Warum über den Anschlag von Mannheim weniger berichtet wird
Über den Anschlag in Mannheim am 3. März wurde weniger berichtet als über vorangegangene Anschläge, zeigt eine Analyse. Woran das liegt.

In den vergangenen Monaten erschütterten Anschläge und Messerattacken das Land, darunter Solingen, Mannheim, Magdeburg, Aschaffenburg und München - in jedem dieser Fälle hatte der Täter einen Migrationshintergrund.
Es folgte jeweils eine heftig geführte politische Debatte über die Sicherheit im Land, über das Versagen von Sicherheitsbehörden, über Abschiebungen und den Umgang mit irregulärer Migration. Auch der Bundestagswahlkampf wurde zum großen Teil durch das Thema Migration bestimmt.
Anders in Mannheim: Anfang März raste ein Deutscher dort mit seinem Auto in eine Menschenmenge, zwei Menschen starben, doch das Interesse ebbte schnell ab. Warum?
Ausländische und deutsche Tatverdächtige: Verzerrte Berichterstattung
Grundsätzlich berichten Medien überproportional oft über ausländische Tatverdächtige, zeigt eine Untersuchung der Hochschule Macromedia. Berichten Zeitungen über Gewaltkriminalität, sind die Tatverdächtigen zu 82 Prozent Ausländer, 18 Prozent sind Deutsche. In Fernsehbeiträgen sind die Tatverdächtigen zu 84,2 Prozent Ausländer, zu 15,8 Prozent Deutsche.
Die mediale Berichterstattung erweckt somit den Anschein, dass Ausländer häufiger Straftaten begehen als es tatsächlich der Fall ist, wie die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik 2023 zeigen. Demnach sind 66,7 Prozent der Tatverdächtigen bei Straftaten gegen das Leben, die sexuelle Selbstbestimmung und die persönliche Freiheit sowie bei Rohheitsdelikten deutsch, 33,3 Prozent der Verdächtigen besitzen eine ausländische Staatsangehörigkeit.
Politik aus Einzelfällen ableiten: Experte kritisiert diesen Kurs scharf
Aber warum wird mehr über ausländische Täter berichtet? Teilweise, weil die Politik ein Interesse daran hat, diese zu instrumentalisieren und politische Forderungen stellt, beispielsweise die AfD. Aber auch von Parteien der demokratischen Mitte: „Friedrich Merz hat die Tat in Aschaffenburg sofort und sehr bewusst als „Gamechanger“ bezeichnet und gesagt, dass sich dadurch die ganze Asylpolitik neu ausrichten müsse, man gar die Grenzen dicht machen müsse“, sagt Markus Behmer, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Bamberg.
Das habe wiederum zu einer riesigen Welle an Berichterstattung geführt. „Die Nationalität des Täters spielt hier mindestens eine wesentliche Rolle, die Nennung bedient geprägte Deutungsmuster wie: ‚Besondere Gefahr geht von Menschen mit Migrationshintergrund aus′“, erklärt der Experte. Die Reaktion von Merz kritisiert der Experte scharf: „Es ist moralisch verwerflich, aus Einzelfällen Politik zu machen.“ Auch nahezulegen, dass die Herkunft aus bestimmten Länder Probleme mit sich bringen würde, sei eine Pauschalisierung, die „eigentlich unzulässig ist“.
Falsche Zusammenhänge werden als richtig dargestellt
Diese Einschätzung teilt der Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. „Man kann gerne intensiv über das Abschieben von Straftätern diskutieren. Nur hat das relativ wenig mit Amokfahrten oder Terroranschlägen zu tun. Das Fatale ist ja, dass diese falsche Verbindung hergestellt wird.“
Er erklärt, man unterscheide bei den Motiven für Anschläge und Attentate hauptsächlich zwischen islamistischem Terror, rechtsextremem Terror sowie Einzeltäter mit psychischer Störung. Hat der Täter einen Migrationshintergrund, „dann läuft der Rest fast wie ein Automatismus ab: Es ist klar, das ist die ungeregelte Zuwanderung und wenn es die nicht gäbe, gäbe es diese Taten nicht.“
Bei rechtsextremen oder psychisch kranken Tätern gebe es dagegen keine einfachen Lösungen, die so einfach seien wie zu fordern: „Mehr Abschieben“.
Umgang mit der Nationalität: „Dilemma für Journalisten“
Auch im Journalismus hat sich der Umgang mit der Herkunft von Tätern verändert. Früher wurde die Nationalität bei Straftaten in den Medien nicht genannt, 2017 wurde dieser Grundsatz im Pressekodex, eine Art Richtlinie für Journalisten, aufgeweicht. Zwar darf die Berichterstattung nicht zu „einer diskriminierenden Verallgemeinerung individuellen Fehlverhaltens führen“, die Zugehörigkeit darf aber erwähnt werden, wenn „ein begründetes öffentliches Interesse besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“
Markus Behmer beschreibt das Problem so: die Nationalität nicht zu thematisieren sei gefährlich, sie zu thematisieren führe aber eben doch zu einer diskriminierenden Verallgemeinerung - „ein Dilemma für alle Journalisten“.
Das zu lösen, sei sehr schwierig, sind sich die Experten einig. Journalisten müssten in jedem Einzelfall reflektieren, ob es notwendig sei, die Herkunft zu nennen. Wenn ja, müssten Ereignisse sofort in einen richtigen Zusammenhang gerückt und Hintergründe dargestellt werden. Das sei aber aufgrund des Drucks, sofort berichten zu müssen „verdammt schwierig“. Auch sollte länger über die Opfer berichtet werden, doch aus Publikumssicht sei es verständlich, dass man erst einmal wissen wolle, wer der Täter ist.
Frank Brettschneider betont, Medien müssten sich mehr darauf konzentrieren, wirklich nur den Tathergang zu beschreiben und keine Spekulationen. Mehr darauf hinweisen, dass Ermittlungen noch laufen, stärker in den Kontext einordnen und stärker die Vorläufigkeit von Wissen betonen. „Das hinzubekommen, ist eine unglaublich schwierige Gratwanderung.“

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