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Zeitgenössische Positionen

Altes Märchen, neue Bezüge: Kunstmuseum Stuttgart widmet sich Wilhelm Hauffs „Das kalte Herz“

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Anhand von vier Themenbereichen fächert die Sonderausstellung Hauffs Schwarzwaldsage auf. Zwei Arbeiten sind eigens für die Schau entstanden. Was hat uns „Das kalte Herz“ heute noch zu sagen?

Friedrich von Keller: "Hammerschmiede", um 1887, Öl auf Leinwand.
Friedrich von Keller: "Hammerschmiede", um 1887, Öl auf Leinwand.  Foto: Frank Kleinbach, Stuttgart

„Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen.“ In seinem wohl bekanntesten Kunstmärchen erzählt der Stuttgarter Autor Wilhelm Hauff (1802 – 1827) eine in der Zeit der aufkommenden Industrialisierung angesiedelte Teufelspakt-Geschichte, die von gnadenlosem wirtschaftlichem Wandel und dem Preis des Kapitalismus handelt: Traditionelle Berufe sterben aus, und auf dem Weg zum Wohlstand bleiben Gefühle auf der Strecke.

Dieser spätromantischen-frührealistischen Schwarzwaldsage widmet sich das Kunstmuseum Stuttgart nun in einer neuen Sonderausstellung. Aufgefächert in vier Themenbereiche, stellt die Schau Hauffs Text in einen zeitgenössischen künstlerischen Kontext und konfrontiert ihn mit gesellschaftlichen Transformationsprozessen der Gegenwart.

15 Positionen hat Kurator Dierk Höhne hierzu ausgewählt, darunter sowohl internationale Leihgaben als auch Werke aus der Sammlung des Kunstmuseums sowie zwei Produktionen und eine Performance, die eigens für „Das kalte Herz“, wie ebenfalls der Titel der Ausstellung lautet, entstanden sind. Exponate hat überdies das Deutsche Literaturarchiv Marbach beigesteuert.

Kunstgebäude dient dem Kunstmuseum als Ausweichort

In seiner Gier nach Reichtum und Anerkennung wendet sich der arme, törichte Köhler Peter Munk an den monströsen Holländermichel und ist diesem gegenüber sogar bereit, sein Herz für einen Stein einzutauschen. Ein fataler Deal, wie sich schon bald herausstellen wird. Und so sucht Munk das listige Glasmännlein auf, das ihm aus der Patsche helfen soll.

Soweit die literarische Vorlage, die als Ausgangspunkt dient im Kunstgebäude am Schlossplatz, wo das Kunstmuseum wegen Umbauarbeiten die nächste Zeit bis Oktober gastiert. Mal konkreter, mal assoziativer sind die Bezüge, die die gezeigten Arbeiten aufmachen anhand der Aspekte: ökologische Ausbeutung, Identität, Affekte sowie Gewalt und Heilung.

„Wenn wir hier behaupten, dass in diesem Märchen Themen verhandelt werden, die auch für unsere heutige Zeit, zwei Jahrhunderte später, noch relevant sind, dann muss man ja auch belegen können, dass dieses Märchen rezipiert wird“, erklärt Kurator Höhne, weswegen zu Beginn des Rundgangs in drei Vitrinen die Verbreitung von „Das kalte Herz“ in gedruckter, illustrierter Form sowie als Leinwandadaption und auf der Bühne angerissen wird – von der mit Scherenschnitten versehenen, historischen Buchausgabe über den ersten Farbfilm der DDR bis zur modern interpretierten Graphic Novel.

Rasmus Myrups Skulptur „Protected but Penetrable“ ist Schlüsselwerk der Ausstellung

Eine melancholische Waldszene und romantisierte Darstellungen von arbeitenden Menschen sind die ältesten zu sehenden Werke, die Ölgemälde stammen von den beiden Schwaben Jakob Grünenwald und Friedrich von Keller und datieren bis ins 19. Jahrhundert. Eine der neuesten Arbeiten ist die Installation von Julius Pristauz, für die der Künstler teils transparente, teils abgeklebte Bürotrennwände zu kleinen Abteilungen angeordnet hat. „Sketch for navigating all that we perceive as given“ erinnert an ein Spiegellabyrinth, per Sensoren lösen Besucher durch ihre Bewegungen im Raum Lichter aus. In situ ist die Serie „Warm Heart Long Arms“ von Nora Turato entstanden, die Kroatin ließ sich zu ihren großformatigen Ölstift-Zeichnungen von streng mechanischen und chaotischen Herzrhythmen inspirieren.

Holz und Aluminium hat der Däne Rasmus Myrup für seine Skulptur „Protected but Penetrable“ kombiniert. Das Schlüsselwerk der Ausstellung, mit der sie beworben wird, spielt mit den Gegensätzen Schutz und Verletzlichkeit. Das Londoner Künstlerkollektiv Troika wiederum hat Bilder von Unwetterereignissen oder Umweltkatastrophen in Malerei übersetzt. Was wie grobpixelige Aufnahmen von Überwachungskameras anmutet, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als minuziöser Farbauftrag.

Außerdem zu entdecken in dieser ästhetisch vielseitigen Schau, gibt es beispielsweise Ruß-Reliefs von Erik Sturm, Kader Attias Spiegel-Fragmente, eine Neonskulptur von Tracey Emin, Jenny Holzers Textarbeiten, Videoinstallationen von Jesper Just und Rosemarie Trockels Strickbilder.

Ausstellungsdauer

Bis 4. Oktober, Kunstgebäude am Schlossplatz, dienstags bis sonntags und an Feiertagen 11 bis 18 Uhr, mittwochs 10 bis 20 Uhr, an Montagen geschlossen.

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