Der Begriff „Terrorgram“ umfasst ein rechtsextremistisches Netzwerk, das sich digital über den Messengerdienst Telegram formiert und dort Inhalte verbreitet, die terroristische Gewalt befürworten und propagieren. Das Staatsschutz- und Anti-Terrorismuszentrum Baden-Württemberg im Landeskriminalamt Baden-Württemberg hat gemeinsam mit den Generalstaatsanwaltschaften Stuttgart und München ein bundesweites Analyseprojekt zur „Terrorgramszene“ durchgeführt, um Erkenntnisse über die Szene zu gewinnen. 37 Fälle von Personen, die den Behörden ins Netz gegangen sind, wurden hierfür ausgewertet.
Minderjährige mit Gewaltfantasien: Rechtsextreme „Terrorgram“-Szene radikalisiert sich
Einige sind unter 14 Jahre alt – und doch befassen sie sich mit Gewalt, wollen Angst schüren. Und das sehr konkret. Eine Analyse gibt Einblicke in die sogenannte "Terrorgram"-Szene. Fälle gibt es auch in Baden-Württemberg.
Hakenkreuzfahnen über dem Kinderbett, nachgebaute Klassenzimmer, um Amoktaten vorzubereiten, Austausch zur Waffenbeschaffung: Auf der Messenger-Plattform Telegram hat sich unter Jugendlichen eine gewaltbereite Online-Szene formiert, die Gräuel nicht nur verherrlicht, sondern explizit dazu aufruft. Ziel der Szene ist es, Chaos zu stiften und die gesellschaftliche Ordnung zum Einsturz bringen. Teenager als Terroristen.
Für eine aktuelle Analyse wurden mehrere Fälle aus Deutschland, auch aus Baden-Württemberg, ausgewertet, um Erkenntnisse über die Szene zu erlangen. Innenminister Thomas Strobl spricht von einer „ernstzunehmenden Gefahr“.
Minderjährige radikalisieren sich: Was über die „Terrorgram“-Szene bekannt ist
In einer Pressekonferenz am Dienstag, 13. Januar, wurde beim LKA in Stuttgart die erste kriminologische Studie zur deutschen „Terrorgram“-Szene vorgestellt. Bei jener radikalen Online-Szene handele es sich vor allem um Jungen deutscher Staatsangehörigkeit unter 16 Jahren, die aus vernachlässigten Familien stammen, keine Freunde hätten und Anerkennung im Netz suchen würden. Mehr als die Hälfte der zugehörigen Teenager, 68 Prozent, würden an psychischen Krankheiten leiden.

„Sie haben Wut und Hass auf die Gesellschaft, von der sie sich diskriminiert fühlt“, erklärt Daniel Köhler vom Staatsschutz und Anti-Terrorismuszentrum Baden-Württemberg. Innenminister Strobl spricht von einer „gewaltigen sicherheitspolitischen Herausforderung“.
Konkrete Gewaltpläne innerhalb der „Terrorgram“-Szene: Waffen bereits beschafft
Denn die Gewaltbereitschaft innerhalb jener Online-Szene ist hoch. So hätten die Jugendlichen in den meisten Fällen bereits Waffen beschafft oder Taten vorbereitet, macht LKA-Präsident Andreas Stenger klar. Während der Ermittlungen seien Hakenkreuzflaggen über dem Kinderbett oder nachgebaute Klassenzimmer entdeckt worden, um Amoktaten vorzubereiten. Vernetzt sei die Online-Szene mit rechtsextremen Gruppen zwar nicht, heißt es weiter. Es gehe vielmehr um Gewaltglorifizierung. Anschluss würde aber gesucht, so Köhler.
Insgesamt 37 Personen sind den Sicherheitsbehörden zwischen 2020 und 2025 ins Netz gegangen, acht Personen von ihnen seien unter 14 Jahre alt. Die Experten gehen von einer Dunkelziffer "im sehr hohen dreistelligen Bereich" aus.
Fälle habe es auch in Baden-Württemberg gegeben, sagt Strobl. Wo und wie viele, wollten die Behörden während der Pressekonferenz nicht sagen. Die Jugendlichen sollten nicht identifizierbar sein.
Teenager als Terroristen: „Terrorgram“-Szene im Visier der Ermittler
Das junge Alter derer, die sich innerhalb jener Online-Szene radikalisieren und gewaltbereit werden, wirft eine weitere Frage auf: Ist die Strafmündigkeit, die erst ab 14 Jahren gilt, noch zu rechtfertigen?
Die Haltung von Innenminister Strobl ist dazu eindeutig, wie er auf der Pressekonferenz klarmacht. Er plädiert für eine Herabsetzung — den die Täter würden immer jünger und wüssten, dass sie vor dem Erreichen des 14. Lebensjahres nicht bestraft werden. Und das sei ebenfalls innerhalb der "Terrorgram-Szene" weithin bekannt, erklärt Gabriele Tilmann von der Generalstaatsanwaltschaft München. Manche Jugendliche würden andere online dazu ermutigen, ihre Taten noch vor dieser Grenze zu begehen.
„Terrorgram“-Szene in Baden-Württemberg: Welche Maßnahmen folgen nun?
Welche Schlüsse ziehen die Behörden nun aus diesen Erkenntnissen? Auf der Pressekonferenz heißt es, dass anhand der Studienergebnisse nun Maßnahmen für die Praxis abgeleitet werden sollen. Dazu zählen etwa Handreichungen für Ausstiegsprogramme und Handreichungen für Ermittler und die Justiz.
„Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens“, macht Innenminister Strobl klar. „Radikalisierung beginnt oft leise – und endet mit verheerenden Konsequenzen.“
Telegram äußert sich zu Maßnahmen gegen Terror-Inhalte im Messenger
Telegram hat am Dienstagabend hierzu Stellung genommen. Gegenüber der Heilbronner Stimme gab Sprecher Remi Vaughn hingegen an, dass der Messenger sämtliche Gruppen und Chats, die in Verbindung mit "Terrorgram" stehen, gelöscht habe, als diese bereits vor Jahren entdeckt worden seien. Seither würden Moderatoren dies weiterhin überwachen und verhindern, dass sich die Gruppen erneut bilden, erklärt Vaughn.

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