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Interview
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"Wir müssen eine Klimaschutzkultur in der Gesellschaft verankern"

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Die Vorsitzende des Klima-Sachverständigenrats spricht darüber, warum Klimaschutz alternativlos ist. Niemand, sagt sie, könne etwas dagegen haben, unsere Lebensgrundlage zu schützen.

von Matthias Schmid
Auf dem Dach des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung gibt es natürlich eine PV-Anlage: Maike Schmidt forscht darüber, wie das Land seine ehrgeizigen Klimaziele auch tatsächlich erreichen kann. Foto: Christiana Kunz
Auf dem Dach des Zentrums für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung gibt es natürlich eine PV-Anlage: Maike Schmidt forscht darüber, wie das Land seine ehrgeizigen Klimaziele auch tatsächlich erreichen kann. Foto: Christiana Kunz  Foto: Kunz, Christiana

Maike Schmidt verfolgt die derzeit laufende Weltklimakonferenz in Dubai genau. Sie arbeitet als Wissenschaftlerin daran, dass die Energiewende rasch gelingt. Nebenbei ist sie Vorsitzende des Klima-Sachverständigenrats der Landesregierung. Im Interview spricht sie darüber, was das Land besser machen muss und wie Gesellschaft und Wirtschaft vom Klimaschutz profitieren.

 

Frau Schmidt, die grün-schwarze Landesregierung bezeichnet sich gerne als Klimaschutzland. Macht sie mehr für den Klimaschutz als andere Bundesländer?

Maike Schmidt: Nein, Baden-Württemberg hat natürlich - und das ist in jedem Fall vorbildlich - das Klimaschutz- und Klimawandelanpassungsgesetz mit der gesetzlichen Verankerung einer Treibhausgasreduktion um 65 Prozent bis 2030 und der Klimaneutralität bis 2040. Nicht zu vergessen die Sektorziele, die vorgeben, wie hoch die Treibhausgaseinsparung konkret in den verschiedenen Sektoren wie Gebäude oder Verkehr sein muss. Hiermit nimmt das Land eine Vorreiterrolle ein. Auf der Umsetzungsebene sind andere Bundesländer an unterschiedlichen Stellen aber zum Teil weiter.

 

Zum Beispiel bei der Windenergie?

Schmidt: Ja, da sind andere Bundesländer deutlich weiter als Baden-Württemberg und nicht nur die, die an der Küste liegen. Nordrhein-Westfalen beispielsweise, ein wirklich dicht besiedeltes Land, kann im Moment eine sehr dynamische Entwicklung bei der Windenergie vorweisen. Auch wenn mit der Task Force Erneuerbare Energien erhebliche Schritte zur Beschleunigung der Genehmigungs- und Umsetzungsverfahren in Baden-Württemberg angestoßen wurden, muss das Land noch schneller und breiter umsetzen.

 

Kann das Land die Klimaneutralität bis 2040 schaffen?

Schmidt: In der Studie "Sektorziele 2030 und klimaneutrales Baden-Württemberg 2040" wird ein möglicher Pfad aufgezeigt, wie dies erreicht werden kann. Die Herausforderung ist aber, dass der Bund erst 2045, also fünf Jahre später, und Europa erst 2050 - also noch mal fünf Jahre später klimaneutral werden möchte. In vielen Bereichen werden die wesentlichen Weichen durch den Bund und Europa gestellt, das heißt, Baden-Württemberg hat kaum aktiven Einfluss auf das Erreichen der Ziele beziehungsweise die Entwicklung dieser Bereiche und kann hier schwer aus eigener Kraft beschleunigen. Das Land muss darauf vertrauen, dass die EU und Deutschland vorlegen, damit es mit eigenen Maßnahmen noch die Lücken füllen kann.

 

Dies trifft besonders auf den Sektor Industrie zu, wo ein Bundesland keine regulatorische Handhabe hat.

Schmidt: Umso wichtiger sind Anreize für die Wirtschaft. Wir wollen alle, dass Baden-Württemberg Industrieland bleibt und die Unternehmen weiter hier investieren und produzieren. Und dazu müssen die Rahmenbedingungen geschaffen werden. Das heißt: Sie brauchen ausreichend erneuerbaren Strom und auch grünen Wasserstoff. Hier kann das Land unterstützen, indem der Ausbau der Erneuerbaren vorangetrieben wird und Flächen bereitgestellt werden. Vieles ist im Klima-Maßnahmen-Register angelegt, aber wir brauchen eine sehr viel stärkere Dynamik, um die Ziele erreichen zu können.

 

In Ihrer Stellungnahme schreiben Sie, dass manche Maßnahmen zu zaghaft sind, nicht ausreichend. Haben Sie ein konkretes Beispiel in der Industrie?

Schmidt: Wir haben die Maßnahme "Roadmap klimaneutrale Produktion Baden-Württemberg", es ist eine Art Fahrplan für die Unternehmen, der wissenschaftsbasiert aufzeigt, wie verschiedene Technologien und Produktionspfade klimaneutral werden können. Das kommt aus meiner Sicht fünf Jahre zu spät. Was wir jetzt brauchen, ist ein niederschwelliges Beratungsangebot, das Unternehmen dabei unterstützt, klimaschützende Investitionsentscheidungen zu treffen. Ein Angebot, das sie sofort in Anspruch nehmen können, und zwar ohne groß Formulare ausfüllen zu müssen, um eine Förderung zu bekommen. Die Roadmap muss ergänzt werden durch ein Förderprogramm, das die finanzielle Lücke schließen hilft, wenn heute die klimaneutrale Option noch teurer ist als die konventionelle.

