Witali Kalojew suchte einen Schuldigen - und stach selber zu

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Ein Hinterbliebener des Flugzeugunglücks von Überlingen steht seit heute vor Gericht - Er soll den diensthabenden Fluglotsen getötet haben

Von Roland Muschel
In den Trümmern der Maschine starb die Familie von Witali Kalojew: Der Witwer wurde die Bilder des Unglücks nicht mehr los. (Foto: lsw)
In den Trümmern der Maschine starb die Familie von Witali Kalojew: Der Witwer wurde die Bilder des Unglücks nicht mehr los. (Foto: lsw)

Irgendwann wollte Witali Kalojew die Sache wohl klären. Direkt, von Mann zu Mann. Eineinhalb Jahre hatte er gewartet, auf eine Entschuldigung, ein Schuldeingeständnis, irgendwas, mit dem er leben könnte. Er wartete vergeblich. Deshalb machte er sich wieder einmal auf den weiten Weg nach Zürich.

Doch als der Bauingenieur aus der russischen Teilrepublik Nord-Ossetien im Zürcher Ortsteil Kloten vor dem Haus jenes Mannes steht, dem er die Schuld am Tod seiner beiden Kinder und seiner Frau gibt, macht er kehrt. Erst zwei Tage später kommt er zurück. Wieder zögert Kalojew. Oberhalb des Hauses steckt er sich eine Zigarette an, raucht sie bis auf den Stummel auf.

Von hier aus kann er den Flughafen Zürich sehen, jenen Ort, an dem der Lotse Peter Nielsen in der Nacht zum 2. Juli 2002 seine Arbeit machte - und wohl auch einen verhängnisvollen Fehler. Nur Sekunden nach einer Anweisung des Dänen krachen über Überlingen zwei Flieger zusammen. Zu dem Zeitpunkt wartet Kalojew noch voller Vorfreude in Barcelona auf einen der beiden Flieger, eine Tupolev aus Moskau. Seine Familie ist an Bord, die er fast ein Jahr lang nicht gesehen hat, weil er sich fernab der Heimat sein Geld verdienen muss. Er trinkt ein Bier. Bevor es leer ist, hört er erste Meldungen vom Flugzeugunglück über Überlingen. Alle Insassen, 71 Menschen, sterben. Auch Kalojews Tochter Diana, 4, Sohn Konstantin, 10, Frau Swetlana, 42.

In jener Nacht, in der sich die Leben von Witali Kalojew, Jahrgang 1959, und Peter Nielsen, Jahrgang 1967, kreuzten, begann für beide ein Albtraum. Die Frage nach einer Mitschuld des Lotsen kam schnell auf und jeden Tag riefen empörte Bürger bei Nielsen und seinem Arbeitgeber, der Schweizer Luftsicherung Skyguide, an und schrieen Kindermörder ins Telefon. Seine Kollegen beteuerten immer wieder, dass der Däne ein gewissenhafter Mann war und viel Erfahrung hatte.

Doch Kalojew bekam die schrecklichen Bilder nicht mehr aus dem Kopf. Er war 2002 sofort von Barcelona nach Überlingen gereist, hatte als einziger Hinterbliebener das ganze Ausmaß der Katastrophe gesehen. Vom Bodensee brachte er drei Fotos mit in die Heimat, der Bestatter hat sie gemacht: eines von Diana, die trotz des Absturzes aus 11 000 Meter Höhe bis auf eine Schramme äußerlich unversehrt geblieben war, und eines von Konstantin, der auf dem Asphalt vor einer Bushaltestelle aufschlug. Das Abschiedsbild von Swetlana zeigt nur einen Sarg, in dem ein Kostüm und Schmuck liegen.

Kalojews arbeitet nie wieder, und wenn, dann nur an der Erinnerung. 25 000 Dollar steckt er in ein monumentales Grab, das, in schwarzen Granit graviert, auf dem heimatlichen Friedhof die Gesichter der Toten zeigt. Die Erinnerung ist sein Leben, und für dieses Leben sucht er einen Schuldigen, zumindest aber eine Entschuldigung. Doch weder Skyguide noch der Lotse, den Kalojew immer mehr als Verursacher seines Leids betrachtet, können sich zu eindeutigen Aussagen durchringen. So sucht Kalojew im Februar 2004 den direkten Kontakt.

Er steht vor Nielsens Haus. Zwei Dinge hat Kalojew für die Begegnung mitgebracht: die Fotos der Toten, die in einem braunen Kuvert stecken. Und ein Messer von Wenger, eines von denen mit dem Schweizer Kreuz darauf, weiß auf rotem Grund, Typ Ranger .

Es ist kurz nach 17.50 Uhr, Dienstag, 24. Februar 2004, als sich die beiden Männer auf Nielsens Terrasse erstmals gegenüber stehen. Drinnen kümmert sich Nielsens Frau Mette um die Kinder. Dann hört sie einen Schrei. Sie eilt zur Terrasse. Dort liegt ihr Mann blutend am Boden, neben ihm steht Kalojew, in der einen Hand das Messer, in der anderen das Kuvert. Mit letzter Kraft fordert Peter Nielsen seine Frau auf, Hilfe zu holen. Sie nimmt die Kinder und rennt zu den Nachbarn. Doch für ihren Mann kommt jede Hilfe zu spät. Immer wieder, mindestens zehn Mal, dringt die Messerklinge, zehn Zentimeter lang, 1,7 Zentimeter breit, in seinen Körper ein. Nielsen verblutet nach wenigen Minuten. Einen Tag später, am 25. Februar 2004, um 16.10 Uhr, wird Witali Kalojev verhaftet.

Ab heute muss sich der Witwer in dem spektakulären Fall vor Gericht verantworten. Staatsanwalt Ulrich Weder wirft dem 49-jährigen Angeklagten vorsätzliche Tötung vor, darauf stehen bis zu 20 Jahre, mindestens aber fünf. Verteidiger Markus Hug geht dagegen von einer Affekthandlung seines Mandanten aus. Der habe nur das Gespräch mit

Nielsen gesucht. Aber der Lotse habe eine abwehrende Geste gemacht, dann seien die Fotos in den Schnee gefallen, alles, was Kalojew von seiner Familie geblieben ist. Kein Vorsatz also, kein Mordplan und erst recht keine Blutrache, sagt Hug. Das mit der Blutrache ist eine Mediengeschichte, die keinen realen Hintergrund hat.

Der Anwalt plädiert auf Totschlag. Bereits morgen will das Obergericht des Schweizer Kantons Zürich ein Urteil fällen. An Kalojews Geschichte aber wird das genauso wenig ändern wie an der, die seine blutige Handschrift trägt. Beides sind Tragödien.

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