Gehörlose vermissen Infos über Coronavirus

Statements und Regierungsansprachen zum neuartigen Coronavirus werden oft ohne eine Übersetzung in Gebärdensprache ausgestrahlt. Betroffene kritisieren das und fordern Verbesserungen von den TV-Sendern.

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Kaum ein Tag vergeht derzeit, ohne dass Politiker oder Experten aus der Medizin in Videos oder im Fernsehen über das neuartige Coronavirus aufklären. Nicht immer werden wichtige Informationen dabei für Gehörlose in Gebärdensprache übersetzt. Und wenn eine Übersetzung stattfindet, ist sie oft nur separat im Internet abrufbar oder wird nachgereicht.

Die Bloggerin Julia Probst kritisiert das und fordert, dass Informationen über das Coronavirus grundsätzlich in deutsche Gebärdensprache übersetzt werden. "Eine gute Umsetzung aus meiner Sicht wäre es, wenn der Gebärdensprachdolmetscher selbstverständlich bei Pressekonferenzen und Ansprachen mit im Bild ist", erklärt die Gehörlose. Die Bundesregierung solle eigene Dolmetscher mitbringen, damit "sicherstellt ist, dass Gehörlose zeitgleich mit Hörenden die Informationen übermittelt bekommen".

Angebote für Gehörlose meist nur im Internet

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF zeigen Angebote für Gehörlose meist nur im Internet. Das ZDF bietet etwa Nachrichtenformate wie das "heute journal" auf Abruf auch mit Gebärdensprache-Übersetzung an. Wer über den Livestream im Internet schaut, kann die Sendungen direkt mit Gebärdendolmetschern schauen.

Die ARD arbeitet derzeit daran, Angebote für Gehörlose im Netz zu bündeln. Es sei schwierig, die Angebote der neun Rundfunkanstalten zu koordinieren, man wolle jedoch mehr Formate anbieten.

Ruckelfreies Internet gibt es nicht überall

Für Julia Probst ist eine Ausstrahlung im Netz jedoch keine gute Lösung. "Für die Verständlichkeit der Gebärdensprache ist eine ruckelfreie Übertragung zwingend notwendig und das kann aktuell nur das Fernsehen leisten", erklärt sie. Schnelles Internet sei nicht überall verfügbar. Untertitel seien keine Lösung, da sie für Gehörlose wie eine Fremdsprache und keine Übersetzung der Lautsprache seien.

Auch der Landesverband der Gehörlosen Baden-Württemberg kritisiert, dass es von der Landesregierung und vielen Kommunen zu wenige Infos für Gehörlose gibt. "Besonders in solch einer Krisensituation wie im Moment ist es unbedingt nötig, dass alle Bevölkerungsgruppen über die aktuelle Situation und die ergriffenen Maßnahmen umfassend informiert werden", erklärt Sprecherin Katrin Rehfuss. Gehörlose würden oft ausgeschlossen.

Manchmal wird übersetzt, manchmal nicht

Außerdem gebe es kein einheitliches Vorgehen. So wurde am 13. März erstmals eine Pressekonferenz der baden-württembergischen Landesregierung von einer Gebärdensprachdolmetscherin übersetzt, erklärt Rehfuss. Wenige Tage später fand die Pressekonferenz wieder ohne Dolmetscher statt. Eine Übersetzung in Gebärdensprache gab es nur zeitversetzt im Internet.

"Dies schließt insbesondere ältere Menschen aus, die kein Internet nutzen", sagt Rehfuss. Der Verband fordert, dass offizielle Ansprachen direkt übersetzt werden oder umfassende Informationen in Gebärdensprache zur Verfügung stehen.

Phoenix würde seine Aufnahmen mit anderen Sendern teilen

Julia Probst hat dafür eine Petition gestartet. Mit Erfolg: Das Robert-Koch-Institut hat reagiert und veranstaltet ihre Pressekonferenzen nun mit Gebärden-Dolmetschern. Lobenswert findet Probst die Arbeit von Phoenix. Der Sender zeigt viele Formate mit Gebärden-Dolmetschern. In der Regel würden dabei zwei Kamerabilder aufgenommen, erklärt Phoenix-Sprecher Uwe-Jens Lindner. Beides werde zusammengefügt und dann ausgestrahlt.

ARD und ZDF könnten diese Bilder von Phoenix übernehmen und ausstrahlen. "Wenn das angefordert wird, ist das technisch möglich", sagt Lindner. In einer Mitteilung habe der Sender dieses Angebot ohnehin unterbreitet.

Landesregierung reagiert auf Kritik und setzt Dolmetscher ein

Baden-Württembergs Landesregierung hat auf die Kritik des Gehörlosenverbands reagiert. Ansprachen werden seit kurzem live in Gebärdensprache übersetzt. Der SWR blendet dazu die von der Landesregierung gestellten Dolmetscher ein. So sollen alle Ansprachen von Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie wichtige Termine, die die Corona-Krise betreffen, übersetzt werden - etwa vom Gesundheitsministerium.

Auf seiner Internetseite hat der Landes-Gehörlosenverband Informationen zum Coronavirus in Gebärdensprache gesammelt. Auch die Stadt Stuttgart produziert eigene Videos in Gebärdensprache zum Coronavirus.


Christoph Donauer

Christoph Donauer

Autor

Christoph Donauer kümmert sich bei der Stimme um alles, was in Heilbronn, Deutschland und der Welt los ist. Seit 2019 ist er Redakteur für Politik und Wirtschaft. Davor war er als Journalist in Berlin, Brüssel, Dänemark und Stuttgart unterwegs.

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