Oliver Stettes arbeitet seit 2004 beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW), hat in Volkswirtschaft promoviert und leitet am IW das Themencluster Arbeitswelt und Tarifpolitik.
Wirtschaftliche Produktivität: Sind deutsche Arbeitnehmer zu faul?
Die Debatte um die Arbeitszeit der Deutschen ist wieder in vollem Gange. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hat für ihre Forderungen Lob und Kritik geerntet – wie steht es wirklich um die Arbeitszeit der Deutschen?

Die Bundesrepublik kämpft mit einer schwächelnden Wirtschaft, im zweiten Quartal 2025 muss sie einen Rückgang von 0,1 Prozent hinnehmen. Der ersehnte Aufschwung steht auf wackeligen Füßen, und wo Wirtschaftskraft verloren geht, geht auch Wohlstand verloren.
So viele Stunden arbeiten die Deutschen in der Woche
Um das zu verhindern beziehungsweise um die wirtschaftliche Produktivität aufrechtzuerhalten, hat Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche kürzlich gefordert: „Wir müssen wieder mehr und länger arbeiten.“ Im internationalen Vergleich würden die Deutschen zu wenig arbeiten und auch die Lebensarbeitszeit müsse steigen. Damit trat Reiche eine erneute Debatte um die Arbeitszeit los, erntete für ihre Aussagen Lob, aber auch Kritik von Verbänden, Gewerkschaften, der SPD sowie dem Sozialflügel der Union.
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes liegt die „durchschnittliche normalerweise geleistete Wochenarbeitszeit 2024“ in Deutschland bei 34,8 Stunden, was unter dem EU-Schnitt von 37,1 Stunden liegt. Auf Platz eins liegt Griechenland mit 41 Stunden.
Bei der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit von Vollzeiterwerbstätigen sieht es schon anders aus: Hier liegt Deutschland mit 40,2 Stunden auf Platz drei, minimal unter dem EU-Schnitt von 40,3 Stunden. In den vergangenen zehn Jahren hat die durchschnittliche Arbeitszeit von Vollzeiterwerbstätigen um 1,3 Stunden abgenommen. Gleichzeitig erreicht die Teilzeitquote in Deutschland 2024 einen neuen Höchststand. Insgesamt liegt sie bei 29 Prozent. 49 Prozent der erwerbstätigen Frauen und 12 Prozent der erwerbstätigen Männer arbeiten in Teilzeit.
Im internationalen Vergleich ist die Teilzeitquote in Deutschland hoch, in Frankreich liegt sie bei den erwerbstätigen Frauen immerhin bei 28 Prozent. Gründe hierfür sind unter anderem eine flächendeckende und kostenlose Ganztagsbetreuung von Kindern ab dem dritten Lebensjahr.
Experte vom IW Köln: „Wir werden ärmer werden“
„Die aktuelle Aufregung entsteht meiner Ansicht nach dadurch, dass die Menschen die Forderung nach mehr Arbeit als Vorwurf verstehen, dass sie faul wären und zu wenig arbeiten. Aber darum geht es nicht“, erklärt Oliver Stettes vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln (IW). Durch den Verlust der Babyboomer im Arbeitsmarkt und den demografischen Wandel „werden wir Arbeitsstunden verlieren. Wir werden ärmer werden, wenn das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen und damit die Wertschöpfung in diesem Land abnimmt.“
Es gehe darum, diesen Verlust abzufangen, und dafür gibt es laut Stettes verschiedene Anknüpfungspunkte. Das eine sei die von Katherina Reiche erwähnte Lebensarbeitszeit, die anhand der Lebenserwartung steigen müsse. „Die Möglichkeit des vorzeitigen Renteneintritts nach 45 Beitragsjahren muss abgeschafft werden. Am besten morgen.“ Längerfristig werde man ohne Zweifel das gesetzliche Renteneintrittsalter diskutieren müssen.
Die hohe Teilzeitquote ist unter anderem durch fehlende strukturelle Angebote, beispielsweise in der Kinderbetreuung, bedingt. Für viele rechne es sich aber auch einfach nicht mehr zu arbeiten, macht Oliver Stettes deutlich. „Und da kann die Politik ran.“ Indem sie beispielsweise den Einkommensteuertarif anpasst oder die Belastung durch Sozialangaben anpasst. Das sei dringend nötig, denn wenn sich nichts ändere, „fahren wir mit den sozialen Sicherungssystemen vor die Wand, denn ihre Tragfähigkeit hängt am Ende von der Anzahl aller geleisteten Arbeitsstunden ab.“ Man müsse unangenehme Wahrheiten aussprechen und überlegen, was man sich noch leisten könne. „Es ist zumindest zu würdigen, dass Frau Reiche das getan hat“, sagt Stettes.
In Hohenlohe und Heilbronn werden mit die meisten Arbeitsstunden geleistet
In Baden-Württemberg hat das Arbeitsvolumen, also die geleisteten Arbeitsstunden, 2023 in 33 von 44 Stadt- und Landkreisen im Vergleich zu 2022 dagegen zugenommen, wie das Statistische Landesamt mitteilt. Der Hohenlohekreis liegt bei der durchschnittlichen Arbeitszeit mit 1371 Stunden auf Platz zwei, gefolgt vom Landkreis Heilbronn mit 1364 Stunden. Nur im Stadtkreis Stuttgart wurde mit 1373 Stunden minimal mehr gearbeitet.
Allerdings führt das Statistische Landesamt den Anstieg auf die steigende Zahl an Erwerbstätigen zurück, die abnehmende Pro-Kopf-Arbeitszeit setzt sich 2023 trotzdem fort. Sind die Menschen in Heilbronn und Hohenlohe also besonders fleißig? Nein, sagt das Statistische Landesamt. „Die Ursachen sind vielmehr im Ausmaß von Kurzarbeit und Teilzeitbeschäftigung, der Anzahl an Minijobs, aber auch der Anzahl an Selbstständigen zu finden“, heißt es in einer Mitteilung.
Sich anzuschauen, wie es in anderen Ländern läuft, die unter Umständen eine höhere Wochenarbeitszeit oder eine niedrigere Teilzeitquote haben, ist laut Oliver Stettes nicht wirklich hilfreich, weil die Sozialsysteme und die Struktur der Arbeitswelt so unterschiedlich seien. „Wir müssen uns schon auf unsere eigenen Rahmenbedingungen konzentrieren und unseren eigenen Weg finden.“


Stimme.de