Der zerbrochne Krug
Lustspiel von Heinrich von Kleist als KI-Live-Performance von und mit Andreas von Studnitz, Premiere: Mittwoch, 20 Uhr, Theaterschiff Heilbronn.
Wie ein Beitrag zur Me-too-Debatte liest sich der Gerichtsthriller „Der zerbrochne Krug“, findet Andreas von Studnitz. Der Schauspieler und Regisseur bringt Kleists Stück als KI-Performance auf die Bühne. Die Premiere am Mittwoch ist bereits ausverkauft.

Wie bleibt eine Inszenierung trotz wiederholter Vorstellungen frisch? Vor dieser Aufgabe steht ein Schauspieler jedes Mal aufs Neue. Dass Algorithmen die Unberechenbarkeit einer Live-Darbietung kopieren können, daran hat Andreas von Studnitz Zweifel. „Ich stelle mich nicht in den Dienst der KI, sondern ich benutze sie“, sagt der Regisseur und Schauspieler, Jahrgang 1954, über den Abend, den er für das Heilbronner Theaterschiff entwickelt hat: Heinrich von Kleists „Der zerbrochne Krug“ als KI-Performance. Die Premiere am Mittwoch ist ausverkauft, das Literaturhaus Heilbronn und die Württembergische Theaternachwuchsförderung Neckartal sind Kooperationspartner bei der Produktion.
Mithilfe einer App hat von Studnitz zu neun Figuren aus Kleists Gerichtsthriller Avatare generiert und zu einem Film zusammengeschnitten. Auf einem Screen auf der Bühne wirke das, „wie im Moment von mir animiert“, beschreibt der ehemalige Intendant des Theaters Ulm den Effekt. Zumal von Studnitz während einer Aufführung lippensynchron den Text einspricht, wobei seine Stimme noch durch einen Filter verfremdet wird. „Je nachdem, welcher Avatar gerade das Maul aufmacht.“
Die Clips mit ihnen habe er vorher aufnehmen müssen, weil er anders als zunächst geplant nicht in Echtzeit zwischen den Avataren wechseln könne. „Dann hätte ich ein Multi weniger bei diesem Multitasking, das ich da mache. Aber so ist es auch ganz lustig“, verspricht von Studnitz. Apropos: Einen Spaß hat er sich daraus gemacht, für eine der Figuren ein Foto seines Vaters zu verwenden. „Der muss unfreiwillig mitspielen im Stück“. Nach dem Tod als KI-Klon auf der Bühne weiterleben? Damit hätte von Studnitz erwartungsgemäß kein Problem.
Zentralfigur in Kleists Lustspiel, das auf eine Stunde verdichtet wird, ist Adam. Der alte Dorfrichter ist selbst verstrickt in den Fall um den zerbrochenen Krug, wegen dem Marthe Rull am Gerichtstag vor ihm steht, um den armen Ruprecht, Verlobter ihrer Tochter Eve, der Krugzerstörung anzuklagen. „Was fällt dem alten Sack ein, körperliche Nähe zu verlangen im Austausch für ein erlogenes Attest?“, benennt Andreas von Studnitz Adams Vergehen. „‚Der zerbrochne Krug‘ könnte quasi auch ein Beitrag zur Me-too-Debatte sein“, sagt der Theatermacher, der zudem interessant findet, wie der Dichter und Dramatiker in seinem Stück den biblischen Sündenfall umschreibt.
„Als ob Kleist den Abend erfunden hätte“, ist es für von Studnitz von Kleists Aufsatz „Über das Marionettentheater“ zum Thema Künstliche Intelligenz außerdem nur ein kleiner Schritt. Und sieht der Schauspieler und Regisseur eine Analogie zwischen der bewusstlosen Marionette, die gesteuert wird, und dem Avatar, der animiert wird. Mit dem einen Unterschied: Die Marionette gebe sich als Theatermittel zu erkennen, der Avatar hingegen suggeriere Realität.
Lustspiel von Heinrich von Kleist als KI-Live-Performance von und mit Andreas von Studnitz, Premiere: Mittwoch, 20 Uhr, Theaterschiff Heilbronn.
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