Alien auf dem Absprung: „Lazarus“ im Theater Heilbronn
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Man muss nicht alles verstehen im Musical „Lazarus“, funkeln sollen vor allem die Songs von Popikone David Bowie. Die Inszenierung von Thomas Winter im Theater Heilbronn verfügt über einen hohen Schauwert und nimmt musikalisch für sich ein.
„Ich bin ein Sterbender, der nicht sterben kann“: Nikolaj Alexander Brucker spielt den Außerirdischer Thomas Jerome Newton und ist damit auch ein Wiedergänger David Bowies.
Foto: Candy Welz
Der Abend im Großen Haus ist schon fortgeschritten, da bekommt das Publikum doch noch so etwas wie Orientierung an die Hand, als es mehr über Thomas Jerome Newton, den Protagonisten, erfährt. Auf der Suche nach Wasser für seinen sterbenden Planeten kommt der Außerirdische einst zur Erde. Um ein Rückkehr-Raumschiff bauen zu können, gründet er ein High-Tech-Milliardenunternehmen, fällt Intrigen und medizinischen Experimenten zum Opfer und verliert seine menschliche Geliebte Mary-Lou.
Soweit die Vorgeschichte, wie sie 1976 auch Nicolas Roegs Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ nach Walter Tevis Roman mit Popikone David Bowie in der Hauptrolle erzählt. Und an die Bowie zusammen mit dem irischen Dramatiker Enda Walsh anknüpft in seinem Musical „Lazarus“. Thomas Winters poetisch melancholische Inszenierung für das Theater Heilbronn zappt unmittelbar hinein und sich durch die episodische Handlung, die vor allem dazu dient, die insgesamt 17 Bowie-Songs funkeln zu lassen.
Biografisches zum Regisseur
Thomas Winter, geboren 1974 in Köln, ist Sänger der Kölner Soulfunk-Band Upstairs, ehe er 1995 an der Folkwang Hochschule Essen Schauspiel, Gesang und Tanz studiert. Von 1999 bis 2001 gehört er dem Ensemble des Heilbronner Theaters an, anschließend ist er bis 2005 am Staatstheater Oldenburg engagiert. Seit 2005 ist Thomas Winter freier Schauspieler, arbeitet seit 2012 aber verstärkt als Regisseur.
Während ein in seinem Apartment isolierter Newton sich mit Fernsehen und Gin betäubt, erscheinen verschiedene Gestalten. Assistentin Elly schaut vorbei, die ihm so treu ergeben ist, dass sie damit die Eifersucht ihres Mannes Zach provoziert. Michael, ein alter Freund, taucht ebenso auf wie ein frisch verliebtes Paar und als unerlöste Seele ein junges Mädchen, das mit Newton eine Rakete bauen möchte für dessen Heimkehr. Außerdem ist da noch der düstere Todesengel Valentine, der Newton ein Messer in die Hand legt.
Eine betörende Meditation über Liebe, Tod und Identität
Was ist real und was Einbildung? Was ist Vergangenheit und was Gegenwart? Die Grenzen verschwimmen in dieser betörenden Meditation über Tod, Liebe und Identität. Und jeder mag am Ende für sich selbst entscheiden, ob er Zeuge des letzten Aufflackerns eines verglühenden Bewusstseins geworden ist oder schlicht ein überirdisches Märchen gesehen hat.
Dazu fährt die Regie eine technische Leistungsschau auf, wie man sie nicht oft erlebt im Haus am Berliner Platz. Permanent ist Bewegung auf der Bühne von Sebastian Ellrich und schieben, fahren, ziehen sich nach dem Baukastenprinzip neue Räume zusammen um Newtons reduziert angedeutete Wohnung. Atmosphärisch rauscht im Zentrum ein Bildschirm, rieselt von oben der Schnee, leuchtet hinten eine Mondlandschaft und geistern Figuren per Videoprojektion vorne über den transparenten Vorhang. Als sich der Boden anhebt, gibt er den Blick frei auf die famose Band unter der Leitung von Heiko Lippmann.
Worauf David-Bowie-Puristen gefasst sein sollten
Ein Musical zu realisieren war David Bowies lange gehegter Traum. Am 7. Dezember 2015 und damit wenige Wochen vor seinem Tod wurde „Lazarus“ uraufgeführt, weswegen die Musiktheatercollage als Vermächtnis des Ausnahmekünstlers gilt. Vier Stücke hat er dafür extra geschrieben. Ansonsten ist sie voller bekannter Hits, viele davon neu arrangiert – worauf Bowie-Puristen gefasst sein sollten. Zumal in der Heilbronner Interpretation Nummern wie „Absolute Beginners“, „This is not America“ und „Heroes“ getragen daherkommen und teils begleitet werden von Doo-Wop-Choreografien.
Wer aber die Augen schließt, meint mit Nikolaj Alexander Brucker einen Wiedergänger Bowies zu hören. Als Newton ist der Schauspieler, Sänger und Tänzer grandios besetzt. „Ich bin ein Sterbender, der nicht sterben kann“, macht Brucker Todeswunsch und Erlösungssehnsucht seiner Figur greifbar. Gesanglich und darstellerisch herausragend sind auch Juliane Schwabe in der Rolle der Assistentin Elly und Cosima Fischlein, die das verlorene Mädchen gibt. Oliver Firit als dämonischer Valentine im glitzernden, schwarzen Anzug spielt und singt sich bei der ausverkauften Premiere am Samstag in Form, während Stefan Eichberg und Lennart Olafsson stimmlich zu kämpfen haben mit ihren Parts.
Nach mehr als zwei Stunden mit Pause steht der halbe und feiert der ganze Saal diese rätselhafte, bilderstarke, musikalisch einnehmende Produktion.
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