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Auftritt im Spiegel-Kulturzelt
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Auf der Suche nach Kontrolle: Kabarettist Christian Ehring in Brackenheim

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Mit seinem Bühnenprogramm „Stand jetzt“ ist Christian Ehring, bekannt aus „Extra 3“ und der „Heute Show“, am Sonntagabend zu Gast in Brackenheim. So lief der Abend, der mit einer (augenzwinkernden) Triggerwarnung beginnt. 

„Wenn Sie sich beleidigt fühlen, bitte ich Sie, sich wegen solcher Petitessen nicht gleich einzunässen“: Kabarettist Christian Ehring im Kultur-Spiegelzelt.
„Wenn Sie sich beleidigt fühlen, bitte ich Sie, sich wegen solcher Petitessen nicht gleich einzunässen“: Kabarettist Christian Ehring im Kultur-Spiegelzelt.  Foto: Lina Bihr

Christian Ehring hat die Dinge gerne unter Kontrolle – und wird nicht müde, das unablässig zu betonen. Aber hat man denn als Kabarettist jemals alles im Griff, wenn man ständig der Weltlage hinterherhechelt, wenn das, was gestern galt, es nicht zwangsläufig heute noch tut? „Stand jetzt“, sein aktuelles Bühnenprogramm, ist damit sicherlich auch der Versuch, dem ständigen Wandel Einhalt zu gebieten, den Status Quo für einen kurzen Moment festzuhalten. Aber natürlich muss über Friedrich Merz’ Antrittsbesuch bei Donald Trump gesprochen werden, über die Gegenzölle des US-Präsidenten auf amerikanische Güter: „Whisky, Jeans und Harley Davidson, Wen wollen die damit treffen? Peter Maffay?“

Am Sonntagabend ist Ehring, vor allem bekannt durch seine Moderation des Satire-Formats „Extra 3“ und Gastauftritten bei der „Heute Show“, zu Gast im ausverkauften Kultur-Spiegelzelt in Brackenheim. Und damit, so der 52-Jährige, in einem „Safe Space“, in dem man sich alles sagen kann, in dem es keine Geheimnisse gibt – und trotzdem eine augenzwinkernde Triggerwarnung vorangestellt wird. „Wenn Sie sich beleidigt fühlen, bitte ich Sie, sich wegen solcher Petitessen nicht gleich einzunässen.“ Schließlich geht es an diesem Abend auch um Themen wie Krieg, Tod oder Gendern. Letzteres mache Ehring immer mal wieder. Besonders gern: „Kardinalinnen und Kardinäle.“

Christian Ehring: Alte Tagebücher und eine aktuelle Heilbronner Stimme

Ein Abend mit Christian Ehring ist ein Streifzug durch aktuelle politische und gesellschaftliche Debatten, eine Bestandsaufnahme und immer wieder die Entlarvung von Lamoyanz – sei es bei Spitzenpolitikern, bei sich selbst oder vor allem bei seinen (hoffentlich erfundenen) Nachbarn. Die heißen Rolf und Shanti (eigentlich Gundula), verdienen ihr Geld als esoterisch angehauchte Life-Coaches, stressen Ehring mit Kalendersprüchen wie „Lass das Glück die Benchmark deiner Träume sein“ – und sind generell in Sachen Selbstoptimierung nicht mehr zu retten. Gegen die schlechte Nachrichtenlage hilft nur mehr Yoga, nichts aber gegen die Lebensmittelunverträglichkeit: „In der Ukraine sterben Menschen, und uns haut ein Weißmehlbrötchen aus den Latschen“, so Ehring trocken.

Politisch arbeitet sich Ehring am kompletten politischen Spektrum ab, kommt von der Groko zum rechten Rand: „Die AfD ist wie Hämorrhoidensalbe. Wenn man ein Arsch ist, freut man sich darüber.“ Seziert wird die vermeintlich deutsche Leitkultur, deren wichtigster Bestandteil das Kärchern sei, die Liebe der Deutschen zum Bargeld. Ehring pendelt zwischen Sarkasmus und ernstgemeinten Aussagen, durchforstet alte Tagebücher und eine aktuelle Ausgabe der Heilbronner Stimme, legt am Piano mit eigenen Stücken die Absurditäten des Weltgeschehens offen. Nach etwas mehr als zwei Stunden bleibt die Erkenntnis, dass man die Dinge wohl nie so ganz unter Kontrolle hat. Ehrings kluger und feinsinniger Versuch hat sich dennoch gelohnt.

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