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Zeichen gegen rechts

Zutritt verboten: Café in Reutlingen zeigt AfD-Anhängern die Rote Karte

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AfD-Mitglieder oder Sympathisanten sind in einer Reutlinger Kneipe nicht willkommen. Die Wirte wollen mit einem roten Schild ein Zeichen gegen rechts setzen. Das kommt nicht überall gut an.

Von unserer Korrespondentin Ulrike Bäuerlein
AfD-Mitglieder und -Sympathisanten sind in der Reutlinger Café-Kneipe Vis-à-Vis nicht willkommen.
AfD-Mitglieder und -Sympathisanten sind in der Reutlinger Café-Kneipe Vis-à-Vis nicht willkommen.  Foto: Bäuerlein

"Morgens schaut man gerade schon, ob die Scheiben noch heil sind", sagt Stefanie Löwl. Die 57-Jährige betreibt gemeinsam mit ihrem Mann in der Fußgängerzone von Reutlingen, auf der Schwäbischen Alb an Rande der Metropolregion Stuttgart gelegen, die Café-Kneipe "Vis-à-Vis".

Dort gibt es Frühstück und Mittagstisch im Holzambiente, abends kommen die Kneipengänger. Und seit gut einer Woche gilt hier ein Hausverbot für AfD-Mitglieder oder Sympathisanten.

Unmissverständliches Schild im Schaufenster des Cafés: "Rote Karte für die AfD!"

Deutlich sichtbar prangt im Fenster ein rotes Schild mit der Aufschrift: "Rote Karte für die AfD!". Stefan und Stefanie Löwl, die das Lokal seit 2007 betreiben, distanzierten sich schon in der Corona-Zeit von den "Querdenkern", deren Demos auch vor dem Café vorbeizogen. Jetzt will das Gastronomen-Paar mit der "Roten Karte" ebenso deutlich gegen die AfD und Nazis Position beziehen.

Die Gesichter der unerwünschten Kundschaft seien in der Stadt bekannt, sagt die Wirtin auf die Frage, wie das Verbot umgesetzt werden solle. "Wir fanden es nach den großen Demonstrationen höchste Zeit, ein Zeichen zu setzen." Sie wünscht sich Nachahmer. "Gastronomie, Einzelhandel, die Stadt selbst oder die Firmen, da kommt viel zu wenig", sagt die 57-Jährige. Sie habe die Aktion bei der Reutlinger Gastro-Initiative (RGI) gepostet. "Aber bis auf ein Herzchen kam keine Rückmeldung."

Rote Karte für die AfD: Gäste stehen hinter Cafébetreibern, im Internet geht es aber rund

Rückhalt komme dagegen von den Gästen. "Die stehen hinter uns. Manche kommen auch einfach rein und gratulieren uns." Im Netz gab es unfreundliche Kommentare, dazu bislang zwei wütende anonyme Anrufer. "Es sei undemokratisch, Menschen auszugrenzen, die eine andere Meinung haben, wie in der Nazi-Zeit", gibt die Wirtin die Kritik wieder. "Aber mir macht Angst, was sich da entwickelt. Die AfD gibt Polemik von sich statt Lösungsansätze. Und Hass geht einfach nicht."

Einer, der persönlich gemeint ist mit dem Platzverweis, ist Hansjörg Schrade, einer der beiden Reutlinger AfD-Stadträte und stellvertretender Kreisvorsitzender der Partei. Schrade war früher selbst gerne Gast dort, sagt er: "Es ist ein nettes Café, mit grasgrüner Stammkundschaft." Die Betreiber hätten sich schon zu Corona-Zeiten klar gegen kritische Demonstranten positioniert, die rote Karte sei eine logische Fortsetzung.

"Wenn das Café mich in einem Zeitungsbericht namentlich nennt und ankündigt, ein Hausverbot gegen mich zu verhängen, ist meine Gesprächsbereitschaft auch erloschen. Ich brauche das Café nicht, werde aber auch nicht zum Gegenboykott aufrufen. Das ist Ausgrenzung pur, da mache ich nicht mit. Ich trinke meinen Kaffee gerne woanders."

Reutlinger Weinhändler will sich auch gegen die AfD positionieren

Ganz allein sind die Löwls aber nicht. Drei Fußminuten von ihrem Café entfernt betreibt Timo Gleichner mit seiner Frau eine Wein- und Spirituosenhandlung. Die "Rote Karte" im Vis-à-Vis hat er gerade erst entdeckt, jetzt überlegt er, sie sich auch ins Schaufenster zu stellen. "Gerade als Unternehmer muss man jetzt Flagge zeigen", sagt Gleichner. Er selbst hat vor kurzem eine Verkostung "Tasting gegen Rechts" veranstaltet, bei der die Hälfte des Erlöses an den Verein "Kein Bock auf Nazis" ging.

Aber ist ein Hausverbot für die AfD keine Ausgrenzung? "Absolut nicht", sagt Gleichner. "Das ist ein völlig legitimes Mittel. Ich frage mich manchmal, ob es nicht sogar unsere Pflicht ist." Natürlich sei nicht jeder, der die AfD unterstütze, ein Nazi. "Aber sie nehmen in Kauf, dass menschenverachtende Äußerungen schöngeredet werden." Wenn er Kundschaft verliere, dann sei das eben so. "Aber wenn jemand demokratischen Boden verlässt, ist es in meine Augen ok zu sagen: Ich möchte dich hier nicht haben."

Dehoga will sich nicht deutlich festlegen

Deutlich zurückhaltender bewertet der Hotel- und Gastronomieverband vor Ort die Aktion. "Es ist das gute Recht der Café-Betreiber, das zu machen, aber das ist eine ganz private Entscheidung", sagt Gerhard Gumpper, Vorsitzender der Dehoga-Kreisstelle. Gumpper ist selbst Hotelier und Gastronom, will sich aber nicht positionieren. "Weder schließe ich mich an, noch sage ich, dass das gar nicht geht." Von örtlichen Gastronomen habe er, so Gumpper, jedenfalls noch keine Rückmeldung dazu vernommen. Viele hätten ohnehin andere Sorgen.

Aktionen gegen rechts gibt es übrigens auch im Raum Heilbronn. Erst am Samstag fand eine Kundgebung in der Brackenheimer Innenstadt statt. 

 

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