 

Beratung brauchen auch die Bürger, das hat man beim Heizungsgesetz gesehen, da waren viele Unwahrheiten im Umlauf.

Schmidt: Mich haben die Reaktionen auf das Gebäudeenergiegesetz auf Bundesebene schon sehr erschreckt, ich hätte nicht gedacht, dass sich da solche Gräben in der Bevölkerung, so ein Gegeneinander auftun würden. Und nicht nur dort, sondern auch im politischen Raum. Auf der anderen Seite hat es auch gezeigt, dass unsere Gesellschaft im Moment zu Klimaschutz nur bereit ist, wenn er nicht im eigenen Geldbeutel zu spüren ist und die Menschen nicht unmittelbar betroffen sind. Viele kaufen sich eine Photovoltaik-Anlage, weil es sich rechnet, und nicht, weil es dem Klimaschutz nützt. Das bedeutet für mich, dass wir für die Klimakommunikation und weitere Maßnahmen ein anderes Konzept brauchen, wir müssen stärker den Nutzen des Klimaschutzes herausstellen.

 

Wie?

Schmidt: Wir brauchen Kompensationsmaßnahmen wie das Klimageld, dann wäre vielleicht auch die Reaktion beim Gebäudeenergiegesetz gar nicht so heftig ausgefallen und man hätte von Anfang an die Bevölkerung besser mitnehmen können. Das haben wir aber so nicht und insofern kann ich schon verstehen, wenn viele Bürger das Gefühl haben, es wird alles bei ihnen abgeladen und jetzt sollen sie auch noch ihre Heizung tauschen. Aber: Niemand kann doch etwas dagegen haben, unsere Lebensgrundlagen zu schützen. Besonders, weil der Klimawandel auch bei uns schon mit Hitze, Dürre und Überschwemmungen sicht- und spürbar ist. Da wird mir schon ein bisschen Angst, wenn ich sehe, dass da der Einzelne gar nicht bereit ist, das mitzutragen, denn wir werden künftig noch sehr viel mehr schultern müssen, um die Klimaziele zu erreichen.

 

Wie kann man die Leute für den Klimaschutz gewinnen?

Schmidt: Die Menschen müssen den Nutzen des Klimaschutzes spüren. Es gibt Modelle, die Anrainerkommune von Windenergieanlagen oder Photovoltaik-Freiflächenanlagen an den Erlösen zu beteiligen. Das ist ein wichtiges Instrument, das auch Baden-Württemberg umsetzen sollte. Im Moment ist das eine freiwillige Regelung im Erneuerbare-Energien-Gesetz. Das könnte das Land auch verpflichtend machen. Einzelne Bundesländer haben das schon umgesetzt. Eine weitere Option wäre die Einführung einer Verpflichtung für den Anlagenbetreiber, den Anwohnern der Standortkommune einen vergünstigten Stromtarif anzubieten. Hiervon würden alle unmittelbar profitieren. Solche Beteiligungsmodelle schaffen Anreize für Kommunen, dass diese vermehrt und zusätzliche Flächen für Windenergie- und Freiflächen-PV-Anlagen zur Verfügung stellen.

 

Die Solarbranche boomt derzeit, es gibt neue Rekorde beim Zubau in ganz Deutschland. Davon profitieren die Handwerker im Land. Klimaschutz sichert also unseren Wohlstand?

Schmidt: Ja, auf jeden Fall. Der Klimaschutz bietet dem Handwerk eine hervorragende und sehr langfristige Zukunftsperspektive. Hier müssen wir die Tätigkeiten und Arbeitsplätze ganz anders bewerben, damit sich junge Leute dafür begeistern. Klimaschutz und auch Klimawandelanpassung sorgen für langfristige, zukunftsträchtige Arbeitsplätze und das Erhalten unseres Wohlstands. Dieser wird durch den Klimawandel nicht nur bedroht, sondern schlimmstenfalls vernichtet. Wir müssen hier voranschreiten, denn Stillstand bedeutet in diesem Fall Verlust.

 

Trotz aller Defizite. Sind Sie denn optimistisch, dass Baden-Württemberg die Klimaschutzziele erreichen kann?

Schmidt: Es ist keine Frage der Einstellung. Wir müssen die Dinge realistisch betrachten und abwägen, was möglich ist und was nicht. Und ich glaube schon, dass das Klimaziel erreichbar ist, wenn es uns gelingt, eine "Klimaschutzkultur" in der Gesellschaft zu verankern. Denn die Gesellschaft muss Klimaschutz und die damit einhergehende Veränderung nicht nur mittragen, sondern sie aktiv umsetzen. Verzögern wir Klimaschutz und Klimawandelanpassung, werden wir einen hohen Preis dafür bezahlen: Wir werden nicht nur durch den Klimawandel massive Schäden erleiden, sondern müssen dann später eine sehr viel teurere und schmerzhaftere Transformation in einer noch viel kürzeren Zeit durchlaufen. Klimaschutz ist alternativlos und wir müssen alles daran setzen, die Ziele möglichst schnell und umfassend zu erreichen, auch wenn uns vielleicht nicht überall eine Punktlandung gelingt.


Zur Person

Maike Schmidt ist in Lübeck geboren und hat in Flensburg Wirtschaftsingenieurswesen mit Schwerpunkt Umwelt- und Energiemanagement studiert. Heute leitet die 44-Jährige im Stuttgarter Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoffforschung Baden-Württemberg das Fachgebiet Systemanalyse. Außerdem ist sie seit März 2022 Vorsitzende des unabhängigen Klima-Sachverständigenrats der Landesregierung. Sie hat eine Tochter und reitet in ihrer Freizeit gerne.

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