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English Theatre Society Heilbronn
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Annäherung an eine Sehnsucht - oder wo liegt Heimat?

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„There’s no place like home“: Ein englischsprachiges Kooperationsprojekt zwischen den Hochschulen in Heilbronn und dem Theaterschiff untersucht den vagen Begriff Heimat. Und geht Ende Juni damit auf die Straße.

Ihre individuellen Geschichten stehen stellvertretend für die Diversität der noch jungen English Theatre Society Heilbronn: Leni Karrer (rechts), Luca Orbke, Katja Binder, Thomas Nakas und Shalabh Kathpalia.
Ihre individuellen Geschichten stehen stellvertretend für die Diversität der noch jungen English Theatre Society Heilbronn: Leni Karrer (rechts), Luca Orbke, Katja Binder, Thomas Nakas und Shalabh Kathpalia.  Foto: Lina Bihr

Zuerst einmal ist die English Theatre Society Heilbronn schlicht ein Spielclub. Ein englischsprachiger Club für schauspielbegeisterte Laien, der zweitens mit seinem Spiel Öffentlichkeit sucht. Seine Mitglieder, zwischen Anfang 20 und Anfang 50, kommen aus Indien, Deutschland, Albanien, Griechenland, Bangladesch, der Türkei, Belarus und dem Kosovo, die meisten sind Studierende. Eine internationale und diverse Truppe. Seit Oktober vergangenen Jahres erarbeiten sie eine Produktion, die Ende Juni als Theaterspaziergang durch Heilbronn vorgestellt wird. Eine Performance über Heimat, Haltung und Zuhause, ein weites Feld. Leni Karrer, Autorin und freischaffende Regisseurin aus Leinfelden-Echterdingen, leitet dieses Kooperationsprojekt zwischen der TUM Campus Heilbronn, der Hochschule Heilbronn, Coding School 42 und dem Theaterschiff.

In einer Stadt, in der mehr als 150 Nationen leben

Immer mittwochs trifft sich die English Theatre Society in einer der kooperierenden Institutionen. An diesem Mittwoch ist das Theaterschiff Treffpunkt. Zum Gespräch vorab über ihre Produktion „There’s no place like home“ hat Karrer vier Mitspielende gebeten, die mit ihren individuellen Geschichten stellvertretend für die Diversität des Projekts stehen – in einer Stadt, in der mehr als 150 Nationen leben.

„Tatsächlich so viele“, staunt Thomas Nakas. Der 32-jährige Mathematiker ist Albaner, in Athen aufgewachsen, studiert nun Softwareprogrammierer an der Coding School 42. Und ist nebenbei Straßenmusiker, die sogenannten zwei, wenn nicht noch mehr Seelen in einer Brust. Die Frage nach seinem Heimatbegriff empfindet Nakas als „hard question“, auf die er flugs eine Antwort hat. „Heimat ist das, wo ich sein möchte. Im Moment ist das hier.“ „Ein kontinuierlicher Prozess“, ergänzt der Blondschopf. „Zuhause“, sagt Shalabh Kathpalia, „ist in meinem Herzen Mumbai“. Doch jetzt hat Kathpalia ihr „Mumbai in diesem Projekt gefunden“.

„Heimat liegt in jedem selbst“

Seit einigen Jahren wohnt die 51-Jährige in Heilbronn, in Indien war sie als Journalistin tätig, aber auch Regisseurin für Bollywood-TV-Filme. Jetzt unterrichtet Kathpalia Englisch in Industrie und Wirtschaft. Der Heimatbegriff? Kennt Nuancen, Brüche und Sehnsuchte. Für Katja Binder hat er viele Facetten. „Ich fühle mich bei Menschen zu Hause“, bringt es die Heilbronnerin auf den Punkt. In wenigen Tagen wird die Lehrerin für Englisch und Geschichte am Justinus-Kerner-Gymnasium 28 Jahre. Irgendwie „entwurzelt“, umreißt indes Luca Orbke sein Gefühl von Heimat und meint das nicht nur negativ.

Aufgewachsen in einem Dorf bei Bielefeld, hat der 25-Jährige zuerst an der School 42 studiert, jetzt sattelt er an der Hochschule Heilbronn Wirtschaftsinformatik drauf. Was Heimat für die Projektleiterin bedeutet? Heimat liegt für Leni Karrer, 27 Jahre jung, „in jedem selbst“.

Eine Mischung aus Performance und Spaziergang

All diese Annäherungen an ein vages Gefühl sind Bausteine, die in die Theatercollage „There’s no place like home“ einfließen. Eine Mischung aus Performance und Spaziergang, die man sich nicht als lineare Handlung vorstellen darf. Am Anfang, letzten Herbst, standen Materialsammlung und Lektüre von Fremdtexten und haben die Spielclubmitglieder Interviews geführt, auf dem Campus, mit Freunden und Verwandten. Das heißt, sie sind in ihrer Blase geblieben. Einzig Shalabh Kathpalia hat die private Komfortzone verlassen und Gespräche in einem Altenheim gesucht.

Seit Oktober untersucht das internationale Ensemble, was der Begriff Heimat bedeuten kann. Das Projekt und die Produktion „There’s no place like home“, die daraus entsteht, werden von den kooperierenden Bildungsinstitutionen finanziert, die sich über die Kosten nicht äußern. Mit 2 600 Euro aus ihrer Impulsförderung unterstützt die Stadt Heilbronn das Projekt. Schülerinnen und Schüler der Hochschule für Gestaltung Heilbronn entwerfen die Kostüme für den Theaterspaziergang. 

Das Stück oder auch Amalgam, das nun entstanden ist, besteht neben eigenen Texten aus Texten von Slata Roschal, Semra Ertan und Rose Ausländer. Auch wenn Biografisches mitschwingt in ihrem Theaterspaziergang, geht es nicht um Autobiografien, die Spielerinnen und Spieler schlüpfen vielmehr in verschiedene Rollen. Hatte die English Theatre Society anfangs über 20 Mitglieder, sind sie im Moment noch vierzehn. So international Heilbronn sich gerne gibt, der harte Kern des Spielclubs hat erfahren, wie schwierig oder unmöglich es ist, die verschiedenen sozialen Schichten der Stadt zusammenzubringen.

Über sich nachdenken, die Perspektive wechseln

Begriffe wie Community- und Schubladendenken fallen, vielleicht kann „There’s no place like home“ Positives bewirken gegen die Abkapselung einzelner Gesellschaftsgruppen. Für Thomas Nakas ist das, was er Autoreflektion nennt, wichtig, dieses Über-sich-Nachdenken. Dass es eine Bereicherung ist, die Perspektive zu wechseln, bestätigen die anderen.

Die Vielschichtigkeit des Heimatbegriffs zwischen positiven und negativen Erfahrungen, Sprachbarrieren und Kuriositäten soll ihr Theaterspaziergang verhandeln: englisch, deutsch und non verbal, zwischen Abstraktion, Poesie und Humor. Start ist am Theaterschiff, 75 Minuten dauert die Runde, die über die Neckarinsel zum Soleo führt und zurück.

Theaterspaziergang

28. Juni, 4. und 5. Juli, 19 Uhr. Start und Ziel ist das Theateraschiff.

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