wir lassen sie erraten, welche, das ist gar nicht einfach“, schmunzelt Hofer. Doch „Purple Rain“ erkennt man dann.

Partnerin auf Augenhöhe

Souverän switcht Hofer, die an der Popakademie Mannheim und in Wien studiert hat, zwischen der Poesie des Cellos und dem Groove des E-Bass’. Helbock, virtuoser Grenzgänger am Klavier mit klassischem Konzertfach-Diplom und Komponist, pflegt eine nahezu akrobatische Beziehung zu seinem Instrumente.

Er beugt sich über das Innenleben des Flügels, traktiert ihn mit Holzstäben und Rassel, zupft mit den Fingern, provoziert faszinierende Klangwelten. Hofer mit ihren knackigen Beats und schwingenden Cellolinien ist Partnerin auf Augenhöhe – ob sie nun  den schwarzen Humor Wiens verhandeln, eine Cello-Version von Gurdjieffs „Woman’s Dance“ oder ihre berührende Adaption von Motiven aus Robert Schumanns A-Moll-Klavierkonzert. Wie schon beim ersten Duo des Abends: Das Publikum ist hingerissen.

Er pflegt ein nahezu akrobatisches Verhältnis zum Flügel, sie wechselt leichthändig zwischen E-Bass und Cello: Das Duo David Helbock & Julia Hofer bei einem besonderen Konzert im Cave 61 in der Zigarre.
Er pflegt ein nahezu akrobatisches Verhältnis zum Flügel, sie wechselt leichthändig zwischen E-Bass und Cello: Das Duo David Helbock & Julia Hofer bei einem besonderen Konzert im Cave 61 in der Zigarre.  Foto: Martina Kreet
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