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Uniklinik Mannheim: Mit neuer Führungskultur aus der Krise

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Es war einer der größten öffentlich gewordenen Hygieneskandale in einem deutschen Krankenhaus: Von 2007 bis 2014 soll an der Uniklinik Mannheim unsauberes OP-Besteck eingesetzt worden sein. Wie ist die Lage heute?

Von Von Valerie Blass
Alles neu in der Zentralen Sterilgutversorgung der Universitätsmedizin Mannheim. Oben: Christoph Klein, Leiter des Bereichs, prüft eine Knochenstanze durch das Mikroskop. Links: Eine Mitarbeiterin wartet OP-Instrumente.
Fotos: Blass, privat
Alles neu in der Zentralen Sterilgutversorgung der Universitätsmedizin Mannheim. Oben: Christoph Klein, Leiter des Bereichs, prüft eine Knochenstanze durch das Mikroskop. Links: Eine Mitarbeiterin wartet OP-Instrumente. Fotos: Blass, privat  Foto: Blass

Rund 50.000 stationäre Patienten hat die Einrichtung pro Jahr - Tausende Eingriffe könnten mit Endoskopen, Scheren und Knochenstanzen vorgenommen worden sein, die nicht vorschriftsmäßig gereinigt waren. Teilweise war das OP-Besteck offenbar sogar für das bloße Auge sichtbar mit Blut oder Geweberesten verschmutzt. Ein potenzielles Risiko für Patienten. Die Infektionszahlen, das betont Kliniksprecher Dirk Schuhmann gleichwohl, seien nicht nach oben gegangen.

Eine anonyme Anzeige rief im Oktober 2014 die Staatsanwaltschaft auf den Plan. Der kaufmännische Geschäftsführer musste in der Folge gehen, Patienten blieben verunsichert weg, und die Universitätsmedizin Mannheim (UMM) rutschte tief in die roten Zahlen. 34 Millionen Euro fehlten 2014 in der Bilanz, bis zu 30 Millionen sind es 2015.

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Knapp eineinhalb Jahre ist der Skandal her. Ein Führungsduo bestehend aus dem Kaufmännischen Geschäftsführer, Dr. Jörg Blattmann, und dem Ärztlichen Direktor, Professor Frederik Wenz, hat Ende 2014 seine Arbeit aufgenommen. Und dort, wo der Skandal seinen Ursprung hatte, in der Zentralen Sterilgutversorgung (ZSVA) des Klinikums, ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Rund 16 Millionen Euro hat die UMM investiert, fast das gesamte Operationsbesteck ausgetauscht, neue Hochleistungs-Spülmaschinen angeschafft, Wände verrückt und das Personal nachgeschult. "Fast alles, was Sie hier sehen, ist komplett neu", sagt Dr. Christoph Klein, Leiter des Bereichs Zentrale Klinische Einrichtungen beim Gang durch die ZSVA.

24 Stunden am Tag kommt hier, im Keller von Haus zwei auf dem UMM-Campus, benutztes OP-Besteck an. Rund 38 Mitarbeiter reinigen die Gerätschaften im Dreischicht-Betrieb. Dabei setzt die Einrichtung inzwischen auf neueste Technik und intensive Schulungen - zuvor, so ein Vorwurf aus dem Hygieneskandal, fehlte Angestellten die nötige Fachkenntnis. Und wohl auch das Bewusstsein für die Gefahren, die im Umgang mit den Instrumenten lauern können. "Früher war hier der Frühstücksraum", sagt Agnieszka Banasiak beim Wechseln in Krankenhauskleidung in der Frauenumkleide direkt vor der ZSVA. Im Auftrag des externen Dienstleisters Orgamed begleitet sie die Neuorganisation. Einigen Mitarbeitern sei gar nicht klar gewesen, welche Gefahren für sie selbst und ihre Familien durch Keime drohen können, wenn sie die Kleider nicht wechseln, bevor sie in den zivilen Bereich gehen - auch wenn es nur kurz ist, zum Essen oder für den Toilettengang.

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Inzwischen ist das anders. Fünf- bis sechsmal am Tag, bei jedem Gang vor die Tür der ZSVA, wird die Kleidung getauscht. Wer im unreinen Bereich arbeitet, dort wo das benutzte OP-Besteck ankommt, trägt orange. Blau ist die Farbe im reinen Bereich, wo das saubere Besteck wieder neu gepackt wird und die Siebe sterilisiert werden. Siebe, so heißen die Edelstahlnetze, in denen alles enthalten und geordnet ist, was die Operateure der Klinik brauchen.

Jeder Arbeitsschritt wird penibel dokumentiert. Verlässt ein Sieb die ZSVA, ist über einen Barcode nachvollziehbar, wer es wann gepackt hat. Agnieszka Banasiak demonstriert, dass der Computer Alarm schlägt, wenn etwas schief läuft. Die Technik sei so fortschrittlich, sagt Christoph Klein, dass Besucher aus andere Kliniken nach Mannheim kämen, um sich alles zeigen zu lassen.

Und die Neuaufstellung ist noch nicht beendet. In einem anderen Gebäude soll eine weitere ZSVA entstehen - für die Reinigung von zusätzlichen Endoskopen, die eine andere Behandlung brauchen als Edelstahl-Instrumente. Und als Ausweichlösung bei Hochwasser. Eine Bedrohung, denn die bestehende ZSVA liegt unter Neckarniveau, und der Fluss fließt am Campus vorbei. Klein und sein Team arbeiten außerdem an einer Fotoerkennung. Künftig soll jedes Sieb, das die Abteilung verlässt, automatisch fotografiert und mit dem Soll-Standard abgeglichen werden.

In anderen Bereichen des Klinikkomplexes, der in Teilen aus dem Jahr 1914 stammt, sieht man noch deutlich, woher die UMM kommt. Die Toilette am Haupteingang - eine einzige für Frauen, Männer und Behinderte - sieht aus, als sei sie seit dem Erbauungsjahr des Klinikums nicht mehr saniert worden. Ein Ärgernis, räumt Sprecher Dirk Schuhmann ein, "aber das steht auch auf unserer Liste".

"Wir kommen aus einer schwierigen Situation, und haben eine Chance - übers Ziel hinauszuschießen", sagt Frederik Wenz, der ausgebildeter Radiologe ist. Natürlich sei es wichtig, die Ursachen für den Skandal zu erforschen. Und zwar vor allem, um daraus für die Zukunft lernen zu können. Vorwärtsgewandt denken und handeln - das scheint das Leitmotiv. "Wir haben alle Prozesse unter Qualitäts-Gesichtspunkten überprüft und Restrukturierungen in Angriff genommen." Jetzt liege der Fokus auf dem Ausbau der qualitätsgesicherten universitären Maximalversorgung. Heißt: Man will nicht unbedingt mehr Patienten, aber das Niveau der Eingriffe soll weiter steigen. Man will Spitzenmedizin bieten, die an Krankenhäusern ohne Universitätsbetrieb so nicht möglich ist.

Auch an der Unternehmenskultur wird gearbeitet. Wenz will kommunizieren, präsent sein, die Mitarbeiter einbeziehen. "Ein Kulturwandel braucht Zeit, doch es ist wichtig, ihn von innen zu suchen, anstatt von oben etwas vorzugeben." Anscheinend auch eine neue Erkenntnis. Schon vor Bekanntwerden des Skandals sollen Mitarbeiter konkrete Hinweise auf gravierende Hygienemängel gegeben haben. Der Vorwurf damals: Die alte Geschäftsführung habe darauf nicht reagiert.

 

UMM

Die Universitätsmedizin Mannheim (UMM) ist ein Klinikum der Maximalversorgung − alle wichtigen Fachgebiete sind vertreten und es kann auf höchstem medizinisch- technischen Niveau behandelt werden. 2014 hatte die UMM rund 220.000 ambulante und 54.000 stationäre Patienten. Nach dem Hygieneskandal kamen rund fünf Prozent weniger. Inzwischen zeige die Tendenz wieder nach oben, sagt der Ärztliche Direktor Frederik Wenz. 44 Prozent der Patienten kommen aus Mannheim, 14 Prozent aus dem Rhein-Neckar-Kreis, fünf Prozent aus dem übrigen Baden-Württemberg. vbs

 
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